Japan
Mit dem Handy auf Strahlenjagd
Wie Online-Aktivisten in Japan radioaktive Strahlung auf Karten visualisieren und dadurch eine Gegenöffentlichkeit zum fragwürdigen Informationsbündnis zwischen Regierung und Kraftwerkbetreiber Tepco schaffen.
Von Annika Bunse
Das ist der Prototyp. Sean Bonner von "Safecast.org" zeigt auf dem Berliner Gazette-Symposium "Leraning from Fukushima" die I-Phone-App, die wie ein Geierzähler funktioniert.
Radioaktive Strahlung ist eine unsichtbare Bedrohung. Etwas, das man nicht spüren oder riechen und vor allem nicht sehen, kann. Wenn dazu noch die Informationspolitik seitens der Regierung zögerlich und sogar unvollständig ist – so geschehen nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima – braucht es einen anderen Weg, den Menschen verlässliche und aktuelle Messdaten zu vermitteln.
Online-Aktivisten hängten deshalb Geigerzähler an ihre Autos und fuhren die verstrahlten Gebiete ab, entwickelten Iphone-Apps, die Strahlenwerte maßen und aufzeichneten. Auf diese Weise versuchten sie, sich gegen Japans kontrollierte Informationspolitik aufzulehnen. Ihr Auftrag: Den Bürgern Werte in Echtzeit und für den jeweiligen Standort zu liefern.
Safecast.org ist so ein Beispiel. Die Betreiber der offenen Internetplattform fordern die Japaner auf, mit dem Handy aufgenommene Messdaten radioaktiver Strahlung einzusenden. Diese werden durch den Dienst dann live auf einer Karte visualisiert. Es entstehen so detaillierte Übersichten über die Intensität radioaktiver Strahlung. Zusätzlich haben die Aktivisten Geigerzähler an ihre eigenen Autos montiert und fahren entsprechende Strecken um das havarierte Atomkraftwerk ab. So entsteht so genanntes "Crisis Mapping".
Das Handy wird zum Geigerzähler
"Jedes Smartphone kann damit zum mobilen Geigerzähler werden,", sagt Sean Bonner von Safecast.org. Dafür müsse nur ein kleines Zusatzgerät und eine entsprechende Iphone-App genutzt werden. Nach der Kapitalspritze eines namhaften Investors geht dieser Prototyp nun in die Massenproduktion. Ziel ist es laut Bonner, so weltweit an Strahlendaten zu gelangen.
Japans Bürger konnten sich durch diese neu etablierten Quellen ein stückweit unabhängiger machen von der in die Kritik geratenen Informationspolitik der Regierung. Die hatte sich durchgehend auf Informationen und Messdaten von Tepco, dem Betreiber der Atomreaktoren in Fukushima, gestützt. Dieser hatte etwa seine ursprünglichen Messdaten später selbst infrage gestellt.
Die ständig aktualisierten Datensätze von Diensten wie Safecast.org wurden von Regierungsseite nicht offiziell als Informationsgrundlage anerkannt. Dabei beruhte ihre Datengrundlage auf Messmethoden, die immer nur einen Augenblick darstellten und ein statisches Bild der Krise zeichneten.
In und um Fukushima überschlugen sich die Ereignisse jedoch derartig schnell, dass Werkbetreiber Tepco nicht hinterher kam mit den Informationen: Aktuelle Messdaten blieben aus oder wurden verspätet herausgegeben. Die etablierten Medien in Japan visualisierten die Atomkatastrophe im Netz zwar ebenfalls – stützten sich dabei aber auch auf die Tepco-Daten. Auf Basis dieser Karten entstanden viele Karten. Diese stellten aber nicht alle zufrieden.
3-D-Karte radioaktiver Strahlung
Radioaktive Strahlung verteilt sich nämlich nicht regelmäßig und kreisförmig, sondern unkontrolliert in alle Richtungen, erläutert Andreas Schneider, Experte des "Instituts für Information Design Japan. "Wir wollten exakt kartografisieren und haben eine 3-D-Google Map gebaut", führt er weiter aus. Auf einem Symposium des Online-Portals "Berliner Gazette" erklärte er, dass er dadurch "die schwer fassbare Strahlung räumlich, also durch Höhe und Weite, greifbar machen" will. Geologische und klimatische Komponenten wie Wind, Wetter und Boden werden darin ebenso berücksichtigt.
Das Atomunglück erwies sich also als Motor für Innovation im Netz - was exemplarisch zeigt, wie Krisenbewältigung auch kollaborativ funktionieren kann.
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