Biologie
Individuelle Keime auf der Haut verraten Täter
Die Bakterien der Haut sind vielfältiger als bisher angenommen: Berührt ein Mensch eine Fläche, hinterlässt er kriminaltechnisch nutzbare Spuren von Bakterien-DNA. Die Keime sollen künftig sogar Täter entlarven. Denn Forschern ist es gelungen, Menschen einen individuellen Bakterienmix zuzuordnen.
Von Wolfgang W. Merkel
Das Erbgut eines Menschen gehört zu seinen unverwechselbaren Merkmalen: Diese Tatsache und der Umstand, dass wir mit Hautschuppen, Haaren, oder Körperflüssigkeiten fast immer und überall Erbgutspuren hinterlassen, machen die DNA zu einem hervorragenden Identifikationsmittel.
Vor über hundert Jahren wurde das Verfahren entwickelt, Fingerabdrücke auf Oberflächen konkreten Personen zuzuordnen. Mittlerweile verwendet man den Begriff Fingerabdruck auch im übertragenen Sinne, etwa als DNA-Fingerabdruck. Jetzt haben amerikanische Forscher eine neue Form von Fingerabdruckverfahren entwickelt, die kriminaltechnisch nützlich werden könnte.
Tatsächlich spielt der Abdruck von Fingern dabei eine Rolle. Die Forscher von der Universität von Colorado in Boulder nutzen die Tatsache, dass jeder Mensch von einer ganz speziellen Gemeinschaft von Bakterien besiedelt ist. Nicht nur von Mikroorganismen im Darm, sondern auch auf der Haut – und damit auf den Fingerkuppen.
Das neue forensische Verfahren basiert also darauf, dass jeder Mensch Bakterien absiedelt, auch wenn er keine klassischen Fingerabdrücke hinterlässt. Weshalb ja auch Hygiene beispielsweise im Krankenhaus so wichtig ist. Die Zusammensetzung der Haut-Bakteriengemeinschaften ist individuell sehr verschieden, im Durchschnitt stimmen nur 13 Prozent der Arten, die zwei Menschen auf der Handfläche tragen, miteinander überein.
Wegen dieser individuellen Besonderheiten eigne sich der "bakterielle Fingerabdruck" als kriminaltechnisches Identifizierungsmerkmal, schreiben die Wissenschaftler um die Ökologin Noah Fierer heute im Journal "Proceedings" der nationalen US-Wissenschaftsakademie.
Konkret hatte Fierers Team das genetische Material auf drei Computermäusen und -tastaturen gesammelt, analysiert und mit der Bakterien-DNA auf den Fingern der betreffenden Computernutzer, auf anderen Tatstaturen und mit DNA-Daten von 250 verbreiteten Bakterienarten in Datenbanken verglichen.
Die besondere Herausforderung bestand nicht im Nachweis von individuell unterschiedlichen Bakteriengemeinschaften – das war schon zuvor belegt worden –, sondern Fierers Team gelang es, solche Bakterien-DNA von den Oberflächen sicher abzunehmen und für Laboruntersuchungen zu sichern.
Beim Vergleich der aufgearbeiteten Genbausteine fanden die Biologen, dass die Tastatur-DNA weit besser zur Finger-DNA der Computernutzer zuzuordnen war als zur DNA aus anderen Quellen, etwa fremden Tastaturen. Kriminalistisch bedeutend ist auch: Die Artengemeinschaft auf den Händen eines Menschen bleibt über Monate hinweg weitgehend stabil, und die Bakterien-DNA auf einem Objekt ist auch nach zwei Wochen noch so gut erhalten, dass sie für Gen-Untersuchungen taugt.
Die Spur der Keime am Tatort eines Verbrechens führt also auch noch eine gewisse Zeit nach der Fingerberührung mit recht großer Sicherheit zum Täter.
Die Methode ist noch nicht perfekt und besitzt noch nicht die Beweiskraft eines klassischen Fingerabdrucks (Daktylogramm), räumen die Forscher aus Colorado ein. Weitere Untersuchungen seien notwendig, um die Verlässlichkeit im Vergleich zu forensischen Standardmethoden zu testen. Doch der Bakterien-Fingerabdruck sei doch bereits ein Hilfsmittel, um beispielsweise andere Indizien zu unterstützen.
Es gehe außerdem nicht immer nur um eine Täter-Tatort-Zuordnung, sagt Fierer. Man könne über die Bakterien-DNA auch klären, wem ein Objekt gehört, beispielsweise beschlagnahmtes Diebesgut, das nicht eindeutig einem Besitzer zuzuordnen ist.
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