Schweinegrippe
"Der Vertragsabschluss war unprofessionell"
Der Herausgeber des "Arznei-Telegramms", Wolfgang Becker-Brüser, sieht die Ursache für die Bestellung von zu viel Impfstoff gegen die Schweinegrippe in der Unfähigkeit der Gesundheitsbehörden. Dass gegen die Schweinegrippe nur eine statt zwei Impfungen nötig ist, sei für Fachleute keineswegs überraschend gewesen.
Dabei hat der Namensgeber Glück gehabt. Nach Angaben der Weltorganisation für Tiergesundheit OIE hat das Virus beim Schwein bisher zu keiner besorgniserregenden Entwicklung geführt. Ganz im Gegenteil: Bisher gibt es keine Beweise, dass Schweine bei der Verbreitung des Virus' eine besondere Rolle spielen.
Die Bundesländer müssen wahrscheinlich nicht alle bestellten Dosen des Schweinegrippe-Impfstoffes abnehmen. Das erste Arbeitstreffen von Staatssekretären und Abteilungsleitern von Bund und Ländern mit dem Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK) ist Teilnehmern zufolge konstruktiv verlaufen.
Die Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Niedersachsens Ressortchefin Mechthild Ross-Luttmann (CDU), sprach anschließend von "harten, aber fairen Verhandlungen", die den Weg für einen "guten Kompromiss" freigemacht hätten. "Wir haben vom Pharmakonzern GSK Signale der Kulanz erhalten, einen größeren Teil der überschüssigen Impfstofflieferungen zu stornieren", sagte sie, ohne bereits Details nennen zu wollen. Das Verhandlungsergebnis stehe unter dem Vorbehalt einer Endabstimmung der Vertragspartner, die bis Mitte nächster Woche erwartet werde, hieß es. Am Freitag wollen sich die Gesundheitsminister in einer Telefonkonferenz zu dem Resultat der Verhandlungen verständigen.
Die Landesgesundheitsminister hatten 50 Millionen Impfstoff-Dosen für 416,5 Millionen Euro geordert, wollten zuletzt nur noch die Hälfte abnehmen, da nach neuen Erkenntnissen eine Schutzimpfung pro Person ausreicht. Ursprünglich waren die Experten von zwei nötigen Immunisierungen ausgegangen. Deshalb bleiben die Länder auf einem Großteil der Dosen sitzen, die sie allein bezahlen müssen.
Auch der Pandemrix-Hersteller GSK sprach nach dem Arbeitstreffen von einer "Lösung". Die Verhandlungen seien in "partnerschaftlicher Atmosphäre" gewesen, sagte eine Unternehmenssprecherin. Das Ergebnis solle erst später bekannt gegeben werden.
Der RKI-Präsident wandte sich zugleich gegen Vorwürfe, dass Politik, Wissenschaft und Medien eine unbegründete Hysterie wegen der Schweinegrippe verbreitet hätten. "Als das Virus im Frühjahr auftauchte, wussten wir sehr wenig darüber, wir haben dann gelernt, dass es relativ milde Verläufe gibt, aber es auch immer wieder zu schweren Verläufen kommt." Es sei richtig, dass der Impfstoff sehr schnell hergestellt und zugelassen worden sei.
Der Herausgeber des Informationsdienstes "Arznei-Telegramm", Wolfgang Becker-Brüser, sieht die Ursache für die Bestellung von zu viel Impfstoff gegen die Schweinegrippe in der Unfähigkeit der Gesundheitsbehörden. "Der Vertragsabschluss war einfach unprofessionell", sagte der Pharmazeut und Arzt der "Berliner Zeitung". "Da hat man sich viel zu sehr an der Vogelgrippe orientiert."
Dass gegen die Schweinegrippe – anders als gegen die Vogelgrippe - nur eine statt zwei Impfungen nötig ist, sei für Fachleute keineswegs überraschend gewesen. "Man hätte den Vertrag auf jeden Fall flexibler gestalten müssen", sagte Becker-Brüser der Zeitung. Auch die Verhandlungen mit der Herstellerfirma Glaxo-SmithKline über verringerte Abnahmemengen hätten "noch im Dezember" aufgenommen werden müssen.
Als Konsequenz aus den Fehlern forderte Becker-Brüser: "Derartige Großbestellungen bei der Pharmaindustrie müssen künftig transparent und mit öffentlicher Beteiligung erfolgen – begleitet von öffentlichen Anhörungen. Und es muss offen über Nutzen und Schaden gesprochen werden. Sonst fühlen sich die Menschen verschaukelt", sagte er der Zeitung.
Unterdessen warnte das Robert-Koch-Institut (RKI) vor einer zweiten Grippewelle. "Der Impfstoff ist nach wie vor notwendig, das Virus ist ja auch noch unter uns", sagte RKI-Präsident Jörg Hacker im ARD-"Morgenmagazin". Es sei durchaus möglich, dass im Februar oder März eine zweite Erkrankungswelle komme.
Rund 200.000 Menschen in Deutschland haben sich laut RKI bislang mit dem Virus infiziert, 159 sind daran gestorben. Die Neuerkrankungen waren zuletzt allerdings stark zurückgegangen auf 2000 in der vorletzten und 1000 in der vergangenen Woche. Etwa sechs bis zehn Prozent der Menschen in Deutschland haben sich bislang gegen Schweinegrippe impfen lassen.
Dennoch sieht Hacker keinen Grund zur Entwarnung: "Wir gehen davon aus, dass die Impfung weiter sinnvoll ist, insbesondere für Personen, die chronisch krank sind." Rund 80 Prozent der Todesopfer seien chronisch Kranke.
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