Gesundheit
Bluthochdruck – die unterschätzte Krankheit
Vor allem im Winter leiden viele Menschen an der Kreislaufstörung. Und oft ignorieren sie die Gefahr von Schlaganfall und Herzinfarkt.
Von Shari Langemak
Durchblutungsstörungen in der Netzhaut führen zu Schwellungen im Bereich des Sehnerven, Untergang von Nervenfasern und Blutungen. Oft verschlechtert sich das Sehvermögen schleichend, aber auch eine plötzliche Erblindung bei komplettem Gefäßverschluss ist möglich.
Egon Braun (Name geändert) merkt sofort, dass es dieses Mal ernst ist. Kopfschmerzattacken hat der pensionierte Polizeibeamte zwar schon seit vielen Jahren, aber an diesem Morgen ist da mehr als nur der dumpfe Schmerz in seiner Schläfe. Die rechte Gesichtshälfte fühlt sich seltsam taub an und seinen Arm kann er kaum bewegen. Panik treibt ihm den Schweiß auf die Stirn, denn die Symptome kommen ihm bekannt vor. Erst vor einem halben Jahr erlitt sein alter Schulfreund einen Schlaganfall – und der hatte sehr ähnliche Symptome beschrieben.
In der Klinik bestätigt der Arzt seine schlimmste Befürchtung: Ein wichtiges Gefäß der Blutversorgung in Brauns Gehirn ist verschlossen. Die Funktion der Nervenzellen ist durch den Sauerstoff- und Nährstoffmangel stark eingeschränkt, schlimmstenfalls kann es als Folge zum Sterben der Nervenzellen kommen. Dann kann der Modellbauer vielleicht nie wieder filigrane Flugzeugmodelle zusammensetzen.
Braun ist ratlos. Warum trifft es ihn? Er hat sich doch immer recht gesund gefühlt. In dieser trügerischen Sicherheit lebt er leider nicht allein. Bis zu zehn Millionen Bundesdeutsche wissen nicht um die Zeitbombe, die in ihrem Körper tickt. Um mehr Menschen diese Gefahr bewusst zu machen, widmet die Deutsche Herzstiftung ihre diesjährigen Herzwochen im November daher dem Thema "Bluthochdruck".
Zu den schweren Folgen kommt es leider nicht nur aus Unwissenheit. Thomas Meinertz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung und Hamburger Herzspezialist, betreut viele Patienten, die ihren Bluthochdruck oft jahrelang verharmlost haben. "Anfangs besteht meist keine Behandlungseinsicht, weil sich die Betroffenen nicht krank fühlen. Der schleichende Blutdruckanstieg führt allenfalls zu unspezifischen Symptomen wie Kopfschmerzen, Wärmegefühl oder Herzpochen."
Gerade im Winter ist die Gefahr für Bluthochdruck höher als in anderen Jahreszeiten. Warum dies so ist, wissen die Mediziner noch nicht genau. Die Herzfrequenz sei Untersuchungen zufolge niedriger, und auch die Konzentration von gefäßerweiterndem Stickstoffmonoxid nehme ab, erklärt die Deutsche Hochdruckliga in Heidelberg. Die Gefäße würden enger und ließen den Blutdruck steigen. Der Verband rät daher den 35 Millionen Menschen in Deutschland mit Bluthochdruck eine regelmäßige Blutdruckkontrolle in der kalten Jahreszeit. "Die strikte Einhaltung des Zielwerts unter 140/90 mm Hg ist aufgrund des saisonalen Risikos gerade im Winter wichtig", sagt Joachim Leiblein von der deutschen Hochdruckliga.
Ärzte warnen fast schon gebetsmühlenartig vor zu hohem Blutdruck – weil sich die Patienten über lange Zeit hinweg kerngesund fühlen und nichts tun. Der Druck aber schädigt langsam alle großen und kleinen Blutgefäße seines Körpers. Diese reagieren auf die anhaltende Druckbelastung mit einer Verkalkung und Verdickung der Gefäßwand. So entstehen Durchblutungsstörungen mit zunehmendem Funktionsausfall lebenswichtiger Organe. Das Herz pumpt weniger, die Nieren filtern schlechter, und die Sehkraft kann dramatisch abnehmen. Doch selbst wenn die Organe bereits geschädigt sind, sehen Betroffene oft noch immer keinen Anlass für einen Arztbesuch. Tückischerweise kommt die Verschlechterung nämlich so schleichend, dass Patienten die verminderte Belastbarkeit als Alterserscheinung entschuldigen.
Ganz anders sieht es beim kompletten Verschluss eines Gefäßes aus. Hier führt das plötzliche Strömungshindernis zu Herzinfarkt, Schlaganfall oder einseitiger Erblindung. Die Folgen sind entsprechend dramatisch: Auch bei einer schnellen Wiedereröffnung bleibt die Organfunktion meist dauerhaft eingeschränkt.
