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Medizintechnik

Neue OP-Roboter erleichtern Ärzten das Handwerk

Rund 26.000 Mal pro Jahr wird in Deutschland Patienten die Prostata entfernt – jetzt zum Beispiel bei Oskar Lafontaine. Dies geschieht oft minimal-invasiv. Bei der Schlüssellochchirurgie kommen seit einiger Zeit OP-Roboter zum Einsatz. Die Systeme führen Bewegungen aus, die für Menschenhände unmöglich sind.

Operation mit Da Vinci-Roboter an Genfer Universitätsklinik.
Foto: pa
Operation mit Da Vinci-Roboter an Genfer Universitätsklinik.

Oskar Lafontaine ist einer von etwa 26.000 Patienten, die in Deutschland jedes Jahr wegen eines Prostatakarzinoms operiert werden. Als Operationsmethode wird dabei immer häufiger die so genannte Schlüssellochchirurgie angewendet. Im saarländischen Homburg hat Professor Michael Stöckle, Direktor der urologischen Universitätsklinik, mit seinem Team in den vergangenen dreieinhalb Jahren mehr als 700 Patienten mit dem 1,6 Millionen Euro teuren Gerät „Da Vinci" operiert; bundesweit sind es an rund einem Dutzend Kliniken (u.a. in Hamburg, Heidelberg oder Dresden) einige Tausend.

Seinen Namen hat es von Leonardo da Vinci (1452-1519), herausragender Wissenschaftler und Genie der Kunstgeschichte („Mona Lisa“). Da Vinci war seiner Zeit weit voraus, skizzierte Fluggeräte, die Hubschraubern verblüffend ähnelten, konstruierte Getriebe und Zahnräder, galt als ein Meister der Mathematik und ausgewiesener Kenner der menschlichen Anatomie.

Das gleichnamige Robotersystem ist ebenfalls in die Zukunft gerichtet: Es ermöglicht, so Stöckle, „Operationen der kleinen Schnitte, die die Chirurgie nachhaltig verändern werden“.

Roboter „Da Vinci“ besteht aus zwei wesentlichen Komponenten: Der Steuerkonsole und den Roboterarmen. Der Chirurg sitzt an der Konsole einige Meter vom OP-Tisch entfernt und lenkt mit zwei Steuerknüppeln die vier elektronischen Greifarme, an denen sich die auswechselbaren mikrochirurgischen OP-Instrumente und die endoskopische Kamera befinden. Vor sich hat er ein hochauflösendes 3D-Videobild, welches das Operationsfeld in bis zu zehnfacher Vergrößerung zeigt. Die Hände des Chirurgen ruhen unterhalb des Monitors und handhaben Zange und Schere mit der gleichen Flexibilität wie bei der offenen Chirurgie.

Besser noch, denn die Übersetzung der Bewegungen von der Konsole auf die Instrumente ist absolut zitterfrei und kann individuell skaliert werden. Ein Beispiel: Dreht der Chirurg seine Hand um drei Zentimeter, bewegen sich die Instrumente nur um sechs Millimeter. Auf diese Weise kann der Operateur wesentlich exakter arbeiten und selbst feinste Nähte an extrem kleinen Blutgefäßen komplikationslos anbringen.

Stöckle: „Das robotergestützte System vereinigt die Vorteile bisher bekannter OP-Verfahren in sich: Wie bei der Schlüsselloch-Chirurgie werden nur winzige Hautschnitte benötigt und wie bei einer offenen Operation hat der Chirurg einen hervorragenden Blick auf das Operationsgebiet und dazu eine optimale Beweglichkeit seiner Hände."

Große Eingriffe können auf diese Weise für den Patienten schonend und weit gehend schmerzfrei durchgeführt werden. In der Homburger Urologie wird der Roboter derzeit bei Prostata-, Blasen- und Nierenkrebsoperationen sowie bei der Refertilisierung (Wiederherstellung der Zeugungsfähigkeit nach vorausgegangener Sterilisation) mit Erfolg eingesetzt.

Am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) wurde bereits 2002 erstmals ein Tumor an der Bauchspeicheldrüse minimal-invasiv mit Roboterunterstützung entfernt. Heute werden Roboter – ein ähnliches System trägt den Namen ZEUS – im Bauchraum zum Beispiel auch zur chirurgischen Behandlung von Sodbrennen oder bei Magenkrebs angewandt.
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Ende der 90er Jahre eroberten die ersten Roboter den Operationssaal der Herzchirurgen. Prof. Friedrich Wilhelm Mohr vom Herzzentrum Leipzig war 1998 der weltweit erste Mediziner, der eine Herzoperation durchführte, ohne direkt am Behandlungstisch zu stehen. Er dirigierte Operationsinstrumente und eine winzige Kamera, die über Hautschnitte von nur noch acht bis zehn Millimetern in den Brustkorb eingeführt wurden, von einem mehrere Meter entfernten Bedienpult.

In der Frankfurter Universitätsklinik wurde beinahe zeitgleich ein weiterer OP-Roboter installiert, der Bypässe legt und defekte Herzscheidewände repariert. Inzwischen werden zahlreiche Herzoperationen in großen Herzzentren ebenfalls mit Roboterunterstützung durchgeführt.

Die Erfahrung hat die Chirurgen gelehrt, nicht jeden Eingriff mit dem Roboter durchzuführen: Notfälle oder komplexe Herzerkrankungen, aber auch Zweitoperationen sind weiterhin reine Handarbeit. Der Roboter kommt bei geplanten, überschaubaren Herzoperationen bei Patienten mit möglichst wenigen Begleiterkrankungen zum Einsatz. Die Möglichkeit, während der robotergestützten Operation bei unvorhergesehenen Komplikationen auf das herkömmliche Verfahren umzusteigen, ist dabei jederzeit gegeben.

