25.07.11

"Three Essentials"

Warum die DDR nach Kennedys Rede die Mauer baute

Vor 50 Jahren hielt US-Präsident John F. Kennedy seine "Three-Essentials"-Rede: der DDR lieferte sie die Blaupause für den Mauerbau.

Von Sven Felix Kellerhoff
Foto: picture-alliance / akg-images
J.F.Kennedy,T.C.Sorensen i.Gespraech/1961

Das Oval Office ist vollgestopft mit Scheinwerfern, Kameras und Mikrofonen. Wo keine Technik steht, drängen sich Mitarbeiter der großen amerikanischen TV-Networks und Radioanstalten. Sämtliche wichtigen Sender wollen die Ansprache um 22 Uhr Washingtoner Zeit übertragen, die "Voice of America" sogar weltweit.

Die "New York Times" hat die Ansprache an diesem 25. Juli 1961 als zweite "Einführungsrede von Präsident Kennedy" angekündigt: "Mit der ersten wurde er am 20. Januar 1961 in sein Amt eingeführt, nun führt der Präsident eine neue, flexible Politik nicht nur für Berlin, sondern für den gesamten ,Kalten Krieg' ein." Die Erwartungen sind hoch.

Auf keinen Fall als Kriegstreiber erscheinen

Auch der gerade 44 Jahre junge Präsident ist angespannt. Er weiß: Viel hängt davon ab, dass er den richtigen Ton trifft. Er muss den Sowjets unmissverständlich klarmachen, dass die USA ihrem aggressiven Kurs nicht einfach zusehen werden. Andererseits will er die Lage nicht zusätzlich verschärfen; auf keinen Fall darf er in den Augen der westlichen Welt als Kriegstreiber erscheinen.

Schon seit Tagen bereitet der Stab des Weißen Hauses intensiv die Rede vor. Doch ausgerechnet in dieser Situation plagen Kennedy große Schmerzen: Sein Rücken macht ihm einmal mehr Probleme. Nur mit einem Stützkorsett unter dem Anzug und einer zusätzlichen Dosis Kortison ist er überhaupt zu dem Auftritt in der Lage.

Mit ruhiger Stimme und beinahe düsterem Gesicht beginnt er auf die Sekunde pünktlich zu sprechen: "Heute Abend ist es sieben Wochen her, dass ich aus Europa zurückgekehrt bin und Ihnen über mein Treffen mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten Chruschtschow und den anderen berichtet habe."

West-Berlin verlassen? "Das können wir nicht zulassen"

Schnell kommt Kennedy zur Hauptsache, zu den Forderungen des sowjetischen Parteichefs: "In Berlin will er durch einen Federstrich unsere legalen Rechte auf Anwesenheit in West-Berlin aufheben und uns die Möglichkeit nehmen, unsere Verpflichtungen gegenüber den zwei Millionen Einwohnern dieser Stadt zu erfüllen." Kennedy macht eine kurze Pause, schaut fest in die Kameras und sagt: "Das können wir nicht zulassen."

Sein Berater und Redenschreiber Ted Sorensen hat viel Dramatik in den Text gelegt, an den sich der Präsident weitgehend hält: "Die unmittelbare Bedrohung der freien Menschheit liegt in West-Berlin. Aber dieser isolierte Vorposten ist kein isoliertes Problem. Die Bedrohung ist weltumfassend. Unsere Anstrengung muss gleichermaßen umfassend und stark sein."

Durch Betonung und seinen ernsten Gesichtsausdruck setzt der Rhetoriker Kennedy die klug geschriebene Rede gekonnt in Szene. West-Berlin sei mehr als ein "Schaufenster der Freiheit" und "eine Insel der Freiheit inmitten der kommunistischen Flut", nämlich der "Prüfstein für den Mut und die Willensstärke des Westens".

"Jede Position ist zu halten, wenn Männer dafür einstehen"

Dann greift Kennedy noch tiefer ins emotionale Repertoire seiner Nation: "Ich habe sagen hören, West-Berlin sei militärisch nicht zu halten. Dies galt ebenfalls für Bastogne und für Stalingrad. Aber jede Position ist zu halten, wenn tapfere Männer dafür einstehen. Wir wollen den Kampf nicht – aber wir haben schon gekämpft." Damit packt er die Soldatengeneration des Zweiten Weltkriegs an der Ehre.

Nach dieser aufwühlenden Einleitung allerdings schaltet Kennedy um zu Realpolitik – ganz im Sinne einer Vorlage, die sein Außenminister Dean Rusk einige Tage zuvor verfasst hat. Lediglich Rusks vierten Punkt, den Schutz der Bundesrepublik vor einem Angriff durch die DDR, lässt er weg – er gehört nicht direkt zum Berlin-Problem.

