Berlin

Prägen Sterne den Charakter?

Der Glaube an ihren Einfluss ist groß, bewiesen ist er nicht. Astrologen und Wissenschaftler streiten

Berlin. Valentin Frimmer

Helena ist noch nicht auf der Welt, da fragt ihr designierter Patenonkel bereits nach dem Sternzeichen. Schließlich bestimme das ja ihr Wesen. Der werdende Vater schüttelt irritiert den Kopf. Macht der Sterne – so ein Quatsch. Die Szene steht exemplarisch für den Graben, der in Sachen Astrologie die Gesellschaft spaltet. Die einen glauben daran oder wollen die Macht der Sterne zumindest nicht ausschließen. Die anderen halten Astrologie für Spinnerei oder sogar für gefährlich.

Unter anerkannten Naturwissenschaftlern ist es Konsens, dass an der Astrologie nichts dran ist. Dennoch ist der Glaube an die Macht der Sterne hierzulande weit verbreitet. Bei einer Emnid-Umfrage im Jahr 2012 stimmten jede dritte Frau und jeder sechste Mann der Aussage zu: "Die Sterne bestimmen oder beeinflussen unser Leben." Zahlenmäßig können es die Anhänger der Astrologie also mit den großen Religionsgemeinschaften aufnehmen.

Doch was verspricht die Astrologie eigentlich? "Ich bin mir sicher, dass ich mit Geburtsdatum, -ort und -zeit eine differenzierte Persönlichkeitsanalyse machen kann, die Hand und Fuß hat", sagt Klemens Ludwig. Er ist Vorsitzender des Deutschen Astrologen-Verbandes, der knapp 650 Mitglieder hat. "Das hat mit Zeitungshoroskopen nichts zu tun. Diese sind Unterhaltung."

Manche Menschen richten ihr Leben danach aus

Anhand von vorhersagbaren Sternenkonstellationen seien auch prognostische Aussagen möglich. "Der Kosmos dreht sich immer weiter", sagt Ludwig. Bestimmte Himmelskörper wie Jupiter, Pluto oder Uranus stünden dann in neuen Konstellationen zum Geburtshoroskop. "Je nachdem, wie der Planet steht, beeinflusst er Menschen mit einem bestimmten Horoskop, abhängig von ihren Geburtsdaten." Gibt es dabei auch Grenzen? Ja, sagt Ludwig. Konkrete Vorhersagen etwa zu Scheidung oder Jobverlust seien unmöglich. Aber was verbindet demnach die Sterne mit dem Menschen? "Das lässt sich natürlich nicht wissenschaftlich eins zu eins begründen", sagt Ludwig. Er spricht von "Erfahrungswissenschaft". "Es ist keine Kausalität, sondern eine Analogie". Will heißen: Die Sterne beeinflussen nicht das Leben auf der Erde, sondern sie stehen damit in Zusammenhang.

Klaus Jäger bringen solche Aussagen manchmal auf die Palme. Er ist Vorstandsmitglied und Sprecher der Astronomischen Gesellschaft. "Als Astrophysiker begegnet einem die Astrologie immer wieder, sogar im Bekanntenkreis", sagt er. Es gebe seit Langem sorgfältige Studien, die zeigen, dass es keinen belastbaren Zusammenhang zwischen den Gestirnen und dem Schicksal von Menschen gibt. Zudem seien die Thesen der Astrologie schon mit logisch-physikalischen Überlegungen unvereinbar. "Trotzdem muss man das diskutieren." Schließlich verdienen Astrologen damit Geld und haben Einfluss auf manche Menschen, die gar ihr Leben nach Horoskopen ausrichten. "Und da hört der Spaß dann auf."

Natürlich gebe es physikalische Einflüsse von Himmelskörpern auf die Erde, sagt Jäger. So würden beispielsweise die Gezeiten durch Mond und Sonne beeinflusst. Aber: "Ob sich zum Beispiel Jupiter im Sternenbild XY befindet oder nicht, hat physikalisch weniger Einfluss, als wenn in Ihrem Garten ein Baum steht oder nicht. Wenn Sie auf physikalische Effekte schauen, ist Astrologie nachweislich schlicht Nonsens."

