22.12.11

Schadow-Statue

Wie Polen Friedrich den Großen rettete

Lange galt die Schadow-Statue von Friedrich II. als verschollen. Dabei hütete Polen das Standbild Jahrzehnte lang. Bis 2015 kommt es nach Berlin.

Von Eckhard Fuhr

Das Bildwerk habe den König "stehend" vorzustellen, "den Königlichen Mantel um, mit der rechten stützt er sich auf seinen großen Commando Stab. Er hat den Hut auf dem Kopf, und ist in der militairischen Costum worin man ihn immer sah." Die Statue sollte sieben Fuß, etwa 2,30 Meter, hoch und in "italienischem Carrara Marmor" ausgeführt sein. Für das Postament hingegen sei "schlesischer blauer Marmor" zu verwenden.

So steht es in dem Vertrag, den Kabinettsminister Ewald Friedrich Graf Hertzberg am 5. August 1791 mit dem preußischen Hofbildhauer Johann Gottfried Schadow schloss. Binnen 13 Monaten sollte das Werk fertiggestellt sein. Der mit Schadow vereinbarte Preis betrug 6000 Taler.

Bestimmt war das Standbild für die pommerschen Landstände. Sie sollten es auf dem Exerzierplatz vor dem Stettiner Ständehaus aufrichten und letztlich auch bezahlen. Allerdings wussten sie von ihrem Glück noch nichts, als Hertzberg mit Schadow einig wurde. Der Graf unternahm deshalb eine ausgedehnte Reise nach Pommern, wo er große Ländereien besaß, und warb für das Projekt.

Die Pommern ließen sich bitten

In der "Stettiner Zeitung" veröffentlichte er einen Aufruf, in dem es heißt, die Einwohner Pommerns seien so "schuldig wie geneigt", ihre unauslöschliche Verehrung für Friedrich II. mit einem Denkmal zu bezeugen. Es ist auch die Rede davon, dass ein "vorläufiger" Vertrag schon existiere und die Kosten "mäßig" ausfielen.

Den pommerschen Honoratioren saßen die Taler nicht gerade locker. Sie ließen sich bitten. Graf Hertzberg klagte darüber, dass er allein 600 Taler für ein festliches Abendessen habe ausgeben müssen. Am Ende blieben, so legt er in einer Überschlagsrechnung dar, 1000 Taler an ihm hängen.

Das Fundraising kostete Zeit. Auch der Künstler hatte zunächst Wichtigeres zu tun, nämlich eine vom König genehmigte Studienreise nach Kopenhagen und Sankt Petersburg anzutreten. Außerdem war sein Denkmal des Generals Ziethen noch nicht fertig. Das alles verzögerte die Fertigstellung des Standbildes um ein Jahr.

Im August wurde es dann endlich auf dem Kahn des Oranienburger Oderschiffers Johann Heltmann, der den Speditionsvertrag, weil er des Schreibens unkundig war, mit drei Kreuzen unterzeichnete, über Havel, Spree und Oder auf die Reise nach Stettin geschickt und dort feierlich enthüllt. Es stand auf dem Ständeplatz bis 1877 und wurde dann durch eine Bronzekopie ersetzt. Die Marmorskulptur fand ihren Platz im Ständehaus, dem heutigen Polnischen Nationalmuseum in Stettin. Dort blieb sie dann bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

Über das, was 1945 und danach geschah, gibt es nur spärliche Nachrichten. Die Bronze wurde nach Potsdam in Sicherheit gebracht und steht heute im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald. Das marmorne Original sollte auf Schloss Wildenbruch südlich von Stettin deponiert werden. Angeblich fiel es beim Transport eine Kellertreppe hinunter und zerbrach in mehrere Stücke.

Danach verlieren sich die Spuren. Schadows Friedrich-Statue, eines seiner Hauptwerke aus dem Jahrzehnt, in dem die Quadriga für das Brandenburger Tor und das Doppelbildnis der Prinzessinnen Luise und Friederike entstanden, galt jahrzehntelang als verschollen.

Polen setzte das Denkmal wieder instand

In Berlin, wo sie in Schadows Atelier in der Münzstraße entstanden war, wusste man bis vor drei Jahren nicht einmal, dass ihre Fragmente im Depot des Nationalmuseums in Stettin verwahrt wurden. Erst als die polnischen Restauratoren bei der Staatlichen Gipsformerei in Berlin die Gipskopie der Staue als Vorlage für ihre Restaurierung ausliehen, wurde man auf die Sache aufmerksam.

Man muss sich an den Gedanken erst gewöhnen: Polen setzt das in Deutschland verloren geglaubte Denkmal jenes Preußenkönigs wieder instand, der im Verein mit der russischen Zarin Katharina die staatliche Existenz der polnischen Nation für lange Zeit beendete.

Es ist ein Beispiel dafür, dass es entgegen allen Unkenrufen ein gemeinsames europäisches Geschichtsbewusstsein geben kann. Die polnischen Mühen gelten in erster Linie natürlich dem universellen Künstler Schadow, aber auch dem Aufklärer und Reformer auf dem preußischen Thron.

Die Restaurierung kostete 110.000 Euro

In Berlin nahm die kleine, aber agile Schadow Gesellschaft diesen unverhofft gespielten Ball auf. Schnell wurde man sich mit der Stettiner Museumsleitung einig. Aus privaten Spenden bringt die Gesellschaft 60.000 Euro der auf 110.000 Euro veranschlagten Restaurierungskosten auf. Das Bodemuseum erhält die Statue als Leihgabe bis 2015, also über Friedrichs 300. und Schadows 250. Geburtstag hinweg. Es fließt kein Euro aus öffentlichen Kassen.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen und im Namen der Bundesrepublik eine Sicherheitsgarantie für die Leihgabe ausgesprochen. Inzwischen ist der marmorne Friedrich von dem jungen Breslauer Bildhauer Ryszard Zarycki wieder zusammengesetzt und vervollständigt worden. Die eingefügten Ergänzungsteile stammen aus demselben Marmor, ja sogar aus derselben Gesteinsader wie der Block, den Schadow in Italien gewann.

Jetzt kann sich die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass der Furor des Verschwindens, der im 20. Jahrhundert durch Europa jagte, nicht das letzte Wort behalten muss.

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