01.07.08

Landwirtschaft

Hoch hinaus mit dem neuen Schweinesystem

Eine halbe Stunde von Amsterdam entfernt verwirklichen Visionäre ihre Idee: Dort gibt es frei lebende wilde Herden wie in Urzeiten. Das Gegenstück anderer Visionäre sind Gewächshäuser und Ställe, die in den Himmel wachsen sollen: "Vertical farming" verlegt Anbauflächen für Salat und Weideflächen fürs Tier in Wolkenkratzer.

Foto: MVRDV
Ausstellung "De eetbare Stad"

Hufe donnern über die Savanne. Herden bis zum Horizont, wie in der Serengeti. Doch es sind keine Zebras und Gazellen, sondern europäische Tiere: Rothirsche, Wildpferde und Wildrinder. Nur eine halbe Stunde von Amsterdam entfernt liegt Oostvaardersplassen, eine dem Meer abgerungene Ebene. Dort verwirklichen niederländische Naturschutzvisionäre eine revolutionäre Idee: frei lebende wilde Herden wie in Urzeiten.

3000 große Huftiere bevölkern Oostvaardersplassen. Die niederländische Serengeti ist umgeben von Industrie- und Agrarlandschaft, von Städten, Fabrikgeländen und intensiv genutzten Ackerflächen. Ein Stück Wildnis würde hier niemand vermuten. Oostvaardersplassen könnte die Kernzelle für ein Netz von Naturlandschaften sein. Bis zum Jahr 2020 sollen in ganz Holland etwa 200.000 Hektar Fläche in einen möglichst naturnahen Zustand versetzt werden.

Das Gegenstück zu Oostvaardersplassen sind die ausgedehnten Glashauskulturen, die bei Rotterdam und anderswo die Straßen säumen. Ein Teil der niederländischen Naturschützer und Agrarfachleute teilt die gleiche Vision. Landwirtschaft soll auf so wenig Hektar wie möglich höchste Erträge abwerfen, und auf den somit eingesparten Flächen darf sich wieder wilde Natur ausbreiten: Hightech-Gewächshäuser in den Industriegebieten und drum herum Wildnis.


"Vertical farming" nennen die Visionäre ihre Idee. Statt immer mehr Land unter den Pflug zu nehmen, sollen Gemüse, Obst, Fleisch und Fisch stadtnah produziert werden. Hochhäuser für Schweine, Gewächshaustürme für Salat und Schwimmhallen für Fische. Das alles möglichst vernetzt, damit der Abfallstoff des einen zur Nahrung des anderen wird.

Hightech-Ställe für humane Tierhaltung

In ihrem Heimatland konnten die Agrar-Avantgardisten bisher keine ihrer Ideen realisieren. Doch China gibt ihnen jetzt erstmals die Möglichkeit, sich in der Praxis zu bewähren. Der niederländische Landschaftsökologe Peter Smeets und sein Team arbeiten mit am "Greenport" vor den Toren Shanghais. Der Agrarpark soll auf einer Fläche von 70 Fußballfeldern errichtet werden. Die Wissenschaftler versprechen, dass in den Hightech-Ställen für Rinder, Schweine und Hühner auf humane Tierhaltung geachtet wird.

Ökologisch betrachtet ist die Urbanisierung der Viehzucht durchaus sinnvoll. Denn der große globale Landschaftsfresser ist die Landwirtschaft. Etwa die Hälfte der eisfreien Erdoberfläche des Planeten dient dem Ackerbau oder der Viehzucht. Städte, Straßen und Fabriken nehmen nur etwa eineinhalb Prozent der Landfläche ein. "Abgesehen von den Eis- und Hitzewüsten sind so gut wie alle Flächen, die überhaupt genutzt werden können, einer landwirtschaftlichen Nutzung unterworfen", sagt der Biologe Josef H. Reichholf. "Zwei Drittel davon sind Weideland, der Rest Ackerland. Man kann noch Weiden in Äcker umwandeln, aber das Weideland lässt sich nicht mehr nennenswert ausweiten." Die eine Milliarde Schweine auf der Welt würde in Freilandhaltung schon heute die Fläche Australiens benötigen. "Vertical farming" wäre ein Ausweg. Tierställe, Obst- und Gemüsekulturen könnten übereinandergestapelt werden. Doch für die drei wichtigsten Nahrungspflanzen der Menschen bleiben Hochhäuser ungeeignet. Weizen, Reis und Mais stellen 70 Prozent der menschlichen Ernährung und werden wohl auch weiterhin auf der Fläche angebaut.

