Epidemie
EHEC steckt in Sprossen - Biohof gesperrt
Laut Robert-Koch-Institut sind Sprossen die Ursache für die schwere EHEC-Epidemie in Deutschland. Die Warnung für Tomaten, Gurken und Salat ist aufgehoben. Derweil gab es in Niedersachsen einen weiteren Todesfall im Zusammenhang mit EHEC.
Die Gesundheitsbehörden gehen davon aus, dass Sprossen die Ursache für die EHEC-Epidemie sind. "Es sind die Sprossen", sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger, am Freitag in Berlin. Der Nachweis sei zwar noch nicht gelungen. Jedoch sei es durch Überprüfung der Lieferwege möglich gewesen, die Sprossen als Quelle einzugrenzen. 100 Prozent der vom RKI befragten EHEC-Opfer hätten Sprossen verzehrt. Die in Mai verhängte Warnung vor dem Verzehr roher Tomaten, Gurken und Blattsalate ist aufgehoben. Das erklärte der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), Andreas Hensel. Hensel empfiehlt "Tomaten und Gurken wieder mit Genuss zu verzehren".
Derweil hat es in Niedersachsen einen elften Todesfall im Zusammenhang mit EHEC gegeben. Eine 75-jährige Frau aus dem Landkreis Göttingen sei bereits am 3. Juni gestorben, sagte der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Thomas Spieker. Erst jetzt sei EHEC labortechnisch nachgewiesen worden. Damit steigt die Zahl der Toten nach EHEC-Infektion offenbar auf 30.
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Die Warnung der Behörden für Sprossen bleibe dagegen bestehen. Vor allem rohe Sprossen sollten nicht gegessen werden, sagte Hensel. Bohnen-Sprossen seien definitiv als Ursache für die EHEC-Erkrankungen festgestellt worden. Aus diesem Grund sollten die Hygiene-Empfehlungen weiter beachtet werden. Auch sollten alle Vorräte an Sprossen oder anderen Lebensmitteln entsorgt werden, die aus dem Bio-Betrieb "Gärtnerhof" im niedersächsischen Bienenbüttel stammten, sagte Hensel.
Infektionsgefahr nicht gebannt
Die Infektionsquelle sei womöglich "versiegt, entweder ist sie verzeht worden oder wurde weggeworfen." Das schließt das BfR aus der Tatsache, dass die Zahl der Neuerkrankungen zurückgeht. Allgemein entspannt sich nach den Worten von RKI-Präsident Reinhard Burger die Lage. Die Zahlen an EHEC-Neuerkrankungen würden fallen. "Aber der Ausbruch ist noch nicht vorbei", sagte Burger weiter. Es werde weitere Fälle geben.
Der Präsident des niedersächsischen Landesgesundheitsamtes, Matthias Puls, sagte zur Gefahr, sich durch bloßen Kontakt mit an EHEC-Erkrankten selber anzustecken: "Ich möchte sehr davor warnen, hier ein Schreckensgespenst zu malen." Normalerweise spiele dieser Infektionsweg eine extrem untergeordnete Rolle bei EHEC-Erkrankungen. Normale Hygienemaßnahmen seien ausreichend.
Die Eingrenzung sei anhand ausführlicher Befragungen der Patienten und der Auswertung von Lieferdokumenten möglich gewesen, sagte Burger. So gebe es Fotos vom Restaurantbesuch einer Reisegruppe, auf denen die Salatteller vor den später erkrankten Personen zu sehen sind. Trotz der Erfolgsmeldung bestehe aber noch kein Grund zur Entwarnung, sagte Burger. Es gebe weiterhin Neuerkrankungen, auch wenn deren Zahl zurückgehe.
Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) hatte zuvor den Bio-Betrieb als "die Spinne im Netz" bezeichnet. Offenbar hätten mindestens 80 Opfer der Seuche in ganz Deutschland Sprossen zu sich genommen, die dort gezogen wurden. Eine Verunreinigung des Betriebs sei durch den Kauf verunreinigten Saatguts oder auch mangelnde Hygiene der Mitarbeiter denkbar, die den Erreger mitgebracht haben könnten. Einen terroristischen Hintergrund für die in Deutschland grassierende Erkrankungswelle hält der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, dann auch für ausgeschlossen. Es gebe "keinerlei Anzeichen, die auf einen terroristischen Hintergrund hindeuten", sagte er. Anderslautende Mutmaßungen seien Verschwörungstheorien.
Biohof Bienenbüttel gesperrt
Der Biohof in Bienenbüttel ist jetzt komplett gesperrt und darf kein Gemüse mehr in den Handel liefern. Bisher galt das Verkaufsverbot nur für Sprossen. Der Betreiber habe aber bereits freiwillig seit Sonntag keine anderen Produkte mehr in Umlauf gebracht, sagte Minister Lindemann.
Lindemann betonte, der Bienenbütteler Betrieb sei nun definitiv als der Hauptauslöser für die EHEC-Erkrankungswelle in Deutschland ausgemacht worden. Es könne aber auch andere Wege gegeben haben, sich mit EHEC anzustecken als durch den Verzehr von Sprossen, sagte der Minister. So sei auch möglich, dass der Erreger von Mensch zu Mensch oder vom Menschen auf ein landwirtschaftliches Produkt übertragen worden sei.
Die Bundesregierung sieht nach der Eingrenzung des EHEC-Verdachts auf Sprossen mehr Klarheit für die Verbraucher. "Wir sind ein Stück weit erleichtert", sagte Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU). Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) betonte, es sei gut, dass die bisher auch für rohe Tomaten, Gurken und Blattsalate verhängten Warnungen nun von den Behörden auf Sprossen beschränkt worden seien. Für die Bürger sei dadurch klarer, wie sie sich schützen könnten.
Bahr beklagte verwirrende Informationen im Zusammenhang mit der EHEC-Epidemie in Deutschland. Gegen die vor allem von "selbst ernannten Experten" in die Welt gesetzten Vermutungen habe er "gar nicht anarbeiten können", sagte er. Das Gesundheitsministerium habe sich dagegen immer streng an die Empfehlungen des RKI gehalten. Eine sofortige Diskussion über die auf Bund und Länder verteilten Zuständigkeiten für das Krisenmanagement lehnte Bahr erneut ab. Die Strukturen hätten sehr gut funktioniert, über eine Verbesserung werde man nach der Epidemie sprechen.
Auch Aigner widersprach Vorwürfen der Opposition, bei den Absprachen und Kompetenzverteilungen zwischen Bund und Ländern herrsche Chaos. "Die Opposition macht es sich mit ihren billigen Sprüchen leicht", sagte sie. Zwar gebe es natürlich immer Verbesserungsmöglichkeiten, doch insgesamt leisteten die Mitarbeiter des Verbraucherschutzministeriums und der zuständigen Behörden hervorragende Arbeit.
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