22.09.10

Artenvielfalt

Was der Eisbär zu unserem Wohlstand beitragen kann

Das Jahr 2010 wurde von der UN zum Jahr der Artenvielfalt erklärt. Einen Durchbruch hat das nicht gebracht – das Artensterben geht weiter.

Foto: dpa
Eisbärenabschied - Knut wieder ohne Gianna

Die Sondersitzung der UN-Vollversammlung zum Thema biologische Vielfalt kam zu einem traurigen Ergebnis: Das gesetzte Ziel, bis 2010 den Verlust an biologischer Vielfalt bedeutend zu verringern, wurde nicht erreicht. Die anhaltende Verminderung der Artenvielfalt hat auch negative Auswirkungen auf die medizinische Forschung. Über Jahrtausende haben sich Ärzte Substanzen aus der Natur zunutze gemacht: Aspirin von der Weide, Taxol – das bahnbrechende Krebsmittel – aus der Rinde der pazifischen Eibe. Große Durchbrüche könnten noch bevorstehen, aber nur, wenn das Füllhorn der Natur erhalten wird.

Man denke an den Eisbären, dessen Existenz in freier Wildbahn bedroht ist. Diese Säugetiere verbringen bis zu sieben Monate im Winterschlaf. Ein Mensch würde bei so langer Bewegungslosigkeit ein Drittel seiner Knochenmasse verlieren. Erstaunlicherweise legen die Bären im Winterschlaf neue Knochenmasse an, indem sie eine Substanz produzieren, die jene Zellen stimuliert, die für die Bildung von Knochen verantwortlich sind. Die Erforschung von Bären könnte zu neuen Methoden führen, Millionen von Hüftfrakturen zu verhindern, die auf Osteoporose zurückzuführen sind.

Oder: Der Waldfrosch kann lange Zeit bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt überleben. Liegt hier möglicherweise der Schlüssel für die verbesserte Konservierung der Spenderorgane für Transplantationen? Der Verlust der Artenvielfalt hat schon jetzt vielversprechende Möglichkeiten in der medizinischen Forschung zunichte gemacht. Der australische Magenbrüterfrosch Rheobatrachus beginnt sein Leben im Magen des Froschweibchens. Bei anderen Wirbeltieren würde dies zur Verdauung des Mageninhalts durch Enzyme führen. Die Erforschung dieses Mechanismus hätte Erkenntnisse zur Behandlung von Magengeschwüren bringen können, aber die Studien mussten abgebrochen werden: Der Rheobatrachus ist ausgestorben.

Das Jahr 2010 wurde von der UN zum Internationalen Jahr der Artenvielfalt erklärt. Passiert ist nichts. In diesem Jahr muss ein viel intelligenteres Management einer natürlichen Umwelt Gestalt annehmen: Damit wird der Durchbruch in Richtung Wohlstand und Gesundheit der Menschheit geschaffen.

Achim Steiner ist geschäftsführender Direktor des UN-Umweltprogramms. Seine Mitautoren Eric Chivian und Aaron Bernstein sind Wissenschaftler am Zentrum für Gesundheit und globale Umwelt der Harvard Medical.

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