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28.06.10

Verkehrstechnik

Wie Handys helfen, den Stau zu vermeiden

Eingeschaltete Mobiltelefone verraten das Fahrverhalten. Daraus simulieren Forscher Prognosen über verstopfte Straßen und zähflüssigen Verkehr.

Volvo

Gefährliche Situation: Zwei kreuzen plötzlich die Fahrbahn. Wenn der Fahrer nicht mehr rechtzeitig reagieren kann, übernimmt das die automatische Fußgänger-Erkennung. Aber nur bis zu einem bestimmten Fahrtempo.

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Die Ferienzeit beginnt, und die Staumeldungen und Umleitungsempfehlungen in den Verkehrsnachrichten wollen nicht enden. Wer unterwegs ist, informiert sich nicht nur übers Radio. Sogenannte Wechselwegweiser – aktuell von der Verkehrsleitzentrale geschaltete Hinweistafeln – zeigen Ausweichrouten an. Informationen über das Verkehrsaufkommen auf Fernstraßen liefern neben rund 4.000 an Autobahnbrücken befestigten Infrarotdetektoren, welche die Wärmestrahlung der vorbeifahrenden Fahrzeuge registrieren, auch mehr als 5.000 Induktionsschleifen im Boden.

Noch besser wäre eine Technik, die Staus erst gar nicht entstehen lässt. "Um Staus vermeiden zu können, müssen wir mehr über das Verhalten der Autofahrer wissen", sagt Markus Friedrich, Professor für Verkehrsplanung an der Universität Stuttgart. Der Wissenschaftler hat zusammen mit dem Unternehmen T-Mobile, den Städten Karlsruhe und Stuttgart und dem Innenministerium Baden-Württemberg untersucht, ob und wie Verkehrsinformationen das Fahrverhalten beeinflussen. Die Antworten lieferten die in den Autos mitreisenden Mobilfunktelefone, sofern sie angeschaltet waren.

Diese senden ein Signal, dessen Stärke von der nächsten Mobilfunkantenne erkannt wird. Durchschnittlich 50 solcher Funkzellen bilden eine Einheit, die sogenannte location area. Es ist das Gebiet im Mobilfunknetz, das von einer digitalen Vermittlungsstelle verwaltet wird. Ist ein Handy eingeschaltet, bucht es sich automatisch in seine "location area" ein, die durchschnittlich 250 Quadratkilometer groß ist. Bei der Fahrt mit eingeschaltetem Handy können diese wechseln, je nach Länge und Richtung der Tour. So wird ein grobes Bewegungsmuster erkennbar.

Rund 40 solcher Einheiten umfasste die Region, welche der Stuttgarter Forscher im Autobahnviereck Mannheim-Heilbronn-Karlsruhe-Stuttgart zwischen Juli 2008 und März 2009 untersucht hat, und zwar mithilfe anonymisierter Daten, die keine Rückschlüsse auf einzelne Telefonnummern zulassen. Pro Tag lieferten den Forschern so zwölf Millionen Handys 40 Millionen Datensätze, die mit einem Computer ausgewertet wurden. "Aus der Mustererkennung können wir Rückschlüsse auf den Verkehrsablauf ziehen", erläutert Friedrich. Die Analyse offenbarte, wie die Autofahrer auf bestimmte Verkehrslagen reagieren und in welchem Maße sie dabei geeignete Routen wählten. "Im Durchschnitt lassen sich 35 Prozent der Autofahrer von Verkehrsinformationen leiten", sagt Friedrich.

Erkenntnisse, mit deren Hilfe Verkehrsmodelle gefüttert werden könnten, die in die Zukunft blicken. Ein solches Modell hat der Verkehrsforscher Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen entwickelt. Damit lassen sich Staus auf dem nordrhein-westfälischen Autobahnnetz prognostizieren, noch bevor sie auftreten. Somit bliebe genügend Zeit, um Autofahrer über Ausweichstrecken zu informieren. Ein solches Modell kommt der Wirklichkeit sehr nahe, weil es die Reaktionen der Verkehrsteilnehmer berücksichtigt. "Bislang jedoch fehlt dafür eine bundesweite Koordination, jedes Bundesland verfolgt eigene Pläne", beklagt Friedrich.

Die Wirtschaft scheint da schon weiter. Seit November 2008 bietet der Navigationsgerätehersteller TomTom einen kostenpflichtigen Dienst gegen den Stau an: Dreiminütlich erhalten die Nutzer Staumeldungen und eine Abschätzung des dadurch entstehenden Zeitverlustes auf ihrer Reisestrecke. Der Informationsvorsprung ermöglicht eine rechtzeitige Planung der Ausweichroute.

Für den speziellen Service greift das Unternehmen auf anonymisierte Daten des Mobilfunkanbieters Vodafone zurück und wertet die Bewegungsdaten von 36 Millionen Handys aus. Die Technik funktioniert nicht nur auf Autobahnen. Auch auf Bundesstraßen und viel befahrenen Landstraßen lassen sich damit Behinderungen orten.

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