Artenschutz
Japan sieht Sushi bedroht – nicht den Thunfisch
Freitag, 1. Oktober 2010 16:10 - Von Ulli KulkeDie Japaner halten einen fragwürdigen Weltrekord: Kein anderes Volk der Erde verspeist mehr Thunfische pro Jahr. Ohne besonderen Schutz droht den Fischen die Ausrottung. Doch schon der Beginn der Artenschutzkonferenz in Katar offenbart, wie tief der Graben zwischen Tierschützern und Sushi-Liebhabern ist.
Zu mehreren Hundert liegen sie bereit, jeden Morgen; unter dem frostigen
Bodennebel, je nach Licht, mal silbrig glänzend, mal gelblich matt, mit
großen aufgemalten Nummern versehen. Auf Holzpaletten oder auch dem nackten
Beton sind sie akkurat platziert in Reih und Glied, als handle es sich um
einen Morgenappell.
Militärisch laut, passend zu der gedrillten Formation vor ihm, bringt dann der
Auktionator pünktlich um 5.30 Uhr die guten Stücke an den Mann, zu unfassbar
hohen Preisen. Umgerechnet mehrere Zehntausend Euro kostet ein Thunfisch.
Über die irgendwann einmal erzielten Preisrekorde kursieren die
abenteuerlichsten Berichte. Im Januar erst kam ein Fisch mit 230 Kilo für
121.000 Euro unter den Hammer.
Dabei ist der Handel mit den Preziosen keine Rarität, jeden Tag findet er
statt. Damit die Japaner jährlich 450.000 Tonnen Thunfischfleisch verzehren
können, weit mehr als alle anderen Völker auf der Welt. Der Thunfisch ist
das Schwergewicht, das dafür sorgt, dass in Tsukiji insgesamt siebenmal so
viel umgesetzt wird wie auf dem zweitgrößten Markt der Welt, dem Rungis in
Paris. 78 Prozent des weltweiten Fangs an Thunfisch landet auf japanischen
Tellern.
Masami Eguchi, charismatischer Starauktionator in Tsukiji, hat nebenbei mal
eingestanden, dass er eigentlich lieber Rindfleisch esse als Thunfisch. Das
macht ihn zum Außenseiter in Japan. Aber seine Eigenart könnte ihm ein Trost
sein, wenn er sich demnächst vielleicht andere Objekte suchen muss, die bei
ihm unter den Hammer kommen – und selbst auch keinen Thun mehr zu essen
bekommt: In Katar, der Hauptstadt des Emirates Doha, 8000 Kilometer entfernt
von Tokio, wird gerade darüber verhandelt, ob bald Schluss ist mit dem
orgiastischen Verkauf und Verzehr des Roten Thunfisches, auch
Blauflossen-Thunfisch genannt, oder wissenschaftlich: Thunnus thynnus.
Katar ist Tagungsort der diesjährigen Konferenz aller Mitgliedstaaten des
Washingtoner Artenschutzabkommens (Cites). Alle drei Jahre trifft man sich,
um darüber zu beraten, welche wildlebenden Tierarten im Bestand gefährdet
und welche gar vom Aussterben bedroht sind. Entsprechend der Einstufung
schränken die Cites-Staaten den internationalen Handel mit diesen Arten ein
oder untersagen ihn vollständig.
Krokodilhäute, Elefantenzähne, Tigerpenisse – die üblichen Kandidaten aus
freier Wildbahn und die Produkte aus ihnen stehen wieder zur Debatte, wie
bei jeder Cites-Sitzung. Über die Notwendigkeit zum Schutz dieser Tiere ist
man weitgehend einig. Da wird hier mal die Bestimmung gelockert, um über die
erlaubte wirtschaftliche Nutzung den Sinn für ihren Schutz zu schärfen, da
wird dort mal der Handel weiter eingeschränkt. Die härtesten
Auseinandersetzungen, so zeichnet sich indes ab, werden in diesem Jahr um
den Thunfisch geführt werden.