Kennedy bekennt unmissverständlich: "Unserer Anwesenheit in West-Berlin und unserem Zugang zu dieser Stadt kann nicht durch irgendwelche Handlungen der Sowjetregierung ein Ende gesetzt werden." Außerdem erneuert er eine wichtige Zusage: "Wir müssen unser der freien Bevölkerung West-Berlins gegebenes und oft wiederholtes Versprechen halten, unsere Rechte und ihre Sicherheit selbst angesichts von Gewalt bewahren, um das Vertrauen der anderen freien Völker in unser Wort und unsere Entschlossenheit nicht zu verlieren." Als seine "Three Essentials" sind diese Grundsätze weltberühmt geworden.

Stärkste Aufrüstung der USA seit dem Zweiten Weltkrieg

Indirekt droht Kennedy, indem er die stärkste Aufrüstung der USA seit dem Zweiten Weltkrieg ankündigt – um immerhin ein Sechstel der bisherigen Friedensstärke; um mehr als drei Milliarden Dollar soll der Verteidigungsetats aufgestockt werden.

Möglichen Kritikern nimmt er gleich den Wind aus den Segeln: "Ich bin sicher, dass jeder Amerikaner bereit ist, seinen angemessenen Beitrag zu zahlen und die Last der Verteidigung der Freiheit nicht ausschließlich jenen zu überlassen, die unter den Waffen stehen."

So klar Kennedys Worte sind, so klar fällt die Reaktion der Welt aus. Die wichtigsten Verbündeten, darunter Bundeskanzler Konrad Adenauer, waren ohnehin vorab bereits über den Redetext unterrichtet worden. Aber auch alle westlichen Zeitungen loben die Rede; Kennedy habe den richtigen Ton getroffen. Die Sowjets und die DDR stellen umgehend die angekündigte Aufrüstung der USA heraus und interpretieren das offiziell als Bedrohung, auf die reagiert werden müsse.

Für die DDR politische Blaupause für den 13. August 1961

Intern aber lesen die Berater um Nikita Chruschtschow ganz besonders gründlich – und stellen fest, dass der US-Präsident stets nur von Garantien für West-Berlin gesprochen hatte, nur von den "zwei Millionen Einwohnern" der westlichen Sektoren gesprochen hat statt von den 3,3 Millionen der gesamten Stadt.

Neben dem dramatischen, zugespitzten Tenor enthält die Rede tatsächlich zwischen den Zeilen noch eine zweite Linie: Kennedy signalisiert, wo genau die Schmerzgrenze der USA liegt. Die "Three Essentials" sind nicht verhandelbar. Doch schnell erkennen die Sowjets: Im Umkehrschluss kann man daraus ableiten, welche Maßnahmen die westliche Allianz doch hinzunehmen bereit sei.

Das Weiße Haus hat nämlich, trotz des öffentlich wahrgenommenen und geförderten warnenden Charakters der Ansprache, kein Interesse, die Krise um Berlin weiter zu verschärfen. Kennedy will einen Krieg vermeiden. Das ist nur möglich, wenn die Sowjets einerseits wissen, dass die USA nicht zurückweichen werden, er ihnen aber andererseits signalisiert, dass die westliche Supermacht all jene Maßnahmen akzeptieren wird, die den Status quo von West-Berlin nicht entscheidend tangierten.

Der US-Präsident hat nie eingeräumt, dass seine "Three-Essentials"-Rede bewusst dieses Ziel gehabt hat. De facto aber liefert sie der DDR die politische Blaupause für den 13. August 1961. Denn Nikita Chruschtschow kann nun sicher sein, wie weit er gehen kann, ohne einen Atomkrieg fürchten zu müssen. Am 25. Juli 1961 gibt John F. Kennedy grünes Licht für den Mauerbau.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Multimedia
Berliner Mauer

Die Mauer und das geteilte Deutschland

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Mexiko Ist diese Frau der älteste Mensch der Geschichte?
Mexiko Hunderttausende tote Fische machen Fischern Sorgen
Kampf gegen IS USA fliegen tonnenweise Hilfsgüter in den Nordirak
Erdrutsche Hochwasser in China führt zu acht Toten
Top Bildershows mehr
Bürgermeister-Karriere

Klaus Wowereit und der Abstieg vom Gipfel

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Nina Hagens Tochter

Schauspielerin Cosma Shiva Hagen

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote