23.11.07

Archäologie

Urzeitspeere beweisen Intelligenz des Urmenschen

Weltsensation in Braunschweig: Die ältesten je gefundenen Speere werden der Öffentlichkeit präsentiert. Nach Meinung von Experten belegen die Waffen, dass die Urzeitmenschen vor 400.000 Jahren keine sprachlosen Aasfresser waren, sondern intelligente Großwildjäger mit großem handwerklichen Geschick.

Zwölf Jahre nach ihrer Entdeckung ist es endlich so weit: Die ältesten Wurfspeere der Welt werden nun im Braunschweigischen Landesmuseum erstmals in einer Ausstellung gezeigt. "Sie sind der erste Höhepunkt der Technik schlichtweg", schwärmt Museumsdirektor Gerd Biegel. Die 400.000 Jahre alten "Schöninger Speere" gelten als Weltsensation, nach Meinung vieler Wissenschaftler muss die Geschichte der Menschheit nach ihrem Fund neu geschrieben werden. Die Speere bewiesen immerhin, dass der Urzeitmensch kein sprachloser Aasfresser war. "Diesem einmaligen Befund kommt eine weltweite Bedeutung zu", sagt Niedersachsens Minister für Wissenschaft und Kultur, Lutz Stratmann (CDU).

"Die Menschen vor uns waren aktive Großwildjäger", sagt der Archäologe Hartmut Thieme, der die Speere in einem Braunkohletagebau bei Helmstedt ausgegraben hatte. Der Homo erectus - der etwa vier Mal so alt wie der Neandertaler ist - konnte laut Thieme nicht nur die Waffen bauen, für die Organisation der Jagd musste er auch kommunizieren können.

In der Ausstellung scheinen vier der acht gefundenen Speere fastschwerelos durch einen ganz in Weiß gehaltenen Raum zu schweben. Die mehr als zwei Meter langen Waffen aus Fichtenholz schwimmen in gläsernen Kästen in destilliertem Wasser. Die luftdichte Aufbewahrung soll eine Veränderung der wertvollen Stücke durch Umwelteinflüsse möglichst verhindern, denn noch sind sie nicht konserviert. "Erst müssen alle Untersuchungen abgeschlossen sein", erläutert die archäologische Restauratorin Monika Lehmann.

Waffen zeugen von hoher Perfektion

Den außergewöhnlich guten Zustand schreiben die Wissenschaftler dem feuchten Boden zu, in dem die Speere luftdicht eingeschlossen waren. Auf insgesamt 700 Quadratmetern versucht die Ausstellung den sensationellen Fund in einen kulturgeschichtlichen Rahmen zu stellen. Mit hoher Perfektion haben die Urzeitmenschen ihre Jagdwaffen bearbeitet. "Mit ihnen konnten sie locker 60 bis 80 Meter weit gezielt werfen", erzählt Thieme. So wird in einem Raum dargestellt, was ein Hirn für den Bau der Speere leisten muss. "Schon beim Fällen des Baumes müssen sich die damaligen Menschen das fertige Produkt vorgestellt haben, das erfordert abstraktes Denken", sagt Thieme.

Er gräbt seit 25 Jahren in dem Tagebau bei Helmstedt. "Was hier vor 400.000 Jahren wirklich los war, wissen wir allerdings noch nicht", sagt er. Dazu müssten die vielen Funde - allein 20.000 bis 30.000 Tierknochen hat Thieme mittlerweile aus der Erde geholt - erst noch gereinigt, umfassend untersucht und bewertet werden. Bislang hätten sich die Archäologen vorrangig um weitere "Rettungsgrabungen" kümmern müssen. "Das ist ein unersetzliches Kulturgut, hundertprozentig ein Weltkulturerbe. So etwas hat niemand auf der Welt, das müssen wir sichern", erläutert Thieme.

Doch schon heute vermutet er, dass ein Clan von etwa 20 bis 30 der Urzeitmenschen an einem See ihr Jagdlager aufgebaut hatte, um eine Herde großer Wildpferde zu jagen. Unter anderem wird ein Pferdeschädel aus Schöningen gezeigt. Zum Vergleich ist auch das berühmte eiszeitliche "Mosbacher Pferd" aus dem Mainzer Naturhistorischen Museum nach Braunschweig gebracht worden. Anhand von Schaubildern wird den Museumsbesuchern zudem verdeutlicht, wie die Menschen das Fleisch möglicherweise geröstet, geräuchert oder getrocknet haben, um es haltbar zu machen.Erst in einigen Jahren sollen alle Forschungen abgeschlossen sein. Danach sollen die Speere dauerhaft ausgestellt werden. Ob die ältesten Waffen der Welt dann in Braunschweig oder am Fundort in Schöningen einen Platz finden werden, ist noch völlig offen.

Quelle: AP/FK
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