Katastrophe

Überlebenstrainer rät zu diesen Hamsterkäufen für Notfälle

Die Regierung will wohl Hamsterkäufe für den Notfälle empfehlen. Ein Überlebenstrainer verrät im Interview, wie sinnvoll diese sind.

Ist es wirklich sinnvoll, sich für Umweltkatastrophen und Terrorangriffe mit Vorräten einzudecken? Ein Überlebenstrainer klärt auf.

Ist es wirklich sinnvoll, sich für Umweltkatastrophen und Terrorangriffe mit Vorräten einzudecken? Ein Überlebenstrainer klärt auf.

Foto: Oliver Berg / dpa

Berlin.  Wie bereitet man sich am besten auf Notlagen vor? Die Bundesregierung will einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zufolge am Mittwoch über einen Katastrophenplan beraten, der Bürgern Anleitungen für Ernstfälle wie Naturkatastrophen oder Terroranschläge gibt. Der Bericht sieht auch konkrete Kaufempfehlungen für Vorräte vor. Der ehemalige Fallschirmjäger und heutige Überlebenstrainer Peter Wörner bietet Kurse für Leute an, die das Überleben in Extremsituationen lernen wollen. Im Interview spricht Wörner über sinnvolle Vorräte – und warum selbst der Staat kaum auf den Notfall vorbereitet ist.

Herr Wörner, glauben Sie, dass der Durchschnittsdeutsche im Notfall mit seinen Vorräten überleben würde?

Peter Wörner Gar nicht. Zwar kommen zu meinen Kursen auch Leute, die wissen, dass es in Ernstfällen Probleme geben kann, aber auf das Überleben selbst sind sie nicht vorbereitet. Die Menschen sind einfach nicht mehr auf Alarmsituationen vorbereitet. Darauf sind teilweise noch Polizisten, Feuerwehrleute und Soldaten vorbereitet. In meinen Fortgeschrittenen-Kursen trainieren wir deshalb bewusst Fluchtsituationen, bei denen ich Teilnehmer aus ihrer Komfortzone führe.

Waren Bürger und Staat früher besser auf Ernstfälle vorbereiten?

Früher gab es schon ein wesentlich besser funktionierendes Generationenmodell. Früher lebten drei Generationen in einem Haus, die stärker als heute auf einander geachtet und sich bei gewissen Aufgaben abgewechselt haben. Das ist in Großstädten heutzutage aber allein architektonisch nicht ohne weiteres möglich – wenn man zum Beispiel an die vielen Single-Wohnungen denkt.

Ist der Staat denn besser vorbereitet?

Sicher nicht ausreichend. Es gibt beispielsweise bundesweit nur einige wenige Tankstellen, die über eine Notstromversorgung verfügen. Spätestens seit der Wiedervereinigung hat der Staat aber alles abgebaut, was es abzubauen gab. Die Wehrpflicht wurde zum Beispiel ausgesetzt. Dabei sind Wehrdienstleistende zumindest bis zu einem bestimmten Maß auf Extremsituationen, jedoch nicht auf das Überleben vorbereitet. Aber diejenigen, die diese Ausbildung genossen haben, werden immer älter, so dass die Situation mit der Zeit schlechter wird. Alle Heimatschutzbataillone wurde aufgelöst, die Heimatverteidigung sogar ganz aufgegeben!

Aber selbst, wenn man wollte: die Infrastruktur gibt es nicht mehr. Viele Kasernen wurden privatisiert, der Apparat, um wieder Wehrdienstleistende einzuziehen, systematisch abgebaut.

Was sollte ich auf jeden Fall zu Hause haben?

Ein Rucksack, ein Schlafsack und wetterfeste Schuhe sind zum Beispiel ein Anfang. Dabei sollten Sie darauf achten, dass der Rucksack systematisch so gepackt ist, dass Sie schnell alle Sachen wiederfinden. Jeder muss für sich selbst schauen, was er tragen kann. Es nützt nichts, wenn ich den Rucksack voll Dosensuppe packe und dann vor der nächsten Straßenecke einen Kreislaufkollaps bekomme. Dann habe ich von dem Proviant auch nichts mehr. Im eigenen Haushalt sollte man meiner Meinung nach aber Nahrung und Hygieneartikel für mindestens ein Vierteljahr haben. Auch die klassischen Waren zum Tauschen sind nicht verkehrt.