Damit es gar nicht erst so weit kommt, muss ein Bluthochdruck so rechtzeitig wie möglich entdeckt und behandelt werden. Doch wie erkennt man eine Krankheit, die zunächst gar keine Beschwerden macht? Bernhard Schwaab, Kardiologe und Direktor der Klinik Höhenried am Starnberger See, empfiehlt vorsorgliches Blutdruckmessen – schon bevor überhaupt Symptome auftreten: "Spätestens ab dem 40. Lebensjahr sollte der Blutdruck jährlich kontrolliert werden. Wer Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder einen hohen Blutdruck bereits aus dem Familienkreis kennt, sollte schon ab dem 30. Lebensjahr damit beginnen." Dank automatischer Messgeräte geht das bequem zu Hause. Die tägliche Selbstmessung ist besonders wichtig bei Patienten mit nur leicht erhöhten Werten. Da der Gefäßwiderstand und damit der Blutdruck durch Stress beeinflusst werden, kann schon die Aufregung eines Arztbesuches die Werte hochtreiben. Mediziner sprechen dann vom "Weißkittelhypertonus".
Neben der täglichen Selbstmessung ist oft auch eine Langzeit-Blutdruckmessung notwendig. Dabei trägt der Patient 24 Stunden lang ein kleines Messgerät, das seinen Blutdruck im Alltag aufzeichnet. Das Blutdruck-Tagesprofil belegt einen Bluthochdruck nicht nur besonders zuverlässig – es kann auch Hinweise auf einen sogenannten sekundären Hypertonus geben. Das ist ein Bluthochdruck als Folge einer anderen Erkrankung. Schüttet der Körper zum Beispiel bestimmte Hormone in zu großer Menge aus, so kann es unter Umständen schon genügen, den Hormonhaushalt wieder ins Lot zu bringen. Nicht selten bessert sich damit auch der Bluthochdruck.
Bei über 90 Prozent der Bluthochdruckpatienten lässt sich jedoch keine Ursache finden. Man spricht dann von einem "essenziellen Hypertonus". Ihm liegt wahrscheinlich eine Fehlregulation im Zentralen Nervensystem zugrunde. "Der Blutdruck wird maßgeblich von Widerstandsgefäßen, sogenannten Arteriolen, beeinflusst", sagt Thomas Meinertz. "Aufgrund des fehlerhaften Befehls des Blutdruckzentrums werden diese Gefäße enger gestellt, als sie eigentlich müssten – mit der Folge eines dauerhaft erhöhten Blutdrucks."
Zurzeit gehen Forscher davon aus, dass diese Fehlprogrammierung größtenteils vererblich ist. Wer Bluthochdruck und Folgeerkrankungen von Verwandten kennt, sollte also besonders auf einen gesunden Lebensstil achten. Fett- und kochsalzarme Ernährung, regelmäßige Bewegung, wenig Alkohol und Rauchverzicht können der Krankheit wirksam vorbeugen. "Der obere Blutdruckwert lässt sich so um bis zu zehn mmHg senken", so Meinertz.
Neben einem gesunden Lebensstil mit viel Sport, Gemüse und salzarmer Kost ist meist auch die regelmäßige Einnahme von Medikamenten nötig. Doch die die meisten Mittel haben heute kaum Nebenwirkungen – sofern man zwei Grundsätze beachtet. "Erstens sollte die Blutdruckeinstellung langsam beginnen, damit sich das Gehirn an die neuen Blutdruckverhältnisse gewöhnen kann, und die Dosis der Blutdrucksenker sollte nur langsam gesteigert werden", sagt Schwaab. "Zweitens kann durch die Kombination von zwei Wirkstoffen die Dosis jeder Arznei niedrig gehalten und damit die Nebenwirkungsrate reduziert werden."
Auch wenn vielen Patienten die tägliche Tabletteneinnahme und die gesunde Lebensweise lästig sind – die Mühe lohnt sich. "Eine aktuelle Studie aus London zeigt, dass durch konsequente Blutdrucksenkung etwa 40 Prozent weniger Schlaganfälle und 20 Prozent weniger Herzinfarkte auftreten", sagt Schwaab.
Dieser Ratschlag kommt für Braun leider etwas spät. Er muss lernen, mit den Folgen des Schlaganfalls zu leben. Auf seinen Blutdruck sollte er dennoch besonders achtgeben – ansonsten ist das Risiko weiterer Gefäßverschlüsse sehr hoch.
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
- Neurologie: Vernichtungskopfschmerz kündigt Hirnblutung an
- Medizin: Bei vollem Bewusstsein am Gehirn operiert
- Hirninfarkt: Schon kleine Kinder kann der Schlag treffen
- Hans Zippert: Der Tag, an dem mich der Schlag traf
- Neurologie: Immer mehr jüngere Menschen erleiden Schlaganfall
- Schlaganfall-Gefahr: Bei Migräne mit Aura ist Vorsicht geboten
-
10:15Israel-Besuch: Gauck besorgt über Haltung vieler Deutscher zu...
-
09:38Staatsbesuch in...: Gauck nennt Irans Atom-Ambition "konkrete Gefahr"
-
09:22Unsicheres Umfeld: Jede fünfte Firma denkt an Abwanderung aus China
- 1. EM-Kader Löw schickt Cacau, Draxler, ter Stegen und Bender heim
- 2. Auktion Elvis Presleys Grabstätte wird versteigert
- 3. Befreit Deutsches Mädchen in Bosnien acht Jahre als Sklavin gehalten
- 4. Wettmanipulationen Großrazzia erschüttert den italienischen Profi-Fußball
- 5. Mit Droge getötet Mutmaßlicher Darkroom-Mörder gesteht weitere Taten














