Pflege
"Ich bin rund um die Uhr für Mutti da"
Wenn Kinder oder Jugendliche kranke Familienmitglieder pflegen, unterliegen sie enormen Belastungen. Doch niemand weiß, wie viele Kinder in Deutschland betroffen sind. Auch gibt es kaum Betreuungangebote, die sich speziell mit der Problematik jugendlicher Pfleger befassen.
Kinder, die sich um kranke Familienangehörige kümmern - ein Thema mit dem sich, außer den Betroffenen, in Deutschland bisher kaum jemand auseinander setzt. In einer Studie befragten Pflegewissenschaftler der Universität Witten-Herdecke erstmals Kinder in Familien mit Pflegefällen. Hierzulande fehlen Initiativen, in denen diese Familien und Minderjährige spezifisch betreut werden. Die Untersuchung, die vom Bundesforschungsministerium gefördert wird, soll die Grundlagen bereiten für ein derartiges Pflegekonzept bereiten.
Wie viele Kinder sich in Deutschland um pflegebedürftige Angehörige kümmern, weiß niemand. Ein Blick ins europäische Ausland offenbart dringenden Aufholbedarf. Laut einer Volkszählung in Großbritannien versorgten 2001 etwa 1,5 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren kranke Familienmitglieder. "Überträgt man die Zahlen auf Deutschland, entspricht dies etwa 225.000 pflegenden Kindern hierzulande", schätzt Sabine Metzing, Projektbeauftragte der Studie.
Kinder übernehmen vielfältige Aufgaben
Der Begriff Pflege umfasst dabei die medizinische Betreuung sowie emotionale und körperliche Unterstützung erkrankter Angehöriger. Ebenfalls unter den Pflegebegriff fallen Tätigkeiten, die der Kranke nicht selbst wahrnehmen kann, wie auf Geschwister aufpassen oder Hausarbeiten erledigen. "Lücken füllen und in Bereitschaft sein", beschreibt Metzing die Aufgaben, die Kinder übernehmen. "Die Spanne reicht von 'Ich helfe mit' bis 'Ich bin rund um die Uhr für Mutti da'."
Kinder, die sich um andere Familienmitglieder kümmern, nehmen eine große Verantwortung auf sich. Ein Extrembeispiel hat die Forscher besonders beeindruckt: Ein vierjähriges Mädchen, dessen Mutter an Rheuma leidet, kümmert sich nicht nur um ihre Mutter. Sie bringt ihr Essen und Trinken, hilft ihr bei Toilettengängen und passt auf ihre zweijährige Schwester auf.
Auch die Familie braucht Hilfe
Diese Kinder übernehmen eine enorme Verantwortung. Für eine unbeschwerte Kindheit mit Herumtollen und freier Entfaltung bleibt Kindern von chronisch körperlich oder psychisch kranken Eltern kaum Zeit. Doch kaum jemand weiß, mit welchen Probleme solche Kinder zu kämpfen haben. "Dies ist auch ein Problem unseres Gesundheitswesens", erklärt Metzing, "hier wird an vielen Stellen, sei es beim Hausarzt oder den Pflegediensten, weggeschaut". Oft fehlen Zeit und Bewusstsein dafür, dass es neben dem chronisch Kranken auch eine Familie gibt, die Hilfe braucht.
Zudem haben viele Familien Angst vor einer Stigmatisierung. Mobbing in der Schule und soziale Ausgrenzungen sind nicht setzten. Viele Familien schweigen daher über die Belastung, die mit der Pflege einhergeht. Dabei ist es "ausgesprochener Wunsch dieser Familien, so normal wie möglich weiterleben zu können", so Metzing.
Vorbild Großbritannien
Vorbild für die Betreuung vor allem minderjähriger Pfleger ist auch Großbritannien. Dort gibt es etwa 350 Projekte, die sich jungen Helfern ("Young Carers") widmen. Vergleichbare Initiativen sind in Deutschland nicht zu finden. "Wir brauchen Anlaufstellen für diese Familien", fordert Metzing. Zusammen mit Organisationen, die Beratungsangebote leisten, soll nun die Grundlage für Projekte nach britischem Vorbild auch in Deutschland geschaffen werden.
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