21.08.11

MRSA

Krankenhauskeime – der Feind in meiner Nase

Eigentlich sollte es im Krankenhaus eine Routine-Operation werden. Doch plötzlich stellte man sie unter Quarantäne. Unsere Autorin Katja Mitic hatte sich mit dem aggressiven Keim MRSA infiziert. Ein Erfahrungsbericht.

Von Katja Mitic

Die Nacht nach der Diagnose war vielleicht die schlimmste. Am Nachmittag zuvor hatte der Stationsarzt unangekündigt im Zimmer gestanden. "Die Laborärztin hat mich gerade angerufen – das macht sie nicht oft, müssen Sie wissen", sagte er mit ernster Miene. "Sie haben MRSA in der Nase. Das ist ein antibiotikaresistenter Krankenhauskeim. Noch wissen wir nicht, auf welches Medikament er sensibel reagiert, also verlassen Sie bitte nicht mehr das Zimmer, Sie könnten die anderen Patienten infizieren. Zum Glück liegen Sie ja schon allein." Und schon war er wieder weg. Das Gespräch hatte keine Minute gedauert.

Ich starrte auf die Tür, hinter der er verschwunden war. Mein Einzelzimmer in einem Berliner Krankenhaus war vielleicht sechs Quadratmeter groß: ein kleiner Tisch, zwei Stühle, ein Bett, ein kleines Bad, weiße Wände. Was sollte das heißen: "nicht mehr verlassen"?

Morgens bei der Visite war doch noch alles okay. Wir hatten darüber gesprochen, wann ich nach meiner dritten Nasenoperation innerhalb von zwei Monaten entlassen werden könnte. Ich hatte genug von Ärzten, Spritzen und diesem Essen. Sicher, es hatte Komplikationen gegeben. Zwei Mal hatte ich nach meiner ersten Operation – die Begradigung meiner Nasenscheidewand – nachoperiert werden müssen, Revision wurde das genannt. Doch jeder Arzt hatte mir versichert, ich habe nur etwas Pech gehabt, alles werde wieder gut. Ich sei noch jung und gesund, deshalb käme bald wieder alles in Ordnung.

Wenn harmlose Keime mutieren

Stattdessen lag ich plötzlich in Quarantäne. Ich wusste zwar, was Krankenhauskeime sind und dass sie auch den Spitznamen "Killer-Keime" tragen, weil jährlich zwischen 15.000 und 30.000 Menschen daran sterben. Aber erst später verstand ich, wie gefährlich Staphylococcus aureus wirklich sein kann.

Es ist ein kugelförmiges Bakterium, das hauptsächlich in den oberen Atemwegen sitzt. Es soll bei bis zu 30 Prozent der Bevölkerung vorkommen. Normalerweise ist der Keim harmlos, das Immunsystem bekämpft ihn meist erfolgreich.

Doch dummerweise gibt es einen aggressiven Ableger, der mutiert ist und gegen viele der herkömmlichen Antibiotika resistent geworden. Kommt dieser multiresistente Keim dann in eine Wunde, entzündet sie sich, vereitert und heilt nicht mehr. Vor allem für alte Menschen und solche mit schwachem Immunsystem kann das tödlich enden. Mangelnde Hygiene in Krankenhäusern ist oft der Grund für seine Verbreitung, aber auch zu viel und zu unbedacht eingesetztes Antibiotika.

Mein Gott, ich hatte in den vergangenen Wochen mit meinen drei Operationen Antibiotika geschluckt wie andere Menschen Hustenbonbons, dachte ich. Was steckte da jetzt bloß in mir? Ich fühlte mich beschmutzt, besudelt, verseucht.

Später raschelte es minutenlang vor der Tür. Ein Geräusch, an das ich mich gewöhnen würde. Es war eine Schwester, die mir das Essen brachte. Sie trug einen gelben Kittel aus Plastik, eine Haube, Handschuhe und Mundschutz. Vor meiner Tür standen jetzt mehrere Wagen mit Ausrüstung und speziellen Mülleimern. Das Essen war leider kalt, die Schwester hatte zu lange für die vorgeschriebene Vermummung gebraucht. "Wenn etwas sein sollte, klingeln sie bitte, auch wenn es nur für eine Wasserflasche ist." Die Wasserkästen standen im Flur, keine 20 Schritte entfernt. "Das ist doch nicht weit", sagte ich. "Egal", sagte sie. "Sie gehen nicht aus dem Zimmer. Morgen früh kommt ein Arzt zu ihnen."

