Facebook und Co.
Polizei entdeckt soziale Netze für Verbrecherjagd
Deutschlands Ordnungshüter erhoffen sich bei der Suche nach Vermissten und nach Kriminellen zusätzliche Hilfe aus dem Netz. Die Polizisten fahnden jetzt auch per Facebook und iPhone-App. Vorreiter bei der digitalen Ermittlung sind Hannover und Nordrhein-Westfalen. Doch wie sieht es in Berlin aus?
Von Benjamin Havermann
Jugendliche überfallen im Morgengrauen einen 17-Jährigen. Sie beleidigen ihn, schlagen auf ihn ein und stehlen seinen Geldbeutel. Danach flüchten sie unerkannt. Eine Tat, wie sie immer häufiger geschieht. So auch im März in Hannover. Doch diesmal gibt es einen Unterschied: Der Anführer der Schläger wird nicht nur per Aushang und Zeitungsmeldungen gesucht – sondern auch über das soziale Netzwerk Facebook und per iPhone-App.
Bereits kurz nach dem Verbrechen erscheint das Phantombild des Gesuchten bei den mehr als 2500 Facebook-Freunden der Hannoveraner Polizei. Von diesen potenziellen Zeugen erhoffen sich die Polizisten weitere Hinweise. Sie wissen auch, dass soziale Netzwerke als Multiplikatoren fungieren. Das Phantombild kann theoretisch in Deutschland derzeit bis zu 17 Millionen Facebook-Nutzer erreichen.
Seit Februar geht man in Hannover diesen neuen Weg in der digitalen Verbrechensbekämpfung. Der Überfall auf den 17-Jährigen ist bereits der vierte Fall, der so über das Internet veröffentlicht wird. Allerdings sind bisher lediglich zwei Hinweise per Facebook-Kommentar eingegangen. Sicherleich zu wenig für eine heiße Spur: "Das Verfahren ist aber noch in der Erprobungsphase und muss sich erst herumsprechen", sagt Anja Gläser, Sprecherin der Polizei Hannover.
Einen Schritt weiter geht die Landespolizei Nordrhein-Westfalen (NRW). Sie bietet mit der so genannten "Polizei NRW App" eine eigene iPhone-Anwendung, die Nutzer mit Fahndungsaufrufen, Informationen über Verkehrsmeldungen und aktuellen Unwetterwarnungen versorgt. Außerdem findet man auf einer Karte immer die nächste Polizeiwache.
Mehr als 60.000-Mal wurde die Polizei-App bereits heruntergeladen. Und den Nutzern scheint sie zu gefallen. Sie wurde online mit beachtlichen dreieinhalb von fünf Sternen bewertet. Die Anwendung wird aber auch kritisch bewertet: "Ladet die App nicht!", schreibt Nutzer "KingJB93". "Die Polizei hat mit Bestätigung des Vertrages alle Eure Daten und speichert sie. Also bitte genau lesen und kritischer mit solchen Sachen umgehen".
Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) will jedoch mit der digitalen Offensive auf das veränderte Nutzerverhalten reagieren: "Die App ist ein erster Schritt, Informationen der Polizei auch über das mobile Internet zu transportieren." Ziel sei es, mehr Menschen auf anderen Kanälen zu erreichen.
In Berlin gibt es eine solche App noch nicht. Es wird auch nicht über Facebook gefahndet. Die Berliner Polizei stehe solchen Innovationen aber "grundsätzlich offen" gegenüber, sagt Polizeisprecher Thomas Goldack. Ihnen genüge zunächst die bereits 1999 eingeführte Internetpräsenz aus. Monatlich 2,98 Millionen Seitenabrufe sind für Goldack Bestätigung genug. Er bevorzugt, das offene Netz. Die Webseite der Polizei geht mit rund 500 Seiten "inhaltlich deutlich über das hinaus, was in Apps oder Facebookauftritten andernorts angeboten wird".
Eine App über Straftaten in Berlin hat allerdings ein anderer gemacht. Tarik Tokic von der Berliner Softwareschmiede "BerliTec" hat "Verbrechen" programmiert, eine App, die auf einer Straßenkarte alle aktuellen und archivierten Straftaten in der Hauptstadt anzeigt. Die App läuft so gut, dass Tokic seinen Dienst nicht nur auf den gesamten Osten, sondern auch auf Hamburg, Bremen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Bayern erweitert hat. Interessant dabei: Die App wird von den öffentlichen Mitteilungen der Polizei gefüttert.
Tokic entwickelt seit zehn Jahren Apps. Er findet, dass man auf Facebook & Co. einfach nicht mehr verzichten kann. Die Kommunikation verschiebe sich zunehmend in Richtung sozialer Netzwerke und mobiler Medien, sagt er. Im Hinblick auf die Facebook- und App-Aktivitäten der Polizei fügt er hinzu: "Diesen Kanal zu ignorieren, kann sich weder ein Unternehmen noch eine staatliche Behörde wie die Polizei länger erlauben."
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