Cholesterin
In der Margarine lauern ungeahnte Gefahren
Eigentlich soll die Margarine Becel von Unilever den Cholesterin-Spiegel senken. Doch jetzt klagen deutsche Verbraucherschützer gegen den Lebensmittelkonzern. Die Inhaltsstoffe der Margarine sollen so gefährlich wie Cholesterin sein.
Von Jörg Zittlau
Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat beim Landgericht Hamburg eine Unterlassungsklage gegen Unilever eingereicht. Demnach soll der Lebensmittelkonzern nicht mehr mit der Aussage auftreten dürfen, dass es für seine cholesterinsenkende Margarine Becel "aus wissenschaftlicher Sicht keinen Hinweis" auf Nebenwirkungen gebe. Denn die dem Streichfett zugesetzten Sterine, so Foodwatch, seien höchst umstritten: "Sie stehen im Verdacht, genau das zu verursachen, was sie eigentlich verhindern sollen: nämlich Ablagerungen in Gefäßen und ein erhöhtes Risiko für Herzkrankheiten."
Der Konsument ist verunsichert. Auch wenn Unilever auf seiner Homepage zu Becel mitteilt: "Die cholesterinsenkende Wirkung ist in über 40 Studien bewiesen, Risiken oder Nebenwirkungen sind nicht bekannt." Außerdem gehöre die Margarine zu den wenigen Lebensmitteln, "deren Wirkversprechen (Health Claim) nach intensiver Prüfung der Europäischen Kommission freigegeben wurde". Dennoch will auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin demnächst der europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde (Efsa) nahelegen, eine Neubewertung der Risiken durch sterinangereicherte Lebensmittel vorzunehmen. Dem Verbraucher bleibt bisher also nur die Gewissheit, dass es zu Becel und ähnlichen Margarinen offenbar keine Gewissheiten gibt. Dabei klingt das Wirkprinzip der Sterine durchaus logisch und vertrauenerweckend. Denn als Mosaikstein in den Zellmembranen übernehmen sie in Pflanzen die gleiche Aufgabe wie das Cholesterin beim Menschen. Die beiden Fette besitzen daher ähnliche Strukturen, und deswegen konkurrieren sie im Darm um die gleichen Wege, um in den Organismus zu gelangen. Was konkret heißt: Je mehr Sterine im Nahrungsbrei, umso schwerer fällt es dem darin enthaltenen Cholesterin, sich in den Organismus einzuschmuggeln.
In klinischen Studien konnten daher sterinreiche Nahrungsmittel beachtliche Erfolge bei der Cholesterinsenkung erzielen. Vor allem dann, wenn sie mit medizinischen Cholesterinsenkern aus der Gruppe der Statine kombiniert wurden. Doch das ist nur die eine Seite der Margarine. Denn hohe Dosierungen an pflanzlichen Sterinen können, wie der Kardiologe Oliver Weingärtner von der Universität des Saarlandes warnt, durchaus auch "nachteilige Wirkungen erzielen".
Körper kennt Sterine nicht
Denn im Unterschied zum Cholesterin kann der menschliche Organismus mit dem Pflanzenfett eigentlich nicht viel anfangen. Das heißt, er muss es entsorgen – und wenn das nicht gelingt, kann es zu Problemen kommen. Die Sterine beteiligen sich beispielsweise gerne an Verkalkungen der Aortenklappe. Der Herzmuskel muss dadurch härter arbeiten, um das Blut in den Körper zu pumpen. Am Ende stehen oft Herzschwäche und Atemnot.
Weingärtner und sein Forscherteam konnten im Laborversuch zudem nachweisen, dass sich pflanzliche Sterine, sofern der Fettabtransport im Körper nicht einwandfrei arbeitet, im Blut anreichern und dann die Funktionen der Blutgefäßwände stören. Die Adern verlieren an Flexibilität, was schließlich zu Bluthochdruck, Infarkten und anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen kann.
