Der Fall Heisig
Wie Depressionen zum Selbstmord führen können
Dienstag, 6. Juli 2010 17:52Die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig hat sich das Leben genommen. Es gibt Anzeichen, dass sie unter Depressionen litt. Morgenpost Online sprach mit dem Psychiater und Psychotherapeuten Götz Mundle über Wege aus der Krise.
Die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig ist tot. Nach der Obduktion ist klar: Die engagierte Juristin hat Suizid begangen. Einige Umstände sprechen dafür, dass die Richterin Opfer ihrer hohen Ansprüche wurde und Depressionen hatte. Das Leiden ist noch immer ein Tabu, es fällt Betroffenen sehr schwer, darüber zu sprechen. Sich früh mit der Überforderung zu konfrontieren, kann jedoch das Leben retten, sagt Professor Götz Mundle, ärztlicher Geschäftsführer der Oberbergkliniken Berlin/Brandenburg. Mit dem Psychiater und Psychotherapeuten sprach Wolfgang W. Merkel.
Morgenpost Online: Ist Kirsten Heisig Opfer der eigenen Ansprüche geworden?
Götz Mundle: Ich habe Kirsten Heisig nicht gekannt, deshalb kann ich keine Angaben spezifisch zu ihr machen. Aber es gibt wiederkehrende Muster. Eines könnte passen: das Muster des Menschen mit außergewöhnlich hohen beruflichen Erfolgen, die nur über außergewöhnlich hohe Anforderungen an sich selbst möglich sind. Diese Menschen laufen Gefahr, chronisch über ihre Grenzen zu gehen und sich selbst zu stark über Erfolg zu definieren. Außerdem sind diese Personen aufgrund ihres hohen Leistungsanspruches häufig mit sich selbst nicht zufrieden und machen sich für Außenstehende nicht nachvollziehbare Vorwürfe. Folge sind Depressionen, in schweren Fällen kann die Verzweiflung so groß sein, dass ein Suizid durchgeführt wird.
Morgenpost Online: Welches sind die psychologischen Klippen?
Mundle: Diese Menschen haben eine hohe berufliche Belastung. Sie stehen im Brennpunkt der Öffentlichkeit und manchmal auch in der Kritik. Sie sind leistungsorientiert und identifizieren sich stark mit ihrem Beruf, haben hohe Ideale und das Gefühl, immer perfekt sein zu müssen.. Sie wollen gute Arbeit leisten und tun dies meist auch. Mit dieser Haltung wurden sie erfolgreich. Dabei gehen sie aber über ihre Leistungsgrenzen.
Morgenpost Online: Und scheitern dabei?
Mundle: Wenn sie zu hohe Ideale haben, scheitern sie zwangsläufig. Sie erleben ihre begrenzten Möglichkeiten und dass sie nicht so viel bewegen können, wie sie hofften. Sie erleben dieses - oft nur scheinbare - berufliche Scheitern als ein persönliches Versagen ihrer gesamten Person. In der Psychologie sprechen wir von einer narzisstischen Kränkung, wenn der Mensch eine Diskrepanz erlebt zwischen seinem idealisierten Selbstbild und der Realität. Oft kommt noch das Gefühl der Schuld dazu, wenn sie etwa als Unternehmer ihre Mitarbeiter nicht so schützen konnten wie erhofft. Diese Menschen glauben, alles falsch gemacht zu haben und nicht mehr wert zu sein weiterzuleben. Ich nenne das "depressive Falle".
Morgenpost Online: Welche Rolle spielt die Familie?
Mundle: Wenn diese Menschen gut in der Familie verankert sind, ist die Situation nicht so gefährlich. Aber es besteht die Gefahr, dass diese Verankerung verloren geht, weil der Beruf so dominiert. Und wie gesagt: Die Betroffenen können oft nur noch im beruflichen Kontext denken und sehen sich weniger als Person mit Familie und Freunden. Das ist die große Gefahr bei suizidalen Krisen und beim Burn-out-Syndrom. Hinzu kommt, dass Leistungsträger mit Depressionen oft auch vor der Familie die perfekte Fassade aufrechterhalten. Das ist hochgefährlich. Es ist gar nicht so selten, dass Menschen in den Tagen vor ihrem Suizid entspannter erscheinen. Die große Gefahr ist also nicht erkennbar.
