Wissenschaft
Berliner Forscher baut aus Spinne Marsroboter
Ein Wissenschaftler der TU Berlin hat in der Sahara eine Spinne entdeckt, die nicht nur laufen, sondern auch wie ein einzelnes Rad rollen kann. Der Bioniker Ingo Rechenberg hat jetzt aus diesem Einrad-Phänomen einen Roboter für Marsmissionen entwickelt.
Von Thomas Delekat
Morgenpost Online: Sie arbeiten an einer Maschine, die eine Wüstenspinne imitiert.
Ingo Rechenberg: Der Automat funktioniert zwar gut, ist aber noch nicht ganz ausgereift. Er stammt von einem Tier, das mich vor zwei Jahren verblüfft hat mit einem fantastischen Kunststück. In bin zu Fuß in den Dünen der Sahara unterwegs gewesen, Schritttempo, nachts, den Handscheinwerfer nach vorn gerichtet – da merkte ich in den Augenwinkeln, es überholt mich was. Ein Schatten auf der rechten Seite. Es rollte. Zwei Meter vor mir setzt es sich hin, ich gucke – eine Spinne. Die hat mich doch tatsächlich rollend überholt. Erst bei der Auswertung von Filmaufnahmen der Folgejahre wurde uns klar – die Spinne hier rollt ohne Schwerkraft, dieses Rollen ist angetrieben. Das war neu in der Wissenschaft.
Morgenpost Online: Was ist das Einmalig-Sensationelle an der angetriebenen Roll-Spinne?
Ingo Rechenberg: Sie beherrscht eine derart extrem komplizierte Beinbewegung, dass man nicht davon ausgehen kann, die Natur hätte hier schnell mal eine Unterart entwickelt. Für so was braucht die Evolution schon sehr, sehr lange. Diese Spinne hebt von ihren acht Beinen das eine, während sich das zweite schon streckt, dann kommen die nächsten beiden Beine vor, zugleich pendeln die zwei hinteren das Trägheitsmoment aus, wobei die beiden vorderen nicht fürs Fortkommen gut, sondern für Richtung und Steuerung der Bewegung. Sie setzen nur leicht auf. Ein Tausendfüßler ist grobmotorisch dagegen.
Morgenpost Online: Was haben Sie draus gemacht?
Ingo Rechenberg: Wir haben ein Modell mit Elektromotoren gebaut, mit zwei ovalen Kreisscheiben und drei hintereinander loslaufenden Gelenkbeinen dazwischen. Auf dem Mars fahren gerade zwei Roboter herum, Opportunity und Spirit. Einer davon ist mit seinen Beinchen im Wüstensand stecken geblieben. Die Spinnenmethode könnte dieses Problem lösen, wie auch den Nachteil von Rädern. Angetriebene Räder wühlen sich in den Sand oder andere weiche Untergründe hinein. Der Spinnenroboter rollt zwar auch, stößt sich aber mit den Beinen ab.
Morgenpost Online: Die Spinne überschlägt sich aber purzelbaummäßig selber dabei.
Ingo Rechenberg: Das tut sie, und das macht auch den Unterschied zum Rollerfahrer. Genau das ist der Punkt. Solange ein Astronaut oder in der Landwirtschaft ein Bauer noch oben draufsitzen muss, geht es nicht. Aber ferngesteuert und mit GPS ist das System überlegen. Unschlagbar ist die Methode auf dem Meeresboden. Die Spinne nimmt sogar Steigungen auf Sand in Angriff.
Morgenpost Online: Sie haben eine Hubschrauber-Flotte entwickelt, die von Libellen abstammt. Wozu ist das gut?
Ingo Rechenberg: Aber man könnte diese kleinen Kunst-Libellen mit hochempfindlichen Sensorennasen bestücken. Molekülmessgeräte zum Beispiel. Die sind in der Lage, Sprengstoff festzustellen. Oder winzige Risse, Lecks in Industrieanlagen oder Atomkraftwerken. Eine kleine Kamera plus Mobilfunk und GPS sind ebenfalls leicht unterzubringen. Auch ein Libellenschwarm ist technisch möglich und programmierbar.
Morgenpost Online: Warum ausgerechnet Libellen?
Ingo Rechenberg: Libellen haben eine sehr raffinierte Flugtechnik. Libellen stellen ihre Flügel so an, dass sie damit Auftrieb kriegen. Dann ziehen sie die Flügel in einer Drehbewegung durch, bis es nicht mehr weitergeht. Dann klappen sie den Flügel um und drehen ihn dieselbe Strecke wieder zurück. Das alles in einem Tempo hin und her, dass die Bewegung vor unseren Augen verschwimmt.
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