Viele Länder, vor allem die USA, aber auch die meisten europäischen, wollen dem Antrag zustimmen. Allenfalls mit einer zweijährigen Übergangsfrist wollen sie sich anfreunden, die die Artenschützer – sowie Fischereiexperten – angesichts des Niedergangs der Art aber ablehnen.
Japan bemüht sich in Katar, gleichgesinnte Länder um sich zu scharen, mit denen die nötige Zweidrittelmehrheit für ein vollständiges Tabu verhindert werden könnte. Tokio setzt dabei vor allem auf Länder, die auch Thunfischfang betreiben – um ihn zum überwiegenden Teil nach Japan zu exportieren.
Währenddessen machen die Händler auf dem Markt in Tsukiji mobil gegen weitere Einschränkungen des Thunfischfangs. Mit Demonstrationen, bei denen nun die Touristen als internationales Publikum – anders als sonst – willkommen sind, mit Sprechchören, mit Unterschriftensammlungen. Es gehe um die „japanische Esskultur“, heißt es auf ihren Spruchbändern, um ein Stück nationaler Identität.
Schätzungsweise 300.000 Restaurants gibt es in Japans Hauptstadt. Rund 150 davon sind stolz auf mindestens einen Michelin-Stern, 190 Sterne haben die Gourmet-Tester in Tokio vergeben, fast doppelt so viel wie in Paris und fast viermal so viele wie in New York.
Die Basis der Tokioter Küche aber ist der Fisch. Hauptzutat: Thunnus thynnus, der – zumindest bis heute – nicht wegzudenken ist aus dem allgegenwärtigen Sushi, den Reisröllchen mit rohem Thun, und erst recht nicht aus Sashimi, der Vorspeise aus hauchzarten Scheiben des selben Fisches mit der grünen und höllisch scharfen Meerrettich-Paste „Wasabi“.
Nur wenige Jahre ist es her, dass die japanische Esskultur über die europäischen Metropolen mittlerweile auch die Provinz des Abendlandes eroberte. Und damit soll nun schon Schluss sein? Gar kein Thunfisch mehr, bald weltweit, ausnahmslos? Japan jedenfalls befürchtet, wenn erst einmal im Atlantik Schluss ist, die Ausweitung des Banns auch auf seine Hemisphäre, auf den pazifischen Blauflossenthun. Und dann würde Sushi mit Thunfisch tatsächlich ganz von der Speisekarte verschwinden.
Da ist für den Sushi-Freund nur ein kleiner Trost: Kein Kandidat für die Rote
Liste ist in Katar der weiße Thunfisch, der vor allem in Konservendosen in
unsere Supermärkte kommt und anschließend in der Spaghetti-Soße, auf der
Pizza oder im Salat beim Italiener an der Ecke landet. Damit wäre maximal
die beliebte italienische Vorspeise „Vitello Tonnato“ gerettet.
Einige Mittelmeerländer sind heute noch unentschieden, ob sie Monacos Antrag auf Handelsstopp zustimmen. Malta zum Beispiel, weil dessen Trawler gehörig am Japan-Export verdienen. Frankreich wiederum, weil dort viele kleinere Fischerboote, die noch mit der Hochsee-Angel ausfahren und nicht für den Niedergang der Art verantwortlich sind, gleichfalls betroffen wären.
So oder so, es wird kein Weg daran vorbei führen: Wer das Thunfisch-Sushi als
kulturelle Errungenschaft langfristig retten will, wird kurz- oder
mittelfristig Einschränkungen hinnehmen müssen – zumindest so lange, bis
umweltverträgliche Zuchtmethoden in Aquafarmen entwickelt und erprobt sind.
Aber selbst dann werden die Mengen, die heute gehandelt werden, kaum zu
halten sein.
Erschienen am 15.03.2010
















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