Champignonzucht in Etage 3

Der "Greenport" in Shanghai hat einen Vorläufer, der im Jahr 2000 heiß diskutiert, aber nie verwirklicht wurde. Der frühere niederländische Landwirtschaftminister Laurens Jan Brinkhorst schlug damals vor, im Rotterdamer Hafen die größte Agrarfabrik der Welt zu bauen. Das Projekt "Deltapark" war als Leitbild für eine effiziente, umweltschonende und tierfreundliche Landwirtschaft gedacht. Der Gebäudekomplex sollte einen Kilometer lang und 400 Meter breit werden und ununterbrochen Fleisch, Fisch, Eier, Gemüse und Obst ausspucken.

In den Stockwerken fünf bis sieben waren Gewächshäuser geplant, deren pflanzliche Abfälle als Tierfutter nutzbar gewesen wären. Darunter sollte eine Champignonzucht entstehen. Pilze und Gemüse wären mit Mist aus den Tieretagen gedüngt worden. Die Hühner und Schweine in den Stockwerken eins bis drei hätten – so der Plan – mit ihrer Abwärme die Gewächshäuser temperiert und durch ihre Ausscheidungen zusätzlich Methangas für das Heizungssystem geliefert. Das von den Tieren ausgeatmete Kohlendioxid wäre klimaneutral als Luftdünger zu den Gemüsepflanzen geleitet worden.

Widerstand der Öffentlichkeit

Die Zwischengeschosse waren für die Zucht von Heuschrecken und anderen Insekten vorgesehen: Eiweißnahrung für Hühner und Schweine. Im Parterre waren die Schlachterei, Verarbeitung und Verpackung geplant und im Keller eine Fischzucht, die die Schlachtabfälle verwerten sollte. Ökologische Kreislaufwirtschaft in Reinkultur. Vom Fortschritt beflügelt, hatten die Agrar-Visionäre gar nicht erst an Hühnerkäfige und enge Schweinekoben gedacht, sondern moderne, tierfreundliche Haltungssysteme eingeplant, mit Frischluftterrassen sogar. Einer der geistigen Väter des "Deltaparks", Jan Broeze vom Institut für Agrartechnologie der Universität Wageningen, sagt: "Ich wollte damit eine Diskussion in der Öffentlichkeit anregen." Dies ist ihm vortrefflich geglückt. Das Projekt scheiterte letztlich am Widerstand der Öffentlichkeit. Die Mehrheit der Niederländer lehnte es entrüstet ab, aber der Vorschlag wurde im Parlament und in den Medien trotzdem ausführlichst diskutiert.

Jan Broeze arbeitet heute gemeinsam mit Peter Smeets am "Greenport" Shanghai. Auch wenn sie sich in den Niederlanden nicht durchsetzen konnten, so zogen ihre Ideen doch Kreise. Einer, der sich davon inspirieren ließ, war der Stararchitekt Winy Maas, der für seinen avantgardistischen Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover viel Applaus erhielt. Dort zeigte er eine Art gestapeltes Landschaftspanorama der Niederlande.

40 Stockwerke an der Nordseeküste

Kein Wunder also, dass Maas und sein Team Pig City am Computer konstruierten: Siedlungen mit 40-stöckigen Hochhäusern an der Nordseeküste, in denen Schweine wohnen sollen. Und zwar wesentlich komfortabler als in den herkömmlichen Agrarfabriken Europas. In den Hochhausställen von Winy Maas haben die Tiere Einstreu, Suhlen und sogar Bäume. Die offene Konstruktion lässt Frischluft zirkulieren. Tierschützerisch betrachtet wären die Schweinetürme ein große Fortschritt. Und auch die Umwelt würde entlastet. Es gibt in den Niederlanden fast so viele Schweine wie Menschen. Die Schweinemast verbraucht viel Land, und die Entsorgung der Gülle ist eines der größten Umweltprobleme des Landes. Doch selbst bei den aufgeschlossenen Holländern stoßen solche Visionen auf große Skepsis. "Die Niederländer sind im Kern antiurban", sagt Nathalie de Vries, eine Kollegin von Maas.

