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23.05.11

50 Jahre Mauerbau

Horst S., erstes Opfer der Selbstschussanlagen

Ende 1971 versuchte ein 28-Jähriger, die Todesautomaten zu überwinden. Aktenfunde im Bundesarchiv zeigen, wie die Grenztruppen sein Scheitern auswerteten.

BArch DVH 32_115487 Bl. 50/Bundesarchiv

Schnittzeichnung einer Splittermine vom Typ SM-70, hier für eine erdnahe Ausstellung. Die "Entsicherungsschnur" ist als Stolperdraht ausgeführt. Mit dieser Todesautomatik konnte ein Grenzstück von 20 Metern "gesichert" werden.

4 Bilder

Die Angst reichte für etwa 90 Meter. So weit lief Horst S. am drittletzten Tag des Jahres 1971 am Sperrzaun der innerdeutschen Grenze im Norden Sachsen-Anhalts entlang. Ihn schreckten die seltsamen hellen Metalltrichter ab, die am Zaun aus scharfem Streckmetall hingen. Er wusste nicht, was das war – gefährlich aber schienen die mit Spanndrähten verbundenen Geräte zu sein. Nach 90 Metern traute sich der 28-Jährige dann doch.

"Durch Besteigen einer unteren Zwischenhalterung versuchte er, den zwei Meter hohen Sperrzaun zu überwinden", hielt der Bericht von Grenztruppen-Chef Erich Peter fest: "Dabei löste er eine Mine der oberen Minenlinie aus und wurde vorwiegend an der rechten Körperhälfte durch ca. 25 Stück Splitter verletzt." Es war genau 19.15 Uhr am 29. Dezember 1971, und in der Kontrollstelle des 24. Grenzregiments im Dorf Zießau am Arendsee heulte der Alarm los.

Horst S. war vom Zaun gestürzt und humpelte die wenigen Meter zurück zum Kolonnenweg. Er wollte wohl versuchen, sich vor den anrückenden Grenzposten zu verstecken. Doch seine schweren Verletzungen ließen das nicht zu: Nur 15 Minuten nach der Auslösung der SM-70 etwa 100 Meter westlich der seit 1952 gesperrten Straße von Schrampe am Arendsee ins niedersächsische Lüchow nahm die eingesetzte "Alarmgruppe" den "Grenzverletzer" fest.

40 Minuten später kam er ins Kreiskrankenhaus in Seehausen, wo Erste Hilfe geleistet wurde. Das war nötig, denn nach dem ärztlichen Bericht war der gescheiterte Flüchtling schwer verletzt. Sein rechter Unterarm und die rechte Hand waren deutlich geschwollen, er hatte dort und am rechten Oberschenkel klaffende Wunden von zwei bis drei Zentimeter Länge, an der linken Hand eine kleinere Verletzung. Außerdem war sein linker Fuß in der Beweglichkeit "erheblich eingeschränkt".

Der diensthabende Mediziner entfernte einen Fremdkörper aus dem rechten Augenwinkel des Verletzten, drei weitere aus dem rechten Unterarm, einen aus der linken Hand sowie einen aus dem linken Fuß. "Die Metalleinsprengungen sind pyramidenartig kantig von Apfelsinenscheibengröße", beschrieb der Arzt.

Beim anschließenden Röntgen fielen weitere Fremdkörper auf, im linken Fuß, rechten Ellbogen sowie in beiden Unterarmen. Horst S. war das erste Opfer der Selbstschussanlage. Am folgenden Tag wurde er ins Haftkrankenhaus Magdeburg überführt; später erhielt er eine mehrjährige Gefängnisstrafe wegen "versuchter Republikflucht".

Generalleutnant Peter war zufrieden. "Die Sperranlage SM-70 hat sich bei der Verhinderung eines Grenzdurchbruchs unter ungünstigen Witterungsverhältnissen als wirksam erwiesen", stellte sein Bericht ("Vertrauliche Verschlusssache!") fest. Als wesentlich hob er hervor, dass es dank der mit diesen Splitterminen eingeführten automatischen Benachrichtigung des nächstgelegenen Wachpostens "möglich war, dem Grenzverletzer nach 15 Minuten Erste Hilfe zu leisten und ihn festzunehmen".

Bis zur Einführung der überwachten Splitterminen hatte lediglich der Knall der konventionellen Erdminen im Todesstreifen den Grenztruppen gezeigt, dass irgendjemand oder irgendetwas irgendwo in der Nähe einen solchen Sprengkörper ausgelöst hatte. Jetzt konnten die Soldaten zielgerichtet einen Abschnitt absuchen. Die innerdeutsche Grenze war wieder ein Stück unpassierbarer geworden .

Die neuen Selbstschussanlagen hatten sich aus DDR-Sucht bewährt: "Die physischen und psychischen Auswirkungen der Minenauslösung auf den Grenzverletzer bewirkten, dass er nicht mehr in der Lage war, die Sperre zu überwinden." Dennoch strebte der Grenztruppen-Chef weitere "Verbesserungen" an: "Durch die Festnahme wurden neue praktische Erkenntnisse gewonnen, die zielgerichtet bei der weiteren technischen Erprobung Berücksichtigung finden."

In den kommenden Jahren wurden immer mehr unübersichtliche Abschnitte der innerdeutschen Grenze mit SM-70 ausgestattet. Das kostete zwar annähernd 100.000 DDR-Mark pro Kilometer, berichtete Erich Peter. Das aber war SED-Chef Erich Honecker gleichgültig: Bis Ende der siebziger Jahre wurde ungefähr ein Drittel der 1378 Kilometer Todesstreifen mit Selbstschussanlagen aufgerüstet.

Aus der "Vertraulichen Verschlußsache" des Kommandeurs der DDR-Grenztruppen Generalleutnant Erich Peter

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