Wissenschaft

Warum sind Verschwörungstheorien so verführerisch?

Foto: UPI/laif / LAIF

Wissenschaftler aus 30 Ländern wollen Verschwörungstheorien aus Europa untersuchen. Sie wollen Antworten geben – und auch Ratschläge.

Berlin.  Diese aberwitzigen Geschichten sind nicht mehr aus der Welt zu schaffen: US-Präsident John F. Kennedy habe 1963 sterben müssen, weil es der sowjetische Geheimdienst KGB so wollte. Oder die italo-amerikanische Mafia. Oder die Kubaner. Auch der Tod von Lady Diana habe andere Hintergründe als die offiziellen: Sie sei im Auftrag des britischen Königshauses ermordet worden. Weil die Windsors von ihrer geplanten Hochzeit mit dem Ägypter Dodi al-Fayed erfahren hätten. Und die erste Mondlandung am 21. Juli 1969 – in einem Filmstudio entstanden.

Der verstorbene Historiker Dieter Groh ging mit seiner Ansicht über Verschwörungstheorien ziemlich weit: Er meinte, sie gehörten zum Wesen des Menschen. Der Hang, sie zu entwickeln, zu glauben und zu verbreiten, sei uns in die Wiege gelegt. Verschwörungstheorien, begründete Groh seine Überzeugung, gebe es seit Aufzeichnung der Geschichte.

Wo der Glaube an das geheime Wirken Einzelner, von Gruppen oder Staaten seinen Ursprung hat, beschäftigt die Wissenschaft seit etwa den 60er-Jahren. Psychologen, Soziologen oder Politologen – vornehmlich aus der westlichen Welt – machten sich auf Spurensuche. In den USA, wo die Theorien seit jeher viele Anhänger finden, gibt es mittlerweile eine umfassende Forschungslage. Bis 2020 soll diese auch in Europa entstehen.

Kaiser Nero soll Rom in Brand gesetzt haben

Professor Michael Butter beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Der Amerikanist an der Universität Tübingen wird das neue Forschungsnetzwerk koordinieren, das sich derzeit gründet, finanziert mit Geldern der EU. Etwa 60 Wissenschaftler aus 30 Ländern werden ab April Ursprung und Wirkung konspirativer Ideen in Europa ergründen – Historiker, Soziologen, Anthropologen, Psychologen, Kulturwissenschaftler. Sie werden dabei erstmals Theorien systematisch auswerten, Forschungsfragen entwickeln und Ratschläge erarbeiten, für Politiker, Medienschaffende, Pädagogen. Wie kann man dem Phänomen begegnen?

"Verschwörungstheorien sind kulturumspannend und jahrhundertealt", sagt Michael Butter. An sie zu glauben, sei früher ganz normal gewesen. Erste Überlieferungen weisen zurück bis in die Antike. Geschichten über die Christenverfolgung im alten Rom zum Beispiel erwähnen einen Doppelkomplott: Kaiser Nero soll die Jagd auf Christen mit deren Schuld an einer Feuersbrunst in Rom (64 n. Chr.) begründet haben. Seine Gegner wiederum streuten eine andere Version: Nero selbst habe die Stadt in Brand gesetzt, um die Verfolgung der Christen zu legitimieren und Platz zu schaffen für seine größenwahnsinnigen architektonischen Visionen. Tatsächlich, so die heutige Erkenntnislage, hat ein Unfall Rom in Asche gelegt.

Streben nach Herrschaft über die ganze Welt

In modernen Verschwörungstheorien geht es vor allem um das Streben nach Herrschaft über eine Nation oder die ganze Welt. Erst durch das Entschlüsseln geheimer Zeichen können die "wahren Hintergründe" aufgedeckt werden. "Diese Form kam mit der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert auf", sagt Michael Butter. Als Paradebeispiel nennt er die Französische Revolution von 1789. "Diese war einer weit verbreiteten Meinung zufolge vom Geheimbund der Illuminaten angezettelt worden." Mit dem Ziel, den Staat von außen radikaldemokratisch umzuwälzen. "Mit der Aufklärung wirkten viele Ereignisse plötzlich willkürlich. Verschwörungstheorien boten eine neue Erklärung. Statt Gott lenken jetzt Verschwörer die Welt. Das war für viele leichter zu akzeptieren als das völlige Chaos."