Da Flächen in Holland immer begrenzt waren, nahmen die Methoden intensiver, platzsparender Landwirtschaft hier schon vor über 100 Jahren ihren Anfang. Einige Gärtner im von Wind geplagten Westland setzten sich damals in den Kopf, Pfirsiche und Tafeltrauben anzupflanzen, zwei zu dieser Zeit modische Luxusfrüchte, nach denen der Markt gierte. Also bauten sie Ziegelmauern, um das wertvolle Obst vor den schneidend kalten Böen zu behüten. Bald montierten einige von ihnen kleine Glasdächer an die Mauern, und nach und nach entstanden die ersten Gewächshäuser. Die Agrarwissenschaftler der Universität Wageningen halfen, das gärtnerische Know-how immer weiter zu verbessern.

Hummeln ohne Insektizide

Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg hatte es Holland zur Gemüseexportnation gebracht. Der niederländische Gemüseanbau ist einer der wenigen profitablen Bereiche der subventionierten europäischen Landwirtschaft. Weder die EU noch das niederländische Finanzministerium fördern das Wachstum der Hollandtomaten. Der Staat gewährt den Großgärtnern, dass sie Erdgas zum Heizen zum Niedrigsteuersatz der Industrie erhalten. Direkte Förderung gibt es lediglich fürs Energiesparen und andere Umweltmaßnahmen.

In den Glaspalästen wird heute kaum noch gespritzt, in etlichen sogar nach Bio-Richtlinien angebaut. Die Pestizide verschwanden aus den Gewächshäusern, seit in den Achtzigerjahren Hummeln einzogen. Die pelzigen Insekten werden zur Bestäubung der Gemüsepflanzen eingesetzt, die sie besser erledigen als zuvor die Gärtner. Doch Hummeln mögen keine Insektizide. So versuchen die Gemüsebauern, ohne Giftspritze auszukommen, und beschränken sich auf die Bekämpfung von Pilzkrankheiten. Unkräuter sind in den Glashallen ohnehin kein Problem, da die Tomaten, Paprika und Gurken dort nicht auf Erde, sondern auf Steinwollequadern gedeihen. Für die Umwelt hat das alles durchaus Vorteile. "Im offenen Feld würde man zwei bis drei Kilo Tomaten pro Quadratmeter ernten", sagt Peter Smeets. "In unseren Gewächshäusern sind es fast 60 bis 100 Kilogramm pro Quadratmeter."

Alle Pläne bisher im Computer

Die niederländischen Ideen für platzsparende Landwirtschaft fielen nicht nur in China auf fruchtbaren Boden, sondern auch in einem Land, das eigentlich nicht unter Platzmangel leidet, den Vereinigten Staaten. Dort überzeugten die vielen anderen Umweltvorteile, zum Beispiel die stadtnahe Produktion, die Transportwege spart. Theodore Caplow vom New Yorker Ingenieurbüro Sun Works will Hochhausdächer mit Treibhäusern versehen. Dickson Despommier, Professor für öffentliches Gesundheitswesen an der New Yorker Columbia-Universität, entwickelte mit seinen Studenten 30-stöckige Agrarhochhäuser, die ähnlich funktionieren sollen wie das Rotterdamer "Deltapark"-Projekt.

Bisher findet alles noch im Computer statt, aber wenn der "Greenport" bei Shanghai tatsächlich zur Weltausstellung 2010 fertiggestellt ist und funktioniert, könnte "vertical farming" das Reich der Utopie verlassen. Einer Utopie, die weniger revolutionär ist, als sie erscheint. Landwirtschaft in der Stadt gab es schon einmal, im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Da wurden in vielen Hinterhöfen Gemüsebeete gepflegt, Kaninchen und Hühner gezüchtet. Selbst Ziegen und Schweine waren in den Metropolen keine Seltenheit, und statt Garagen gab es an jeder Ecke Pferdeställe.

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