Wie sind Sie selbst ausgerüstet?

Ich habe eine sehr gute Outdoorausrüstung zuhause. Ich bin so ausgerüstet, wie ich es auch Kursteilnehmern rate. Dazu habe ich immer genug Lebensmittel, Holz und ein Dieselaggregat, um bei einem Stromausfall zu heizen.

Wir verlassen uns sehr auf Hilfs- und Ordnungsdienste. Aber schon jetzt hat die Feuerwehr – etwa in ländlichen Gebieten – lange Anfahrtswege. Lohnt eine Vorbereitung also auch ohne Katastrophe?

Die Berufsfeuerwehren sind sich schon bewusst, was zum Beispiel ein längerer Stromausfall für Probleme mit sich bringt. Aber da, wo es schon jetzt Probleme gibt, sollte man sich selbst schlau machen oder schulen lassen.

In ländlichen Regionen ist schon zu beobachten, dass die Menschen sich besser vorbereiten. Hier findet man generell mehr Leute, die genug bevorraten, selbst als Jäger tätig sind oder in größerem Maße Obst und Gemüse anbauen. Diese Leute sind natürlich auch besser für den Ernstfall vorbereitet. Ich will keine Ost-West-Spalterei betreiben oder es politisch bewerten, aber ich beobachte, dass Menschen in Ostdeutschland besser auf Notsituationen vorbereitet sind. Wer 40 Jahre lang eine Mangelwirtschaft erlebt hat, der weiß sich zu helfen und zu improvisieren.

Aber auch in der älteren Generation nimmt die Vorratshaltung ab. Ich habe das bei meinen Großeltern beobachtet. Zuerst diente der Garten fast ausschließlich zum Obst- und Gemüseanbau, am Ende bestand er weitestgehend aus Wiesen und Blumenbeeten.

Ist es in der Wildnis wirklich besser?

Pauschal kann man nicht sagen, dass es gut ist, die Wohnung zu verlassen. Aber wenn es Konflikte geben kann, dann muss man auch bereit sein, zu fliehen. Aber man sollte sich gut überlegen, wo man hingeht. Ohne klares Ziel und Wissen wird es nicht funktionieren. Ein Kursteilnehmer aus dem Rhein-Main-Gebiet hat mir gesagt, er würde in den Odenwald flüchten. Aber genau da würden dann alle anderen Bewohner von Frankfurt, Heidelberg und Mannheim auch hin flüchten. So groß sind die deutschen Wälder auch nicht, dass die gesamte Bevölkerung dort hin könnte. Dann käme es wohl in den Wäldern zu den Konflikten um Essen und Ausrüstung, die man sich sonst in den Großstädten vorstellen kann.

Was Sie andeuten erinnert an Szenen aus der Zombie-Serie "The Walking Dead". Sind solche Serien oder Filme manchmal näher an realistischen Szenarien als das, was wir täglich über Nachrichten erfahren?

Ich selbst habe schon länger keinen Fernseher mehr, aber manches ist in Filmen sicher realistischer als das, was in Nachrichten verbreitet wird. Ich glaube nicht an den Weltuntergang, aber im Ernstfall kann es schon heftig werden. Ich nehme aber in jedem Fall wahr, dass aktuell immer mehr Leute sich Gedanken machen über Notsituationen.

Ist sich im Ernstfall jeder selbst der Nächste oder zählt in der Katastrophe Nächstenliebe noch etwas?

Die Erfahrung zeigt, dass viele Leute selbst in Notsituation besonnen sind und in ihrer angestammten Gruppe bleiben. Aber auch in meinen Kursen gibt es immer wieder Teilnehmer, die sich nicht in die Gruppe integrieren, sondern auf eigene Faust agieren.

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