Alles fing an mit einem Routineeingriff

Als mein Mann mich kurz darauf besuchen wollte, fingen ihn die Schwestern ab. In Schutzmontur saß er nun in meinem Zimmer. Ich weinte. Ich wollte raus in den Park, nur für zehn Minuten, ich wollte nach Hause, bitte. "Schatz, es tut mir so leid, aber das geht nicht", sagte er. Ich konnte nur seine Augen sehen, der Rest steckte hinter einem grünen Mundschutz. Als er mir tröstend über den Kopf streichen wollte, verhedderten sich seine Gummihandschuhe in meinen Haaren. Nach einer halben Stunde bat ich ihn zu gehen, ich wollte ihn nicht anstecken.

In meiner ersten Nacht mit MRSA flimmerte der Fernseher bis zum Morgengrauen. Ich guckte gar nicht genau hin, sondern wollte in meiner Isolationshaft bloß nicht alleine sein. Meine Nase pochte schon seit Wochen, mein Kopf fühlte sich an wie ein Eimer, in dem das Wasser von rechts nach links schwappte, das ganze Gesicht war geschwollen. Ich bekam keine Luft, wachte auf, weil ich Angst hatte zu ersticken. Dicke Plastikschienen stabilisierten die Nasenscheidewand. Manchmal tropfte Sekret aus der Wunde, ich spuckte Blut, das mir in den Rachen floss. Ich war so schwach, dass ich beim Duschen gestützt werden musste. Ich hätte nie gedacht, dass es mir jemals so schlecht gehen würde.

Ich erinnerte mich an eine TV-Dokumentation über Penicillin, die ich vor Jahren gesehen hatte. Im Ersten Weltkrieg waren Soldaten elend in den Lazaretten verreckt, weil ihre Wunden sich infiziert hatten und es kein Mittel dagegen gab. Erst im Zweiten Weltkrieg gab es Penicillin. In den Geschichten meiner Oma, einer früheren Krankenschwester, starben die Frauen noch am Kindbettfieber. Auch bei diesen Infektionen war mangelnde Hygiene im Spiel. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Angst, dass es das nun gewesen sein sollte. Was ist, wenn es gegen meinen Keim kein Mittel mehr gäbe? Ich rief meinen Mann an und sagte ihm all das, was man eben so sagt, wenn man glaubt, dass es bald vorbei sein könnte.

Dabei hätte doch alles gut sein sollen. Ich hatte doch bloß eine schiefe Nasenscheidewand und ein paar Polypen, die herausoperiert werden mussten. Seit Jahren hatte ich mich vor diesem Eingriff, den jeder Arzt als Routine bezeichnete, gedrückt, obwohl ich schlecht atmen konnte und süchtig nach Nasenspray war. Irgendwann war der Leidensdruck aber doch zu groß, trotz meiner Angst vor Spritzen und Krankenhäusern.

Die erste Operation im Mai 2011 verlief gut, sagte der Arzt noch. Ich verbrachte nur eine Nacht in einer Klinik mit Belegbetten, nach einer Woche ging ich wieder arbeiten. Kurz darauf fuhr ich mit Erlaubnis des Arztes in den Urlaub. Ich verbrachte drei Wochen in der Sonne, aß gut, schlief viel, erholte mich. Doch dann fingen die Schmerzen an. Auf dem Rückflug explodierte meine Nase förmlich. Als wir landeten, war meine Nasenscheidewand zu einer riesigen Murmel angeschwollen. Es folgte die zweite Operation. Alles noch im Rahmen möglicher Komplikationen, sagte der Arzt. Vielleicht hatte ich versehentlich einen Schlag auf die Nase bekommen.

