Klimawandel
Geisterstadt steigt aus verdunstendem Stausee auf
Vor 50 Jahren wurde ein Dorf in Australien für ein Staudamm-Projekt überflutet. Die 700 Einwohner wurden zuvor umgesiedelt. Nach einer langen Dürre ist das alte Dorf nun wieder aufgetaucht. Die einstigen Bewohner besuchen die Überreste ihres ehemaligen Zuhauses.
Die Jahrhundertdürre in Australien hat ein Dorf wiederauferstehen lassen, dass vor 50 Jahren von den Fluten eines Stausees bedeckt worden war. Der 700-Seelen-Weiler Adaminaby in den Snowy Mountains zwischen New South Wales und Victoria musste 1957 einem gigantischen Staudamm-Projekt weichen. Der künstliche See Eucumbene begrub das Dorf unter seinem Wasser, die Einwohner mussten neun Kilometer weiter in ein neues Adaminaby ziehen. Damals hieß es auf Nimmerwiedersehen – bis der außergewöhnlich trockene australische Sommer die Geisterstadt aus den Fluten wiederauftauchen ließ.
"Wir konnten es nicht glauben, als auf einmal die Straßen wieder zu sehen waren", erzählt Leigh Stewart. Der alte Mann war noch im alten Adaminaby aufgewachsen. Nun läuft er ungläubig um die schlammigen Überreste seines Elterhauses herum: "So viele Erinnernungen tauchen wieder auf", sagte er verträumt.
Die Hauptstraße des Dorfs ist nach 50 Jahren unter Wasser in traurigem Zustand. Scherben, rostige Batterien, Flaschen und andere Alltagsgegenstände trocknen in der Sonne, an ihren Rändern stehen noch die Grundmauern alter Häuser. Mit ihrem Sinn fürs Pragmatische nutzen die Einheimischen die abschüssige Straße, um ihre Boote in das verbleibende Wasser des Eucumbene-Sees zu lassen. Wo die Straße im Wasser verschwindet, zeigen schwarze Baumskelette ihren weiteren Verlauf an.
Eine Betontreppe führt hinauf zu den Resten der katholischen Dorfkirche. Außer einigen Backsteinpfeilern, den Resten der Treppe und morschen Bodenplanken ist von ihr nicht viel übrig geblieben. Auf der Treppe wurden Greg und Mary Russel vor 60 Jahren mit Konfetti beworfen, als sie nach ihrer Trauung vor das Kirchenportal traten. Greg ist heute 82 Jahre alt, und beim Anblick der Kirche kommt bei ihm Wehmut auf: "Wir haben hier viel Schönes erlebt. Es ist seltsam, das Dorf jetzt in diesem Zustand zu sehen."
Damals verwirklichten die Behörden in den Snowy Mountains ein ehrgeiziges Energieprojekt: Es entstanden 16 Staudämme zur Beherrschung des Snowy River, sieben Kraftwerke, 147 Kilometer Bergtunnel und 80 Kilometer Viadukte. Über 100.000 Arbeiter bauten daran, viele kamen aus dem kriegszerstörten Europa. Adaminaby war im Weg: "Man hat uns gesagt, wir müssten weg", erinnert sich Anne Kennedy, die damals noch ein Kind war. "Mein Vater wollte sie mit einem Gewehr davonjagen, aber sie haben uns erklärt, es sei zum Wohle der Nation." Nur 250 der damaligen Einwohner seien in das neue Dorf gezogen, erzählt Kennedy. Die anderen hätten die magere Entschädigung genommen und seien fortgegangen.
So schön es für die alten Einwohner ist, ihr Heimatdorf wiederzusehen – gleichzeitig betrachten sie Adaminabys Wiederauferstehung mit Sorge: Zu deutlich erkennen sie, wie weit der See bereits zurückgegangen ist. "Wir hoffen, dass es bald richtig regnet, um den See wieder aufzufüllen", sagt Stewart. Wie viele Australier glaubt auch er, dass die anhaltende Trockenheit und der stetig sinkende Wasserspiegel Konsequenz des Klimawandels sind. Zwar weigert sich Premierminister John Howard bislang, einen direkten Zusammenhang zu sehen, doch findet auch er, dass die Dauerdürre eine "beispiellose Gefahr" für Australien darstelle.
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