09.04.07

Medizin

Loch im Schädel soll Leben retten

Es ist die älteste Operation der Medizingeschichte: Bei der Trepantation wird ein Loch in die Schädeldecke gebohrt. Jetzt beleben Heidelberger Forscher die umstrittene Methode wieder. Denn Schlaganfallpatienten profitieren von dem Eingriff – ihr Hirn wird vom Druck entlastet.

Von Elke Bodderas und Jörg Zittlau
Foto: picture-alliance / akg-images /
Hieronymus Bosch, Das Steinschneiden

Nach einem großen Infarkt sollte die Schädeldecke innerhalb von 48 Stunden vorübergehend halbseitig entfernt werden, berichten Forscher um Werner Hacke, Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg, im Fachjournal "Lancet Neurology". Die Analyse dreier Studien zu diesem Thema hat demnach ergeben, dass sich die Überlebenschancen der operierten Patienten durch den Eingriff fast verdreifachen lassen. "Erstmals ist damit wissenschaftlich belegt, dass die so genannte Hemikranektomie Leben retten und vor schweren Behinderungen bewahren kann", erklärt Hacke.

Patienten mit großflächigem Schlaganfall haben normalerweise eine sehr schlechte Prognose. Der Verschluss einer Hauptversorgungsader, der mittleren Hirnarterie, führe bei fast 80 Prozent der Patienten zum Tode - trotz intensivmedizinischer Behandlung. Das abgestorbene Hirngewebe und seine Umgebung schwellen durch die Einlagerung von Wasser, der Hirndruck steigt massiv.

Kritiker des Eingriffs verweisen auf mögliche bleibende, schwere Behinderungen, vor allem, wenn die Gehirnhälfte betroffen ist, in der sich das Sprachvermögen findet. Deshalb öffnen viele Ärzte standardmäßig den Schädel, andere lehnen das kategorisch ab. Die Analyse in "Lancet Neurology" schloss 95 Patienten nach einem schweren Schlaganfall ein. Dabei zeigte sich im Fall der Hemikraniektomie eine Überlebensrate von 78 Prozent gegenüber 29 Prozent nach intensivmedizinischer Behandlung.

Neurochirurgische Eingriffe zählen zu den anspruchvollsten in der Medizin. Das belegen die Funde aus Steinzeit, Mittelalter und früher Neuzeit. Schon vor 7000 Jahren gab es geübte Schädelchirurgen, die ihren Patienten mit Feuersteinmessern Öffnungen in den Schädel schabten oder schnitten. Die Löcher verheilten in der Regel sehr gut. Die Chirurgen beherrschten diese Kunst weitaus besser als die Ärzte danach. Medizinhistoriker führen das darauf zurück, dass frisch aus einem Feuerstein herausgeschlagene Operationswerkzeuge steril waren, was man von den Metallbohrern späterer Jahrtausende nicht behaupten konnte.

Die Trepanation wurde damals als Heileingriff vorgenommen. Computertomografien der Schädel-Funde zeigen zum Beispiel Blutergüsse, die sich infolge kräftiger Schläge oder nach hartem Aufprall direkt unter dem Knochen ausbreiteten. Nur durch Löcher konnte man einen Abfluss schaffen. Andernfalls hätte der Druck auf das Hirngewebe rasch tödlich geendet. Die Blütezeit war der Trepanation begann im Mittelalter reichte bis ins 18. Jahrhundert, wo die Technik fast schon als Mode gehandhabt wurde. So ist nachgewiesen, dass sich Prinz Philipp von Nassau 27-mal den Schädelbohrungen unterzog. Auch heute gibt es eine noch Fangemeinde. Sie bietet im Internet in einem eigenen Journal Auskunft über die vermeintlichen Vorzüge der Menschen mit "Löchern im Kopf" an.

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