Online-Sucht
Experte rechnet mit noch mehr Internet-Anbhängigen
Seit 2006 können sich Internetsüchtige an das Kreuzberger Projekt "Lost in Space" vom Caritasverband des Erzbistums Berlin wenden. Jannis Wlachojiannis, leitender Sozialpädagoge, spricht im Morgenpost Online-Interview über seine Ergfahrungen mit der Internetsucht.
Morgenpost Online: Wenn man beruflich täglich im Internet surft und mehrmals seine E-Mails checkt, ist man dann schon süchtig?
Jannis Wlachojiannis: Nein. Der entscheidende Punkt ist der Kontrollverlust. Wenn man es zum Beispiel überhaupt nicht mehr zur Arbeit schafft, weil man sich nicht vom Computer losreißen kann. Wenn man Schweißausbrüche in Momenten hat, in denen man nicht online ist, und unter Antriebslosigkeit und Depressionen leidet. Die Symptome sind mit denen einer Glücksspiel- oder Drogensucht vergleichbar.
Morgenpost Online: Sind Jugendliche eher betroffen als Erwachsene?
Jannis Wlachojiannis: Ja. Die meisten Internetsüchtigen sind zwischen 16 und 25 Jahre alt. Viele sind Studenten. Die haben weder finanzielle Probleme noch tägliche Routine durch feste Arbeitszeiten.
Morgenpost Online: Können sich die Jugendlichen mit einem intakten, sozialen Umfeld vor Internetsucht schützen?
Jannis Wlachojiannis: Nicht unbedingt. Viele Süchtige hatten einen Partner, einen Freundeskreis und einen geregelten Tagesablauf. Viele andere aber waren bereits in Psychotherapie oder leiden aktuell unter einer Ko-Erkrankung. Sie glauben, dass es ihnen besser geht, wenn sie im Internet sind und zum Beispiel spielen. Dabei verdrängen sie nur ihre Sorgen.
Morgenpost Online: Wie können Eltern ihre Kinder schützen?
Jannis Wlachojiannis: Zunächst einmal sollten sich die Eltern damit befassen, was ihr Kind vor dem Bildschirm treibt. Informationen bekommen besorgte Eltern zum Beispiel bei unseren Informationsabenden an jedem zweiten Dienstag im Monat. Vorbeugend hilft es, klare Regeln aufzustellen. Etwa den wöchentlichen Konsum auf eine bestimmte Stundenzahl zu limitieren und bei Einhaltung belohnen. Natürlich nicht gerade mit dem neuesten Computerspiel.
Morgenpost Online: Wie kommen die Betroffenen aus ihrer Sucht wieder raus?
Jannis Wlachojiannis: Viele empfinden es als erleichternd, wenn sie ihren Computer für zwei Wochen bei einem Freund unterstellen. Oder wenn sie mithilfe einer Sicherheitssoftware die Seiten im Internet sperren, nach denen sie süchtig sind. Die meisten Betroffenen können sich nach rund einem halben Jahr Betreuung und Gesprächstherapie selbst helfen. Es gibt jedoch auch sehr schwere Fälle: Monatlich schicken wir durchschnittlich zwei Süchtige in eine Rehabilitationseinrichtung, ein computerfreies Umfeld, wo sie lernen, ihre Freizeit offline zu gestalten.
Morgenpost Online: Und wie lange dauert das?
Jannis Wlachojiannis: Derzeit durchschnittlich ein halbes Jahr. Die Internetsüchtigen sagen mir aber oft, dass sie ihre Krankheit als eine lebenslange Herausforderung sehen.
Morgenpost Online: In Zukunft wird uns das Phänomen Internetsucht wahrscheinlich häufiger begegnen.
Jannis Wlachojiannis: Ja, die Zahl Internetsüchtiger steigt jedenfalls. 2006, als wir unsere Beratungsstelle eröffnet haben, baten uns 37 Menschen um Hilfe. Im vergangenen Jahr waren es bereits 165 Betroffene. In diesem Jahr werden es noch mehr.
Morgenpost Online: Sind Facebook und andere Social-Media-Plattformen schuld an der steigenden Zahl?
Jannis Wlachojiannis: Immer noch sind Online-Rollenspiele, wie World of Warcraft, die häufigste Ursache von Internetsucht. Aber in den vergangenen beiden Jahren kamen immer mehr Leute zu uns, weil sie das Chatten und Mailen über soziale Netzwerke einfach nicht lassen können und 14 Stunden täglich im Netz unterwegs sind.
Morgenpost Online: Warum gerade Online-Rollenspiele?
Jannis Wlachojiannis: Wenn die Spieler aufsteigen und immer wichtigere Funktionen innerhalb der Online-Spielergemeinschaft einnehmen, bekommen sie sehr schnell soziale Anerkennung. Das kann süchtig machen. Online-Rollenspiele üben wegen der heroischen und actiongeladenen Spielpläne einen Reiz auf Männer aus. 148 der 165 Betroffenen, die im vergangenen Jahr zu uns gekommen sind, waren männlich.
Lost in Space, Wartenburgstr. 8, 10963 Berlin, Tel:030/66633959
Internet: www.computersucht-berlin.de


