Den Astronomen Jäger stört, dass noch heute der Anschein erweckt werde, es handele sich um eine empirisch fundierte Wissenschaft. Astrologie sei aber eine Pseudowissenschaft, sie hinterfrage nicht ihre Aussagen und lasse belegte Fakten nicht in ihre "Theorie" einfließen. In den vergangenen Jahrzehnten habe es astronomische Entdeckungen gegeben, die die Astrologie ad absurdum führten. Doch Korrekturen gebe es nicht. So habe sich die monatliche Lage der Sternbilder der Tierkreiszeichen inzwischen um ein ganzes Sternbild verschoben. "Berechnet" werde aber wie vor 2000 Jahren.

Astrologe Ludwig kennt den Vorwurf zu den verschobenen Sternbildern zur Genüge. "Es sind einfach zwei verschiedene Systeme", sagt er. Es gebe gute Gründe dafür, an der historischen Position der Tierkreiszeichen festzuhalten. Das sei beispielsweise wichtig, damit die Interpretation der Sternzeichen den Jahreszeiten entspreche. Ludwig unterstellt kritischen Astronomen, dass sie sich noch nie auf die "individuellen Möglichkeiten der Astrologie eingelassen haben". Er könne und wolle die Astrologie nicht beweisen, aber die Praxis zeige, dass das System funktioniere.

Wie Jäger ist auch Hans-Ulrich Keller ein anerkannter Astronom. Er geht mit dem Thema relativ gelassen um: "Ich verurteile niemanden, der glaubt, aus den Sternen sein Schicksal lesen zu können." Die Astrologie sei ein Glaube ohne naturwissenschaftliche Grundlage. Keller ist eine Art Sternenguru in Deutschland. Über 30 Jahre lang leitete er das Planetarium Stuttgart und bringt jährlich ein renommiertes Astronomie-Jahrbuch heraus. Sein guter Ruf als Kenner der Himmelskörper bringt ihm immer wieder Anrufe von Anhängern der Astrologie ein. Selbst Unternehmen hätten bei ihm schon nachgefragt, sagt Keller. So fragte ihn eine große Elektronikfirma, ob er zu den Geburtsdaten bestimmter Angestellter die Sternenkonstellationen ausrechnen könne. Der Hintergrund: Ein Astrologe sollte darauf basierend Gutachten zu Mitarbeitern erstellen, die befördert werden sollten.

Astronom Jäger sagt: "Die Gretchenfrage ist doch: Wenn ich 15.000 Horoskope von Menschen betrachte, treten sie dann im Mittel mit großer Wahrscheinlichkeit ein?" Es gebe zuhauf Studien, die das widerlegen. Man könne statistisch gesehen genauso gut würfeln. Das hält viele Menschen nicht davon ab, an die Macht der Sterne zu glauben. "Die harte Wissenschaft ist logisch, aber sie ist nicht psychologisch", sagt Werner Gross. Er leitet seit mehr als 20 Jahren den Arbeitskreis "Religionspsychologie, Spiritualität und Psychomarkt" im Berufsverband Deutscher Psychologen. "Wir haben alle in uns eine Ratio, einen Kopf. Aber wir haben eben auch ein Gefühl und ein Herz und einen Bauch." Die Menschen versuchten, über Systeme wie die Astrologie das Unstrukturierte zu strukturieren.

Die Frage sei oft: "Wer bin ich wirklich?" Menschen könnten beispielsweise in ihrer Kindheit nach Erklärungen suchen, sagt Gross. Oder aber in mystischen Dimensionen: "Ich bin ein Löwe, deshalb bin ich ein bisschen narzisstisch und aggressiv. Es ist im Grunde auch ein Stückchen Entschuldigung, das Abgeben von Verantwortung."

Die Astrologie gebe eine Art von Scheinsicherheit: Wenn du dann und dann geboren bist, dann bist du so und so. Gross spricht von subjektiven Wahrheiten. "Es sind für manche Menschen fast religiös anmutende Glaubenssysteme, die Hoffnung geben, aber auch Illusionen schaffen", sagt er. "Je mehr ich emotional am Trudeln bin, desto mehr habe ich den Wunsch, die Zukunft zu kennen." Einige pendelten, andere ließen sich Karten legen, wieder andere tendierten zur Astrologie. "Das sind alles ähnliche Systeme. Der gemeinsame Nenner ist das magische Weltbild."

Der Psychologe sieht das kritisch. "Die Frage ist immer, wie ernst nehme ich das." Es sei hochproblematisch, wenn die Sterne das Leben stark beeinträchtigen. Wenn Vorhaben gekippt werden, weil die Sterne sagen: Jetzt ist es ungünstig. "Die Astrologie tut ja so, als wären das Naturgesetze. Das sind sie bestimmt nicht."

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