UN-Klimagipfel
"Durchverhandeln bis zur Schmerzgrenze"
Freitag, 4. Dezember 2009 10:20Deutschlands Top-Klimaexperten fordern von Politikern einen Durchbruch auf dem UN-Klimagipfel in Kopenhagen: Aus wissenschaftlicher Sicht gebe es immer mehr Hinweise, dass sich die Menschheit kritischen Kipppunkten nähert. Ein Scheitern des geplanten Abkommens brächte Millionen Menschen in Gefahr.
Wenige Wochen vor Beginn des UN-Klimagipfels in Kopenhagen haben führende Wissenschaftler einen Rettungsschirm für das Weltklima gefordert. Ein solcher Rettungsschirm sei dringender als jene, die wegen der Wirtschaftskrise für die Banken aufgespannt worden seien, sagte der Chef des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth, in Berlin: „Es gibt keine Spielräume mehr“, warnte er. Die Experten seien in Sorge, dass die Dringlichkeit entschiedenen Handelns für den Klimaschutz weltweit kurz vor Kopenhagen noch nicht ausreichend verinnerlicht worden sei, fügte Flasbarth hinzu.Werde die globale Erwärmung nicht auf zwei Grad begrenzt, könnte ein Abschmelzen des Grönland-Eisschilds den Meeresspiegel um sieben Meter erhöhen, sagte Regierungsberater Hans Joachim Schellnhuber.
Bundesumweltminister Norbert Röttgen zeigte sich hingegen optimistisch. „Wir haben aus den Verhandlungen keinen Hinweis, dass wir scheitern werden“, sagte der CDU-Politiker der „Süddeutschen Zeitung“. Er warnte die USA, ihren Führungsanspruch zu gefährden: „Führen wollen und bremsen zugleich geht nicht."
Aus Sicht von Klimaexperten hätte ein Misserfolg katastrophale Folgen. Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Hans Joachim Schellnhuber, forderte für den UN-Gipfel ein „Durchverhandeln bis zur Schmerzgrenze“. Es gebe ein riesiges Spektrum „zwischen luftigen und pathetischen Absichtserklärungen von Politikern“ und „ausbuchstabierten“ Abkommen mit allem Kleingedruckten.
Schellnhuber erklärte, die Hinweise aus der Wissenschaft häuften sich, dass sich die Menschheit bedenklich nahe an kritische Kipppunkte heranbewege. Dazu zählt das völlige Abschmelzen des Grönland-Eisschildes. Ein Anstieg des Meeresspiegels um sieben Meter bedeute, „dass wir sämtliche Küstenlinien dieser Erde neu konstruieren müssten“, sagte der Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.
Daraus ergäbe sich dann unmittelbarer Handlungszwang. Soll die Erwärmung des Planeten im Vergleich zu vorindustrieller Zeit auf höchstens zwei Grad begrenzt bleiben, dürfen nach Berechnungen von Wissenschaftlern insgesamt noch 750 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangen. Obwohl die Menge riesig klingt, wäre sie selbst bei einem Einfrieren der heutigen Emissionen bereits in 25 Jahren erschöpft.
Teilt man die Gesamtsumme auf die Weltbevölkerung auf, dann käme man auf 110 Tonnen pro Kopf für die gesamte Zeit bis 2050, wie der Vizevorsitzende des Beratergremiums WGBU, Dirk Messner, vorrechnete. In Deutschland würde das Budget bei heutigem Kohlendioxid-Ausstoß nur zehn Jahre reichen, in China wären es noch 25 Jahre.
Anders gerechnet müsste bei einem Zwei-Grad-Ziel der weltweite Ausstoß von
Treibhausgasen insgesamt bis 2050 auf deutlich weniger als die Hälfte des
Werts von 1990 gesenkt werden. Die Industrieländer müssten sogar minus 80
Prozent erreichen.
Erschienen am 20.11.2009
















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