Hirnforschung
Ärzte wollen Alzheimer im Auge erkennen
Die Diagnose der Alzheimerkrankheit ist schwierig. Doch jetzt präsentieren deutsche Forscher eine einfache Methode: Die Durchleuchtung der Augen weist das sogenannte Tau-Molekül in der Netzhaut nach. Es wird als Alzheimer-Ursache angesehen. Außerdem können Ärzte so den Krankheitsverlauf verfolgen.
Von Harald Czycholl
Erst sind nur Namen und Geburtsdaten wie ausgelöscht. Dann sind wichtige Termine weg, der Name der Ehefrau, der Tochter, des Sohnes. Irgendwann, wenn das langsame Vergessen fortschreitet, gelingen die einfachsten Dinge nicht mehr. Die Betroffenen können nicht mehr alleine leben und sind auf Pflege angewiesen. Die Diagnose ist dann meist ein heftiger Schock, vor allem für die Angehörigen: Alzheimer.
Es war im Jahr 1906, als Alois Alzheimer als Erster bei einer Patientin jene Krankheit entdeckte, die später nach ihm benannt werden sollte. 104 Jahre sind seitdem vergangen, und die Alzheimer-Krankheit ist in den modernen westlichen Gesellschaften zu einem der drängenden Probleme geworden. Schon heute sind in Deutschland knapp eine Million Menschen von der chronisch neurodegenerativen Erkrankung betroffen. Experten erwarten aufgrund der demografischen Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten eine regelrechte Explosion der Fallzahlen. Die Prognosen reichen von einer Verdoppelung bis zu einer Vervierfachung der Fälle bis zum Jahr 2050.
Heilbar ist die Krankheit bislang nicht, erkannt wird sie meist erst dann, wenn sie weit fortgeschritten ist und die Betroffenen mit heftigen Ausfallerscheinungen zu kämpfen haben. Die heutige klinische Alzheimer-Diagnostik ist sehr unterschiedlich und stützt sich auf Beobachtungen von Angehörigen, bildgebende Verfahren der Radiologie, Gedächtnistests sowie den Ausschluss anderer Erkrankungen. Diese meist sehr aufwendigen und teuren Verfahren erlauben jedoch keine frühzeitige Diagnose.
Ein Forschungsverbund deutscher Wissenschaftler und Unternehmen arbeitet seit einiger Zeit an einer besseren Diagnostik. Mit der Durchleuchtung der Augenlinse der Patienten mit unschädlichem Laserlicht glauben die Forscher ein Mittel zur Frühdiagnose gefunden zu haben.
Die beteiligten Ärzte, Naturwissenschaftler und Technologen der Uniklinik Jena, der TU München, der LMU München, der TU Darmstadt und dem Optikkonzern Carl Zeiss wollen das System in den kommenden drei Jahren zur Marktreife bringen. Dann soll sowohl ein kostengünstiges Screening für große Teile der Bevölkerung als auch eine empfindliche Früherkennung in Verdachtsfällen möglich sein.
Die optischen Messverfahren haben den Vorteil, dass ihre Ergebnisse nicht vom momentanen Geisteszustand des Patienten abhängen. Die Forscher setzen dabei auf eine Kombination von zwei Verfahren. Ein Schnelltest für die Arztpraxis soll durch den Nachweis des Proteins Beta-Amyloid in der Augenlinse möglich werden. Diese charakteristischen, auch Plaques genannten Ablagerungen gelten immer noch als eine Folge, möglicherweise sogar als Ursache des Vergessens. Diese Theorie ist allerdings jüngst ins Wanken geraten. Amerikanische Wissenschaftler vom Massachusetts General Hospital in Boston vermuten, dass die Ablagerungen Teil des angeborenen Immunsystems sind.
Daher arbeiten die deutschen Forscher an einem zweiten, hochempfindlichen Diagnoseverfahren. Dieses soll nicht nur das extrazelluläre Beta-Amyloid, sondern auch die intrazellulären Tau-Moleküle in der Netzhaut nachweisen. Diese Proteinaggregate werden von vielen Wissenschaftlern ebenfalls als Alzheimer-Ursache angesehen. "Das neue Verfahren soll neben der Früherkennung auch eine Verlaufskontrolle von neuartigen Therapieansätzen ermöglichen, die eine Verminderung von Tau-Molekülen und Beta-Amyloid zum Ziel haben", sagt Volker Wiechmann vom Verein Medways, in dem die verschiedenen Projektpartner vernetzt sind.
Technisch basiert das System auf neuartigen Geräten zur Retinabildgebung, fluoreszenten Sonden und modernsten Kontrastverfahren. Nach ersten, vielversprechenden Tests soll die neue Methode nun bald im klinischen Umfeld erprobt werden, versprechen die Ärzte. Und dann gelingt es vielleicht doch, die heimtückische Krankheit zu erkennen und zu bekämpfen, bevor es zu spät ist.
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