Wostok-See angebohrt
Russen suchen in der Antarktis nach neuen Arten
Der von russischen Wissenschaftlern angebohrte Wostok-See unter dem antarktischen Eis könnte neue Arten zutage fördern. 30 Jahre drangen die Forscher in das vier Kilometer dicke Eis des Millionen Jahre alten Gewässers vor.
Jetzt hat ein russisches Forscherteam diesen viele Millionen Jahre alten See erstmals angebohrt.
Historischer Erfolg in der Antarktis: Russische Forscher haben einen See angebohrt, der Millionen Jahre alt ist und sehr lang isoliert war. Doch welche Geheimnisse verbirgt der vier Kilometer tiefe See?
Nach 30 Jahre langen Bohrarbeiten durch fast vier Kilometer dickes Eis sind russische Forscher zum Wostok-See in der Antarktis vorgedrungen. Von dem unberührten Ökosystem erhoffen sich Wissenschaftler unter anderem neue Erkenntnisse über den Klimawandel. Medien in Moskau sprachen vom größten Erfolg der Antarktis-Forschung der vergangenen 100 Jahre, einige Experten verglichen das Ereignis sogar mit der Mondlandung.
Mit einem Spezialbohrer habe das Team in 3769,30 Meter Tiefe die Oberfläche des seit etwa 500.000 Jahren isolierten Gewässers erreicht, teilte das Ministerium für Naturressourcen nach Angaben der Agentur Itar-Tass in Moskau mit.
Die Mission ist umstritten. Westliche Forscher fürchten, dass durch das Eindringen eines kontaminierten Bohrers das Ökosystem des größten unterirdischen Sees der Antarktis verschmutzt werden könnte. Erste Proben von dem Gletscher über dem See seien in sterilen Behältern verschlossen worden, teilte das zuständige Naturwissenschaftliche Institut für Arktis- und Antarktis-Forschung in St. Petersburg mit. Der See ist nach Angaben von Experten mehrere Millionen Jahre alt.
US-Wissenschaftler hatten ihren russischen Kollegen vorgeworfen, bei der Bohrung Kerosin und Frostschutzmittel zu verwenden. Dies könnte den See verschmutzen. Expeditionsleiter Waleri Lukin räumte den Einsatz des Gemisches zwar ein, wies die Vorwürfe aber zurück. Die Technologie sei bei ähnlichen Missionen in Grönland erprobt worden, sagte er.
Der von russischen Wissenschaftlern angebohrte Wostoksee unter dem antarktischen Eis könnte nach Ansicht des Polarforschers Heinz Miller tatsächlich neue Mikrobenarten zutage fördern. Bei den Untersuchungen müsse man aber sorgsam und vorsichtig vorgehen, sagte der stellvertretende Direktor des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven.
Was bedeutet die Bohrung für die Wissenschaft?
Miller: "Wir wissen, dass es eine Reihe von Seen unter dem Eis der Antarktis gibt. Diese Seen sind völlig unbekannt, es gibt verschiedene Probleme, zu denen man bisher nur Theorien hat. Zum Beispiel über die physikalische Beschaffenheit, ob dort Sauerstoff in Form von Lufthydraten gespeichert ist. Ein zweiter Aspekt liegt im Bereich der biologischen Forschung weil man sich vorstellen könnte, dass sich dort neue evolutionäre Linien etabliert haben.
Ob das so ist, wird erst das Ergebnis am Ende zeigen. In jedem Fall aber ist den russischen Kollegen zu gratulieren. Sie haben unter schwierigsten Bedingungen eine neue Tür aufgestoßen. Was sich wirklich dahinter verbirgt wird uns noch lange beschäftigen."
Was muss man beachten, um brauchbare Proben zu erhalten?
Miller: "Das hängt davon ab, ob man am biologischen Inhalt in Form von Mikroben interessiert ist oder rein am Chemismus des Wassers, der Auskunft über das Alter des Wassers geben könnte. Man sollte das Wasser in steriler Art gewinnen. Das soll nach den russischen Plänen dadurch geschehen, dass man mit einem Unterdruck im Bohrloch arbeitet, so dass auf jeden Fall Wasser aus dem See im Bohrloch nach oben steigt.
Wenn es den Russen gelingt, die letzten Meter mit einer thermischen Sonde zu bohren und mit einem Druckgefäß Seewasser zu gewinnen, dann hat man gefrorenes Wasser in reiner Form vorliegen. Es ist wahrscheinlicher, am Boden als im freien Wasser Lebewesen zu finden. Die Verhältnisse im Wostoksee unterscheiden sich nicht sehr von den Verhältnissen in der Tiefsee."
Gibt es grundsätzliche Risiken bei dieser Forschung?
Miller: "So wie ich die russische Technologie verstehe, halte ich das Risiko für gering, dass sich die Bohrlochflüssigkeit in den See entleert. Dies ist auch nicht geschehen, vielmehr ist eine 40 Meter hohe Wassersäule im Bohrloch aufgestiegen. Aber selbst wenn das geschehen würde, gäbe es eine Durchmischung, so dass man nach einiger Zeit die Konzentration nicht mehr messen könnte.
Man könnte bei einer Beprobung aber wahrscheinlich nicht mehr unterscheiden zwischen Mikroben aus der Bohrlochflüssigkeit und Mikroben aus dem Seewasser. Das wäre ein Risiko für den wissenschaftlichen Wert. Dieses Risiko könnte man minimieren, wenn man mit Hilfe einer Schmelzbohrung bis zu diesem oder einem anderen See vorstößt."
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