Handy-Software
Echte und virtuelle Realität verschmelzen
Donnerstag, 18. März 2010 16:04 - Von Thomas JünglingEin Stück Science-Fiction wird Wirklichkeit. Neue Handy-Programme zeigen zusätzliche Informationen zur gerade gesehenen Wirklichkeit an. In vielen Fällen ist das nützlich wie bei Immobilien oder Denkmälern. Doch richtet man die Software auf wildfremde Menschen stößt die Technik an ethische Grenzen.

Die ein wenig versteckt liegende Gründerzeitvilla könnte das neue Traumhaus sein. Ist sie mit dem Sucher der Handykamera fokussiert, meldet die auf dem Telefon installierte Software tatsächlich, dass sie zum Verkauf steht. Mit einem Fingertipp stellt das Display weitere Informationen bereit, mit einem erneuten Klick ist der Makler am Apparat und führt einen am Handy durch die virtuell dargestellten Räume auf dem Bildschirm.
Damit ist es zum Beispiel möglich, durch Goethes Weimar zu spazieren. Das Handydisplay zeigt, wie die Wirkungsstätten des Dichters im 18. Jahrhundert aussahen und wo er als Amtsperson wirkte.
Oder zu Hause wird der Wunsch nach rot-grün gestreiften Wildlederschuhen mit Klettverschluss in das Handy eingegeben. Beim nächsten Bummel durch die Stadt meldet das Handy automatisch, wenn ein Geschäft in der Nähe solche außerordentlich seltenen Schuhe im Sortiment führt. Es ist technisch sogar denkbar, einen schicken Hut zu fotografieren, und das Handydisplay zeigt an, wo es den für wie viel Geld zu kaufen gibt.
Ganz ohne technische Ausstattung gibt es den Effekt der erweiterten Wirklichkeit jedoch nicht. Das Handy muss nicht nur über eine Kamera verfügen. Ein GPS-Sensor erfasst außerdem die Position des Nutzers. Kompass und Bewegungssensoren erkennen darüber hinaus, wie das Handy gehalten wird, welches Objekt der Betrachter also mit der Kamera fokussiert hat. AR-Software wie Layar verarbeitet die Daten und gleicht sie über Mobilfunk mit Informationen in Datenbanken ab. Hat das Programm Wikitude zum Beispiel das durch die Handykamera betrachtete Gebäude identifiziert, liefert es dazu passende Einträge aus dem Online-Lexikon Wikipedia.Noch genauer arbeitet ein System, das Fraunhofer-Forscher aus Darmstadt entwickelt haben und das bis vor Kurzem in einem Amsterdamer Museum eingesetzt wurde. Vor einer Abbildung des Forum Romanum war ein drehbarer Monitor platziert, mit einer Kamera auf der Rückseite. Die Kamera erfasste, welche Stelle des Wandbildes sich der Besucher gerade ansah. Und vertiefte den Einblick mit dazu passenden, rasanten Kamerafahrten durch das frühere, virtuell dargestellte Rom. Dieses Verfahren bezog also exakt die Perspektive des Betrachters mit ein.
Einsetzen ließe sich die Technik der erweiterten Perspektive auch für das Programm iLiving von Metaio. Damit können Betrachter ein real fotografiertes Zimmer schon mal virtuell einrichten. In einer erweiterten Version wäre es Wohnungssuchenden möglich, die vorab eingescannten eigenen Möbel auf einem Touchscreen, der die neuen Räume zeigt, hin und her zu schieben und so optimal anzuordnen.