Für viele Wissenschaftler ist dies bis heute ein Motiv für das Entwickeln und Glauben dieser Theorien: Verwirrung wegerklären. Andere seien krankhafter Wahn, das Ablenken von eigenen Fehlern oder die Suche nach einem Sündenbock. Selbst Staatslenker hätten im Laufe der Geschichte immer wieder ihr Volk mithilfe von Verschwörungstheorien beeinflusst. Und im Prinzip passiere das bis heute.

"Sie haben auch furchtbare Verbrechen ausgelöst"

Für Michael Butter sind Verschwörungstheorien von ihrem Wesen her nicht böse. Sie können harmlos, amüsant und unterhaltsam sein, in Filmen, Fernsehen, der Literatur. Und manchmal hätten sie sogar positive Effekte gehabt: "Eine Reihe von Studien zeigen, dass Verschwörungstheorien zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs zu einer schnelleren Abschaffung der Sklaverei in den USA geführt haben", sagt Butter. Einerseits. Andererseits "haben solche Theorien auch furchtbare Verbrechen ausgelöst". Der Massenmörder Anders Breivik aus Norwegen etwa verklärte seine Taten im Jahr 2011 mit einem Verschwörungsmanifest.

Wie die Globalisierung oder das Internet Verschwörungstheorien beeinflussen, ist in der Wissenschaft umstritten. Butter glaubt nicht, dass das Netz deren Anzahl erhöht hat. Ihre Anhänger aber seien besser vernetzt, Informationen könnten schnell, massiv und fast von jedem verbreitet werden. Und das könne sehr wohl gefährlich sein für die Gesellschaft: "Verschwörungstheorien können zur Radikalisierung von Extremisten beitragen, Spannungen zwischen Nationen befeuern und das Vertrauen in demokratische Institutionen und Medien unterlaufen." Vor allem in einer Zeit, in der Skepsis wächst: Einer aktuellen Umfrage zufolge haben 60 Prozent der Deutschen wenig oder gar kein Vertrauen in die Medien, jeder Dritte zweifelt, dass die Demokratie noch Probleme lösen kann.

Eine aggressiv antielitäre Haltung

Das Verführerische an jeder Verschwörungstheorie ist ihre Unwiderlegbarkeit. Ihre Anhänger kritisieren oft pauschal offizielle Berichte. Meist haben sie eine aggressiv antielitäre, antiinstitutionelle Haltung. Jeder Einwand gegen ihre Wahrheit wird entschärft. Und wenn sich eine Verschwörung nicht beweisen lässt, ist das für sie nur der Beweis dafür, wie raffiniert diese sein muss.

"Bisher hat noch niemand eine Lösung gefunden, wie man am besten mit Verschwörungstheorien und -theoretikern umgehen sollte", sagt Michael Butter. Er plädiert dafür, der jungen Generation etwas beizubringen: Internetquellen bewerten zu können. Welche Informationen sind wissenschaftlich, welche haben keinen Wirklichkeitsbezug und wie kann man das unterscheiden? "Wir müssen früh ansetzen, um die zu erreichen, die noch nicht an Verschwörungstheorien glauben." Das neue Forschernetzwerk will auch deshalb eine Webseite aufbauen mit Leitlinien für Pädagogen oder Journalisten.

Der vielleicht bemerkenswerteste Versuch, die in sich geschlossene und offenbar unangreifbare Argumentationsstruktur von Verschwörungstheorien bloßzustellen, stammt übrigens aus dem Jahr 1994. Viele Beteiligte entwickelten und verbreiteten eine irre Geschichte: die Stadt Bielefeld mit ihren mehr als 300.000 Einwohnern gebe es gar nicht. Sie sei eine Erfindung der Geheimdienste Mossad und CIA unter Anleitung eines Außerirdischen. Es war eine Satire. Seit 22 Jahren ist diese nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

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