Wieder verbrachte ich bloß eine Nacht im Krankenhaus. Wieder war der Arzt zufrieden mit dem Heilungsprozess. Doch dann – über Nacht – war die Murmel wieder da. Ich fuhr fiebrig jeden Tag in die Praxis, ich fühlte mich immer schwächer. "Sie nehmen aber auch alles mit", sagte der Arzt. Ich schrie, fluchte, heulte und bettelte. Was ist denn da los, warum wusste das keiner? Als er schließlich mit einer Spritze in das geschwollene Gewebe stach, saugte er eine gelbe Flüssigkeit heraus: Eiter. Jetzt war mein Arzt alarmiert und rief sofort in der Klinik an. Am nächsten Tag lag ich wieder auf dem OP-Tisch. Und dieses dritte Mal wurde ich stationär eingewiesen.

Im Krankenhaus wollte ich noch mit den Ärzten um jeden Tag feilschen, den ich bleiben musste. Doch nach der MRSA-Diagnose war das Feilschen vorbei. Der Oberarzt, der mich operiert hatte, stand in meinem Zimmer – natürlich in Vollmontur. "Sie haben Glück: Der Keim reagiert noch auf zwei Präparate", sagte er. "Aber Sie bleiben hier – und werden weiterhin isoliert. Sie gehen nur raus, wenn wir ihnen Bescheid geben. Und dann tragen Sie Handschuhe und Mundschutz. Und dann fassen Sie bitte nichts an. Keine Sorge, wir kriegen das wieder hin."

Ein simpler Abstrich könnte Leben retten

Ich hatte wirklich Glück im Unglück, denn ich bin an gute, engagierte Ärzte geraten, die die Gefahr erkannt hatten: Mein HNO-Arzt hatte den richtigen Verdacht, und der Oberarzt in Krankenhaus war ein erfahrener Operateur. Meine entzündete Nase machte ihn misstrauisch und er nahm den entscheidenden Abstrich, sonst hätte er vielleicht nie erfahren, dass die üblichen Antibiotika dem Keim nichts anhaben können. Wäre das nicht passiert, hätte ich vermutlich irgendwann eine Blutvergiftung bekommen, sagten die Ärzte. Eine der häufigsten Folgen von MRSA.

Denn das ist das Verhängnis: In deutschen Krankenhäusern wird, anders als in den Niederlanden, nicht jeder Patient bei Aufnahme auf MRSA getestet. Das passiert nur manchmal, etwa wenn der Kranke aus dem Pflege- oder Altersheim kommt. Bis dahin wird ein gängiges Antibiotikum verabreicht, das vielleicht völlig nutzlos ist oder sogar Schaden anrichtet, weil es das Immunsystem schwächt. Ich aber galt mit 36 nie als Risikopatientin. Dabei hätte ein simpler Abstrich mit einem Wattestäbchen gereicht. Doch den bezahlt die Krankenkasse nicht.

Wäre er bei mir vorher gemacht worden, hätte ich sofort das passende Mittel erhalten. Ich hätte den Test auch selbst bezahlt, wenn ich es gewusst hätte. Er kostet um die 30 Euro. Ein schlechter Witz, wenn man bedenkt, dass ich so vier Wochen krankgeschrieben war. Das Antibiotikum, das ich schließlich zur Bekämpfung der Infektion bekam, war zwar so ätzend, dass es die Infusionsnadeln aus Kunststoff in meiner Vene zerfraß und ich an beiden Armen blau gestochen war, aber wenigstens heilten die Wunden in der Nase.

Ich wollte natürlich wissen, woher ich den Keim hatte. Bei jeder Behandlung fragte ich danach. Auf wen durfte ich wütend sein, wer hatte mir das angetan? Gab es eine Möglichkeit wie bei der Krimi-Serie CSI, dem Bakterium auf die Schliche zu kommen – vielleicht mit einer DNA-Analyse?

Doch die Ärzte konnten es mir nicht sagen. Vielleicht wurde ich bei einer der ersten beiden Operationen in anderen Krankenhäusern infiziert, vielleicht hatte ich den Keim aber schon immer in mir. Viele Menschen leben ohne Beeinträchtigung mit MRSA, sagten sie. Holen könne man sich den Keim inzwischen überall, nicht mehr nur in Krankenhäusern, weil so viele Menschen sogenannte MRSA-Träger sind, ohne etwas davon zu ahnen. Ich hätte mich also genauso gut in der U-Bahn, im Flugzeug, im Fitnessstudio, im Kindergarten, an jeder Tastatur und sogar bei meinem Haustier anstecken können.

