Tiersterben
Gefährliche tropische Viren in toter Amsel gefunden
Eine tote Amsel in Hessen könnte Zeuge einer unglaublichen Virus-Wanderung werden: In ihren Organen wurde ein tropisches Virus nachgewiesen, das auf den Menschen übergehen kann.
Mit Hilfe ihres mit Widerhaken versehenen, stachelartigen Mundwerkzeugs bohren sie sich in die Haut, um Blut zu saugen. Dabei kann es zur Übertragung gefährlicher Krankheitserreger wie Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) wie auch Borreliose kommen.
Ein Tropenvirus ist offenbar für das Massensterben von Amseln in Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg verantwortlich. In den Organen mehrerer toter Vögel sei der aus Afrika stammende Usutu-Erreger entdeckt worden, teilte das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin mit. "Der Befund ist alarmierend, da Usutu-Viren auch Menschen infizieren können", sagte der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit. Bisher seien jedoch keine Infektionen von Menschen in Deutschland bekannt.
Laut Schmidt-Chanasit steht der endgültige Beweis für das Usutu-Virus als Verursacher des großen Amselsterbens noch aus. In Deutschland sei der Erreger erstmals vor einem Jahr in Stechmücken nachgewiesen worden. Die erste Infektion eines Menschen mit dem Virus sei 2009 in Italien bekannt geworden. Der Tropenmediziner betonte: "Es gibt zurzeit keine Hinweise darauf, dass das Usutu-Virus in Deutschland auf Menschen übertragen wird oder gar eine Epidemie auslöst."
Beim Menschen verursacht das Virus Experten zufolge das Usuto-Fieber. Die Infektion gehe mit Fieber, Kopfschmerzen und Hautausschlägen einher, und könne im schlimmsten Fall eine Gehirnentzündung auslösen. Schwere Verläufe seien bei Menschen mit einem schwachen Immunsystem und älteren Menschen beobachtet worden.
Norbert Becker, Leiter der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Stechmückenplage (KABS), sagte, noch immer würden tote Amseln gesammelt und nach Hamburg geschickt. Mit einem neuen Schnelltest könnten Tropenmediziner die Tiere über Nacht auf den Usutu-Erreger hin untersuchen. Diese rasche Diagnose sei wichtig zum Aufbau eines Frühwarnsystems für von Stechmücken übertragene Krankheiten.
Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) Baden-Württemberg hatte vor einigen Wochen bereits über tote Amseln berichtet, die im Labor untersucht würden. Auch Vogelschützer in Rheinland-Pfalz hatten dezimierte Amsel-Populationen registriert. Zwar sei es normal, dass im August weniger Amseln zu sehen und zu hören seien, doch könne eine Infektionskrankheit unter den Vögeln nicht ausgeschlossen werden. Der Nabu hatte gemahnt, die Tiere nicht zu füttern oder Wasser für sie bereit zu stellen.
Die staatliche Vogelschutzwarte für Rheinland-Pfalz, Hessen und das Saarland warnt vor Panikmache: "Noch liegen uns keine Belege für ein Tausendfaches, flächenweites Amselsterben aus ungeklärten Ursachen vor", sagte der stellvertretende Leiter Martin Hormann. Zunächst müssten noch mehr Vogelkadaver obduziert werden, bevor sich die Situation seriös einschätzen lasse.
Hormann wies zudem darauf hin, dass Amseln nach der Brutzeit im August und September naturgemäß ruhiger seien. "Laien könnten das als Beleg für das Amselsterben missverstehen", sagte er. Er wolle aber keineswegs eine mögliche Gefahr verharmlosen. "Wir müssen jetzt sehr wohl genauer hinschauen", betonte er. Schließlich habe es ein solch massenhaftes Amselsterben bereits in Österreich, Italien, Ungarn und der Schweiz gegeben.
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