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Physik

Wissenschaftlicher Unsinn in Hollywood-Filmen

Wenn Meteoriten mitten in New York einschlagen und Riesenkäfer durch die Wüste wandern, runzeln Wissenschaftler nur noch die Stirn. Deswegen wollen Forscher wie Sidney Perkowitz jetzt Regisseuren in Hollywood Nachhilfe geben. Denn viele Filme strotzen vor wissenschaftlichem Schwachsinn.

Morgenpost Online: Welcher ist der dümmste Film, den Sie je gesehen haben?

Sidney Perkowitz: Das ist „The Core“. Da stimmt einfach nichts. Jeder Fakt in diesem Film ist falsch. Sorry, ich vergaß: Eine kleine Szene haben die Drehbuchautoren tatsächlich realistisch hingekriegt. Das ist jener Moment, in dem ein aufgeschnittener Pfirsich in die Kamera gehalten wird, als Modell für die Erde. Die Pfirsichhaut ist die Erdkruste, der Kern das Innerste. Ein schöner Vergleich. Aber das ändert leider nichts daran, dass alles andere ein hunderprozentig perfekter Irrsinn ist.

Morgenpost Online: Ihr Lieblingsfilm?

Perkowitz: Wunderbar realistisch ist Contact. Da sind die Wissenschaftler ausnahmsweise einmal keine weltfremden, degenerierten Irren, denen entweder eine Pfeife oder eine riesige Hornbrille mit Glasbausteinen aus dem Gesicht ragt. Jodie Foster ist wie aus dem Leben. Herrlich. Gut gefallen hat mir auch Avatar. Dieser Kampf um das Mineral – da spielen echte Belange von Wissenschaft und Gesellschaft hinein, das wahre Leben eben.

Morgenpost Online: Wie viele Filme haben Sie zuletzt gesehen?

Perkowitz: 123. In 200 Tagen.

Morgenpost Online: Haben Sie sich gelangweilt?

Perkowitz: Ich fands eher kurios. Das Klonen zum Beispiel. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass Klone im Kino nie als Babys zur Welt kommen? Wenn der fünfzigjährige Bösewicht im Film sich verdoppelt, dann erscheint sein Klon sofort – und zwar ebenfalls als fünfzigjähriger Bösewicht. Das ist doch was für Dumme! Oder nehmen wir den Film Illuminati vom letzten Jahr. Ein schöner Film, eigentlich, wenn bloß nicht diese Antimaterie-Bombe wäre. Um diese irrsinnige Menge an Antimatiere herzustellen, müsste das LHC in der Schweiz eine Million Jahre lang laufen. Sowas kontrolliert man nicht mit einer kleinen Ipod-Batterie.

Morgenpost Online: Dagegen ist die Realität aber doch langweilig.

Perkowitz: Natürlich muss ein Film übertreiben, dramatisieren. Für viele Sachen habe ich Verständnis. Zum Beispiel dafür, dass Meteoriten immer am unwahrscheinlichsten Ort der Welt einschlagen müssen. Unsere Erde ist zu zwei Dritteln mit Wasser bedeckt, der Rest besteht zum Großteil aus Wüste und Steppe. Na? Wo schlägt er wohl ein? Ausgerechnet in der Mitte von Manhatten, auf einem Flecken, der kaum einen Quadratkilometer umfasst. Natürlich will sich niemand im Kino langweilen, deshalb würde ich auch keinem Regisseur dieser Welt empfehlen, die öden Labors der Universitäten zu zeigen. Wissenschaft ist nicht sonderlich abenteuerlich, nirgendwo knallt es, die meisten Forscher sind zwar nett, aber harmlos. Trotzdem tut es einem Film doch gut, wenn er nicht den Intellekt beleidigt.

Morgenpost Online: Die meisten Menschen wollen im Kino doch nur unterhalten werden und nicht intellektuell gefordert…

Perkowitz: Da unterschätzen Sie die Menschen. Sie sind pedantisch, sie lieben es, Fehler zu finden und suchen sogar in den romantischsten Momenten nach einem Schatten, der in die falsche Ecke fällt. Ein Film, der zwei Stunden lang ist, braucht natürlich keine halbstündige Lektion von einem glatzköpfigen Professor. Trotzdem kann er doch ein paar wissenschaftliche Fakten enthalten. Der Film „The Day after Tomorrow“ macht das sehr geschickt. Da gibt es eine Fünf-Minuten-Szene, in der den Menschen im Weißen Haus der Klimawandel erklärt wird. Das ist dramatisch, jeder hört zu und kann am Ende noch was lernen.

Morgenpost Online: Hat James Cameron schon bei Ihnen angerufen?

Perkowitz: Leider nein. Ihn würde ich furchtbar gerne einmal beraten. Unser Projekt heißt „Science and Entertainment Exchange“, Dustin Hoffman hat es angeregt, zusammen mit ein paar Kollegen und Harvard-Forschern. Der Plan geht so: Steht in Hollywood ein neuer Science-Fiction-Blockbuster an, rufen die Regisseure bei der Akademie an – und die schicken mich oder jemand anderen. Der berät dann den Regisseur, zeigt den Schauspielern, wie sie ihr Reagenzglas halten sollen oder wie groß ein außerirdischer Riesenkäfer sein darf.

Morgenpost Online: Sie spielen auf die Käfer in Starship Troopers an…

Perkowitz: Käfer in dieser irrwitzigen Größe könnten sich niemals auf den Beinen halten, sie würden unter ihrem Gewicht zusammenbrechen. Als ich das meinen Studenten erklärte, sagte einer zu mir: auf der Erde könne ein Käfer nicht wohl so groß werden. Aber auf einem fremden Planeten ginge das doch.

Morgenpost Online: Da hat er Recht.

Perkowitz: Im Film scheint aber auf diesem fremden Planeten dieselbe Sonne, wie bei uns, es gibt dieselben Gravitationskräfte und die Käfer atmen dieselbe Luft. Die Raumfahrer tragen keine Astronautenkleidung, keine Atemmasken, nichts. Warum auch? Im Film heißt es ja, der Planet sei erdähnlich. Also gibt es überhaupt keinen Grund, warum das Käferwachstum dort sämtliche biologischen Gesetze sprengen sollte.

Morgenpost Online: Sind Science Fiction-Filme realistischer geworden?

Perkowitz: Nein. Im Gegenteil. Kennen Sie den Film „Der Tag, an dem die Erde stillstand“? Da gibt es eine Version von 1951 und eine von 2008. Die frühe Version ist viel besser, viel logischer, viel interessanter. Das Gleiche bei „Krieg der Welten“ von 1953 und 2005, in dem Film greifen Aliens vom Mars die Erde an. In dem 50er-Jahre Film gibt es eine kurze Szene, in der Wissenschaftler erklären, warum diese Wesen so anders sind, wovon sie leben, wie man sich das Leben auf dem Mars vorstellen muss. In Steven Spielbergs Version von 2005 gibt es Null Erklärungen, Null Wissenschaft, einfach nichts.

Morgenpost Online: Warum nicht?

Perkowitz: Weil die Filmemacher ihre Effekte so sehr lieben. Sie wollen nur visuellen Aufruhr. Aber das reicht doch nicht.

Sidney Perkowitz ist Professor für Physik an der Emory Universität in Atlanta.



Erschienen am 12.03.2010

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