Duschen mit einem giftigem Gel

Dass der Keim so verbreitet ist, liegt auch daran, dass viele Krankenhäuser oder Pflegeeinrichtungen mit den MRSA-Patienten überfordert sind, denn die Behandlung ist zeitintensiv, langwierig und darum teuer. Wenn ich behandelt wurde, durfte ich den Behandlungsraum nur vermummt betreten, der Arzt musste sich umziehen, alles wurde abgedeckt. Für mich gab es extra Instrumente, einen extra Mülleimer, meine Wäsche wurde separat gesammelt. Was ich allein an Handschuhen und Mundschutz verbraucht habe, mag ich gar nicht aufrechnen. Nach mir wurde alles im Raum desinfiziert, deshalb kam ich auch immer als Letzte dran.

Viel Zeit kostet auch die sogenannte Sanierung, bei der der Keim auf meinem Körper abgetötet wird. Diese Behandlung konnte ich wenigstens an mir selbst vornehmen. Ich bekam eine Salbe für die Nase und musste mich mit einer Seife waschen, die eine Sicherheitswarnung "sehr giftig für Wasserorganismen" besitzt. Zudem gurgelte ich mit einer Chlorlösung, die mir die Zunge taub werden ließ.

Doch was sollen pflegebedürftige und bettlägerige Menschen machen? Wenn bei ihnen Ärzte, Pfleger oder Angehörige schlampen, wird der Keim weiter getragen. Sie bringen ihn sogar nach Hause zu ihren Familien. Auf dem Heimweg heben sie vielleicht noch schnell das Taschengeld für ihre Kinder ab. Niemand sei deshalb davor sicher, erklärten mir die Ärzte. Nur eines helfe wirklich: regelmäßig Hände waschen.

Ich steckte also in der Keim-Hölle, überall sah ich ein Risiko. Es dauerte lange, bis ich mich ohne Mundschutz und Handschuhe nach draußen traute. Zudem dekontaminierte ich, so heißt es im Fachjargon, nicht nur mich, sondern auch meine Wohnung, als ich endlich entlassen wurde. Dabei habe ich vermutlich den Umsatz von Sagrotan verdreifacht. Noch heute bin ich vorsichtig, obwohl ich als gesund gelte. Doch ich weiß, der Keim ist heimtückisch und zäh, bis zu 100 Tage kann er überleben. Manchmal nistet er sich sogar im Körper ein und schlägt wieder zu, wenn das Immunsystem geschwächt ist.

Jedes Handtuch wird deshalb nach einmal Benutzen sofort gewaschen, wie es in der Info-Broschüre meines Arzt stand. Jeden Tag wechsele ich die Bettwäsche. Meine Kleidung wird – natürlich nach einmaligem Tragen – wenn möglich abgekocht. Ich habe Kosmetika für fast 250 Euro weggeschmissen, weil ich vor der MRSA-Diagnose mit den Fingern dran war. Schmuck, Brille, Handtasche, Portemonnaie, Kreditkarte, Schlüssel alles wird regelmäßig abgewischt.

Außerdem habe ich mir einen Vorrat an desinfizierendem Handgel zugelegt, wenn ich doch einmal am Bankautomaten war oder in der U-Bahn etwas angefasst habe. Jede Türklinke ist für mich eine Überwindung, jedes Händeschütteln, jeder Einkaufswagen. Außerdem sprühe ich jeden zweiten Tag alle Oberflächen ab: Telefon, Tastatur, Klinken, Lichtschalter. Und das werde ich so lange mache, bis ich mich wieder sicher fühle, bis mein Immunsystem nach den vielen Eingriffen und Antibiotika-Behandlungen wieder so fit ist, um allein mit dem Keim fertig zu werden.

In sechs Monaten könnte der Albtraum dann wirklich vorbei sein. Werde ich bis dahin nicht mehr positiv getestet, gelte ich als endgültig geheilt.

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