Morgenpost Online: Sind Partner und Freunde machtlos?
Mundle: Nein, so weit kann man nicht gehen. Aber durch die Fassade kann das Ausmaß der depressiven Krise verschleiert sein. Grundsätzlich wissen wir, dass Depressionen multifaktoriell bestimmt sind. Hohe berufliche Belastungen, eine genetische Veranlagung für Depressionen oder private Krisen können Auslöser für Depressionen sein. Besteht zusätzlich zum Berufsstress eine Partnerkrise oder wurde ein nahe stehender Mensch durch Tod verloren, so erhöht das die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Depression.
Morgenpost Online: Stehen beim Depressiven mit überhöhten Ansprüchen die beruflichen Aspekte auch in Abschiedsbriefen im Vordergrund?
Mundle: Jeder Einzelfall ist individuell unterschiedlich. Aber treten persönliche und familiäre Aspekte in den Hintergrund, so ist die Gefährdung umso höher. Für diese Patienten ist der Beruf das Leben, ist berufliches Scheitern persönliches Scheitern.
Morgenpost Online: Was sind Alarmzeichen?
Mundle: Die Wahrnehmung von schweren Depressionen und Suizidneigung sind ein gesellschaftliches Thema. Kuze Phasen mit schlechter Stimmung oder Niedergeschlagenheit sind normal. Aber wenn das lange anhält, wenn der Betroffene eine lange Phase mit Stimmungstief hat, wenn er zudem sehr leistungsorientiert ist, dann sollte man genauer hinsehen und ihm ein Gesprächsangebot machen, damit kein Teufelskreis entstehen kann.
Morgenpost Online: Was kann der Betroffene selbst tun?
Mundle: Zunächst sollte man versuchen, Symptome wahrzunehmen, etwa Erschöpfung, Lustlosigkeit, Konzentrations- und Schlafstörungen. Gibt es noch die Möglichkeit innerlich abzuschalten und einen Ausgleich zu finden, etwa durch Sport oder Hobbies? Gibt es Zeit für Familie und Freunde? Gerade, wer besonders belastet ist, muss sich Auszeiten nehmen. Jeder weiß, wie man die Zähne fit hält: durch Zähneputzen. Genauso sollten wir lernen, seelisch fit zu bleiben, indem wir durch Zeiten der Stille achtsam uns selbst, unsere Gefühle und unsere Persönlichkeit erfahren. Je feiner man wahrnimmt, wie es mit der Grundstimmung bergab geht, desto eher kann man den Kurs ändern. Entscheidend ist, dass man seine eigene Persönlichkeit ehrlich einschätzen und entfalten kann: Welche Schwächen und Potenziale habe ich? Zweifeln sollte man Raum geben. In der Familie und im beruflichen Umfeld muss man sich Vertraute suchen und Gesprächsangebote annehmen, etwa wenn einen jemand auf die sichtbare Erschöpfung anspricht. Die eigene Persönlichkeit zu stärken und sich beim Scheitern an beruflichen Anforderungen nicht gänzlich infrage zu stellen, ist erlernbar.
Morgenpost Online: Findet sich das seelische Empfinden auch auf der Ebene der Hirnphysiologie?
Mundle: Ja, der Stoffwechsel der Botenstoffe läuft aus dem Ruder. Meist sind der Stimmungsbotenstoff Serotonin und die Antriebsbotenstoffe Adrenalin und Noradrenalin vermindert, das Stresshormon Kortisol erhöht. Das ist klar messbar.
Morgenpost Online: Könnte man damit nicht einen Bluttest auf Depression entwickeln?
Mundle: So einfach funktioniert das bisher leider nicht. Aber das, was diese Hormonveränderungen bei unseren Stimmungen auslösen, ist ja beobachtbar. Darauf muss man als Betroffener selbst und muss das Umfeld achten. Gelingt dies, so ist dies auch ein wichtiges Potenzial für die Prävention und die Gestaltung der eigenen Gesundheit.
















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