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04.02.08

Bildung

Erfolgreich lernen ohne Schule

Kinder zu Hause zu unterrichten, das sogenannte Homeschooling, wird bislang vor allem in den USA, Kanada, Großbritannien und Australien praktiziert. Der Bildungsexperte Thomas Spiegler hat 100 gesetzeswidrige Heimunterricht-Familien in Deutschland besucht und nun erstmals eine Studie zum Thema verfasst. Morgenpost Online sprach mit ihm.

© pa
Privatunterricht: Wenn Eltern ihren Kindern Lesen und Schreiben zu Hause beibringen, ist meist die Mutter gefordert
Privatunterricht: Wenn Eltern ihren Kindern Lesen und Schreiben zu Hause beibringen, ist meist die Mutter gefordert

Der Theologe und Sozialwissenschaftler Thomas Spiegler von der Theologischen Hochschule Friedensau hat als erster deutscher Wissenschaftler eine empirische Arbeit zum Thema Homeschooling vorgelegt. Unter dem Titel "Home Education in Deutschland" ist seine Marburger Doktorarbeit als Buch erschienen (Wiesbaden, Verlag für Sozialwissenschaften, 29,90 Euro).

Morgenpost Online: Sie haben für Ihre Arbeit etwa 100 Homeschooling-Familien in Deutschland besucht. Homeschooling ist hierzulande aber verboten. Haben Sie sich dadurch nicht strafbar gemacht?

Thomas Spiegler: Man bewegt sich da in einem Grenzbereich. Die Erforschung von "abweichendem Verhalten" befindet sich ja immer in diesem Dilemma. Beim Homeschooling bin ich da wohl noch im ungefährlichen Bereich:


Morgenpost Online: Gibt es denn einen Trend zum Homeschooling?


Spiegler: In den vergangenen 15 Jahren ist die Bewegung eindeutig gewachsen. Von daher könnte man sagen, es ist ein Trend. Andererseits ist dieses Wachstum nicht sehr stark und wird zurzeit dadurch gebremst, dass viele Familien ins Ausland abwandern.

Morgenpost Online: Was sind das für Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken?

Spiegler: Man kann die Motive grob auf drei Schlagworte herunterbrechen: Werte, Wissen, Wohlergehen. Vor allem stark religiöse Eltern sehen Werte, die sie selbst anstreben, durch die Schule beeinträchtigt. Bei Eltern, die den Wissensbereich thematisieren, steht die Frage im Vordergrund: Wie wird gelernt? Beim Schwerpunkt Wohlergehen geht es um Gewalt, Mobbing und psychosomatische Reaktionen. Das Kind leidet dann so sehr an der Schule, dass die Eltern keinen anderen Ausweg sehen, als es aus der Schule zu nehmen.


Morgenpost Online: Entgehen den Kindern dadurch nicht wichtige Erfahrungen?

Spiegler: Klar, Kinder, die nicht zur Schule gehen, machen nicht die Erfahrungen, die sie in der Schule machen würden. Die Behörden warnen daher vor einem Mangel an Sozialkompetenz. Andererseits gibt es zahlreiche Studien, vor allem aus den USA, die Homeschooling verklären. Viele davon sind aber methodisch fragwürdig. Fakt ist: Es gibt keine Belege dafür, dass Homeschooler im Nachteil sind.

Morgenpost Online: Unterscheidet sich die hiesige Elternschaft von der in den USA?

Spiegler: Die hiesige Elternschaft entspricht am ehesten jener, die wir in den USA zu Beginn der Bewegung hatten. Damals war Homeschooling in den USA noch verboten. In einer solchen Phase, wo mit Strafen gedroht wird, braucht man Leute mit starker Überzeugung.

Morgenpost Online: Das kanadische Fraser-Institut behauptet, gerade Kinder aus sozial schwachen Familien würden vom Homeschooling profitieren.

Spiegler: Die existierenden Studien sind fast nie wirklich repräsentativ. Ihre Resultate spiegeln nicht das reale Bild wider. Einzelbeispiele gibt es auch hier: Kinder, die mehrere Jahre zu Hause gelernt haben, einen superguten Schulabschluss hinlegen und ihren Bildungsweg an der Universität fortsetzen. Ob das wirklich immer so ist, das ist eine andere Frage.

Morgenpost Online: Ist Homeschooling ein Thema bei hochbegabten Kindern?

Spiegler: Es gibt Eltern, die nie auf die Idee gekommen wären, Homeschooling zu machen. Sie haben aber mit ihrem Kind im Schulsystem Probleme bekommen, sei es, weil es hochbegabt ist oder weil es Lernschwierigkeiten hat. Diese Kinder würden davon profitieren, wenn sie Homeschooling ausprobieren könnten.

Morgenpost Online: Meist übernimmt in diesen Familien ja die Mutter die Lehrerrolle. Zementiert das ihre Rolle im Haus?

Spiegler: Ja, viele Mütter thematisieren diesen Konflikt. Das machen aber meist nur diejenigen, die ohnehin einen großen Teil ihrer Zeit den Kindern widmen wollten. In der Regel sind diese Familien auch größer als die Durchschnittsfamilie.

Morgenpost Online: Lastet denn nicht ein ungeheurer Druck auf diesen Müttern?

Spiegler: Mütter erzählen durchaus, wie sie an ihre Grenzen kommen. Doch das ist unterschiedlich. Es gibt Kinder, die wirklich unglücklich sind in ihrer Schule und die in der Freiheit, die man ihnen zu Hause bieten kann, aufleben.

Morgenpost Online: Wäre im Fall der Legalisierung eine Kontrolle angemessen?

Spiegler: Das ist ein heikler Punkt. Es wäre der gesamten Situation aber wohl am ehesten geholfen, wenn man das Homeschooling legalisieren, aber regulieren würde. Die jetzige Situation, in der Eltern kriminalisiert werden, ist für alle die unglücklichste. Dem Kind wird dadurch nicht geholfen, im Gegenteil. Dies verleitet Eltern dazu, sich zurückzuziehen, um allen Repressalien zu entgehen. Kontrolle ist hier nahezu unmöglich. Die meisten Eltern wären aber bereit, mit der örtlichen Schule zu kooperieren. Das wäre im Interesse des Kindes ein Schritt nach vorn, denn dann kann man sicherstellen, dass keine Vernachlässigung stattfindet und die Kinder wirklich lernen.

Morgenpost Online: Das Gesetz ist doch eindeutig: Es herrscht Schulpflicht. Welche Möglichkeiten haben die Behörden da, das Homeschooling zu dulden?

Spiegler: In vielen Bundesländern lassen die Gesetze Ausnahmen zu. Es wird aber kein Gebrauch davon gemacht. In Baden-Württemberg wurden unter Annette Schavan als damaliger Ministerpräsidentin ja einige Fälle von Homeschooling offiziell toleriert. Aber im Moment ist der Wille einfach nicht da.

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