Wie hoch das Risiko dafür tatsächlich ist, lässt sich nicht zuverlässig sagen. Es steht und fällt offenbar, wie Wissenschaftler von der Uniklinik Leipzig ermittelten, mit der Anwesenheit eines Fetttransporter-Gens, ist also abhängig vom individuellen Erbgut. Bei Patienten mit erhöhten Cholesterinspiegeln liegt die Vermutung nahe, dass sie eine genetische Veranlagung für ein Fettabtransport-Defizit haben – doch sicher ist das nicht.
Zudem betont Weingärtner, dass man für gefäßschädigende Effekte, wie auch für die cholesterinsenkende Wirkung, mindestens zwei Gramm Sterine pro Tag braucht: "Dazu müsste man Unmengen an Obst und Gemüse verzehren – beispielsweise 425 Tomaten, 150 Äpfel oder elf Tassen Erdnüsse am Tag." Das schafft niemand. Aber eine dicke Schicht sterinangereicherter Margarine aufs Brot zu schmieren, das schafft jeder. Womit auch das Hauptproblem dieser Streichfette gekennzeichnet ist: Dass nämlich nicht ihr Wirkstoff das eigentliche Problem ist, sondern seine Dosierung.
In Becel und anderen Margarineprodukten befinden sich nämlich die Sterine in derart hoher Konzentration, dass man sie eigentlich in der Apotheke verkaufen müsste, am besten sogar auf ärztliches Rezept. Tatsächlich aber gibt es sie überall im Supermarkt, ohne Beipackzettel und Warnhinweise. Der Konsument wird in seiner Entscheidung allein gelassen, wie viel Margarine er kauft und sich auf sein Brot streicht – und wie viele Sterine er seinem Körper damit zumutet. Dass dadurch auch das Risiko einer Überdosierung steigt, liegt klar auf der Hand. Denn wenn der Mensch etwas für gesund hält, verfährt er auch gerne nach dem Prinzip: Viel hilft viel.
Das Problem potenzieller Überdosierungen betrifft nicht nur sterinhaltige Streichfette, sondern auch andere Produkte des Functional Foods. Definiert sind sie als "Lebensmittel mit gesundheitlichem Zusatznutzen", was gleichzeitig bedeutet, dass dem Lebensmittel pharmazeutisch aktive Substanzen zugesetzt sind. Wie etwa Sterine, Vitamine, Milchsäurebakterien, Ballaststoffe und Fischöl. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie pharmazeutisch aktiv sind. Was konkret bedeutet, dass sie in hoher Dosierung durchaus schädlich sein können. In dieser Hinsicht sind in letzter Zeit die Vitamine und Mineralien aufgefallen. So veröffentlichte das US-Ärzteblatt "Jama" eine Studie, wonach Supplementierungen mit Vitamin E und Selen das Risiko für Prostatakrebs beziehungsweise Diabetes erhöhen, und eine Auswertung der Iowa Women's Health Study mit fast 42000 Frauen erbrachte im Oktober letzten Jahres, dass zusätzliche Eisen- und Vitamingaben das Leben nicht verlängern, sondern verkürzen.
Ein Multimillionen-Euro-Markt
Dem Geschäft mit dem Functional Food tun die Warnungen der Forscher keinen Abbruch. Allein für sterinhaltige Margarinen und andere cholesterinsenkende Lebensmittel werden hierzulande 60 Millionen Euro hingeblättert, probiotische Joghurts kommen fast auf den zehnfachen Wert. Mittlerweile gehört etwa jedes vierte Lebensmittel zum Functional Food, und der Staat unterfüttert diesen Trend noch mit finanziellen Zuwendungen. Kürzlich veröffentlichte das Bundesforschungsministerium eine Broschüre zur "funktionellen Ernährungsforschung". Darin wird ein "dreifach funktionelles Brötchen" vorgestellt, dem spezielle Ballaststoffe, Polyphenole und probiotische Bakterien zugesetzt sind. Angeblich soll es kulinarisch und optisch trotzdem wie ein herkömmliches Weizenbrötchen sein.
Also kein mühseliges Mampfen und Nagen am Vollkorn und , sondern ein klassisches Weißmehlprodukt, das man auch noch mit lückenhaftem Gebiss zerkleinern kann – und damit trifft man ziemlich genau die führende Konsumentengruppe des Functional Foods.
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