Zu sehen sind die digitalen Zusatzinformationen nicht nur auf Handydisplays, es gibt auch schon sogenannte Head Mounted Displays, also Minibildschirme, die mit einem Riemen am Kopf befestigt sind. Kopins Modell Golden-i-Gen stellt kabellos von einem Computer geschickte Daten auf dem Display dar. Der Bildschirm ist zwar klein, simuliert aber einen großen Bildschirm – mit einer Diagonalen von fast 40 Zentimetern.In wenigen Jahren kommen wohl auch Kontaktlinsen auf den Markt, wie sie Forscher der University of Washington in Seattle entwickelt haben. In die Linsen ist ein Mini-Display aus Leuchtdioden eingebaut. Strom zieht der Bildschirm aus einer eingebauten Schleifenantenne. Die neuartige Kontaktlinse nutzt das ganze Sehfeld des Auges aus und zeigt große Bilder, die in einem Abstand von 50 bis 100 Zentimetern vor dem Auge zu schweben scheinen.
Schon jetzt kommt AR-Technik in zahleichen Berufen zum Einsatz. US-Soldaten bekommen zusätzlich zum realen Blick auf das Kampffeld Satellitenaufnahmen der Umgebung auf ein Display gespielt. In der Medizin kombiniert eine Software Röntgenbilder mit dem Blick auf den real auf dem Operationstisch liegenden Patienten. Dadurch sieht der Chirurg genau, wo er das Skalpell ansetzen muss. Und wenn ein Mechaniker auf der Offshore-Windanlage nicht weiterweiß, zeigt ihm ein Experte von irgendeinem Ort der Welt auf dem Display an, welche Schraube er an der Turbine zu drehen hat.
Doch auch für Alltag und Freizeit taugt AR-Technik: Sie zeigt bei einem Stadtrundgang, wie die Gebäude früher aussahen, und unterstützt Autofahrer bei der Orientierung, wenn auf der Windschutzscheibe Pfeile den Weg zum Ziel zeigen. So ließe sich mit den Fingern auf dem Tisch Tipp-Kick spielen, während der durch die reale Bewegung getretene Ball und die Gegner auf dem Fernsehbildschirm dahinter zu sehen sind.
Bei anderen Spielen schlendern die Teilnehmer durch die Stadt, immer auf der Suche nach gegnerischen Mitspielern. Im realen Leben sind diese nicht zu erkennen. Werden sie jedoch vom Sucher der Handykamera erfasst, tauchen sie als widerliche Monster auf dem Bildschirm auf. Wer ein Foto von ihnen macht, hat sie – rein virtuell natürlich – ausgelöscht und gewinnt. Auch gibt es schon eine spezielle AR-Taucherbrille. Wer sie aufsetzt und damit durch ein herkömmliches Schwimmbad taucht, sieht nicht nur die gekachelten Wände, sondern auf Wunsch überall Korallenriffe, seltene Fische und Wasserpflanzen.
AR-Technik hat aber auch Grenzen. Zwar schaffen Smartphone-Prozessoren durchaus mehr als eine Milliarde Rechenschritte pro Sekunde. Sie sind aber damit überfordert, in Echtzeit das virtuelle Bild auf dem Bildschirm an das reale Bild anzupassen. Auch sehen die virtuellen Bilder oft nicht echt genug aus, die Schattenwürfe stimmen nicht, die Farben sehen knalliger aus als in der Wirklichkeit.
Neben der technischen stößt AR-Technik auch an ethische Grenzen. Die schwedische Firma The Astonishing Tribe zum Beispiel hat eine bedenkliche AR-Software entwickelt. Nachdem eine fremde Person durch den Sucher der Handykamera anvisiert ist, schickt das Telefon die Aufnahme per Mobilfunk an eine Datenbank. Das Programm durchsucht zum Beispiel Profile bei Facebook, Einträge bei Twitter oder Bücherwunschlisten bei Amazon. Ist die Person identifiziert, landen dort hinterlegte Informationen auf dem Handydisplay – zumindest wenn die abgelichtete Person diese Daten freigegeben hat. Dann darf sich eben auch niemand mehr wundern, wenn er auf der Straße von Fremden auf die gewagten Fotos aus dem vergangenen Sommerurlaub angesprochen wird.Erschienen am 13.03.2010
















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