Auch in der Zahnarztpraxis haben Roboter ein Zuhause gefunden. Implantate können millimetergenau eingepflanzt werden – mit „Robodent“, einem am Virchow-Klinikum der Charité entwickelten Roboter, der inzwischen von einer Münchener Firma vertrieben wird.

Das System ist wesentlich kleiner als ein OP-Roboter, besteht aus einem PC mit Monitor, einer Infrarotkamera sowie einem Navigationsgerät, das auf normale Handstücke, wie sie Zahnärzte benutzen, aufgesetzt wird. Die Behandlung wird am Computer bis ins letzte Detail simuliert, das Navigationsgerät überwacht, dass die Bohrungen an exakt der richtigen Stelle durchgeführt werden. Bei Abweichungen warnt das System mit einem Piepton.

Die modernen Roboter in den Operationssälen haben nicht mehr viel gemein mit „Robodoc“, dem ersten OP-Assistenten, der im vergangenen Jahrzehnt beim Einsatz einer künstlichen Hüfte behilflich sein sollte und häufig den Knochen an falscher Stelle oder aber viel zu intensiv bearbeitete.

Mitunter klagten die Operierten nach dem Eingriff über mehr Beschwerden als zuvor. „Heute brauchen Patienten keine Angst zu haben, von einer eigenständig arbeitenden Maschine behandelt zu werden. Der Roboter unterstützt den Chirurgen und verhilft ihm zu mehr Präzision. Die Entscheidung, welcher Schritt als nächstes erfolgt, liegt aber immer ausschließlich beim Operateur“, erklärt Prof. Stöckle. Das technische System erhält zu keinem Zeitpunkt die Kontrolle über die Operation.

Wie profitieren Prostatapatienten von dem robotergestützten Eingriff?

Alle üblichen Nachteile einer Operation, so der Urologe, werden minimiert: Der Patient hat weniger Schmerzen, weil nur noch fünf winzige Schnitte angelegt werden, von denen einige nicht einmal vernäht werden müssen. Dadurch sinkt auch die operationsbedingte Infektionsgefahr. Der Blutverlust während des Eingriffs ist sehr gering, in aller Regel kommt der Patient ohne Transfusion aus. Und der Blasenkatheter, der nach einer Prostataentfernung notwendig ist, kann nach fünf statt nach acht bis zehn Tagen entfernt werden. „Kurzum: Der Patient kommt schneller auf die Beine und kann eher wieder nach Hause.“ Die häufig kritisierten längeren Operationszeiten verringern sich mit der Erfahrung des Operateurs: Innerhalb von 100 Eingriffen halbierte sich in Homburg die OP-Zeit von 356 auf 178 Minuten.

Auch die gefürchteten Nebenwirkungen einer Prostataoperation – Kontinenz- und Potenzprobleme – scheinen mit der neuen Technik beherrschbar zu sein. Prof. Stöckle: „Hier werden mit der herkömmlichen Schlüsselloch-Chirurgie bereits sehr gute Ergebnisse erzielt. Mit dem Roboter sind sie wahrscheinlich noch besser, obwohl bisher keine Langzeitdaten vorliegen.“ Nach einem Jahr hat über 90 Prozent der Patienten wieder die volle Kontrolle über die Blasenfunktion. Wird im Frühstadium der Erkrankung operiert, bestehen ebenfalls sehr gute Aussichten, die Erektionsfähigkeit wieder vollständig herzustellen.

Überzogene Erwartungen dürfe man an ein solches High-Tech-Gerät jedoch nicht stellen, warnt der Urologe: „Ein weit fortgeschrittener Tumor, der bereits in die Beckenwand wächst, kann weder mit herkömmlichen Techniken, noch mit dem Roboter operiert werden.

Da Vinci ist keine Wunderwaffe und erhöht nicht die Heilungschancen.“ Eine kontrollierte Studie, bei der die Patienten nach dem Zufallsprinzip entweder dem herkömmlichen Verfahren oder der robotergestützten Variante zugeordnet werden, um festzustellen, welche Behandlungsmethode die besseren Ergebnisse erzielt, wird es nach Ansicht von Stöckle jedoch kaum geben: „Die Patienten haben längst angefangen, mit den Füßen abzustimmen.“ Denn der Gewinn an Lebensqualität durch das schonendere Verfahren sei erheblich. Am Tag nach der OP, so Stöckle, sieht man es den Patienten auf der Station im Gesicht an, wer mit Hilfe des Roboters behandelt wurde.

Einer von ihnen war Heinrich B. (67), aus Saarbrücken: „Anfang Februar wurde ich operiert. Ich hatte hinterher keinerlei Beschwerden, wurde nach wenigen Tagen entlassen und saß zwei Tage später schon wieder im Büro. Heute geht es mir hervorragend, ich wandere viel, arbeite im Garten und bin wieder aktiv im Tanzsport. An die Operation und meine Krebserkrankung erinnert mich fast nichts, die Narben sind kaum noch zu sehen."

Welches Potential robotergestützte OP-Systeme haben, muss die Zukunft zeigen. In Norwegen – dem Land der riesigen Entfernungen – versuchte man bereits zu Beginn des Jahrtausends, die Möglichkeiten der neuen Techniken optimal zu nutzen. Im Krankenhaus der Kleinstadt Namdal wurde eine Speiseröhrenoperation durchgeführt, während der Spezialist 220 Kilometer entfernt in Trondheim zu Hause vor einem mit der Klinik vernetzten Computer saß und die OP-Instrumente mit Maus und Joystick steuerte.

Wenig später entfernte ein Chirurg in New York die Gallenblase einer 68-jährigen Patientin im französischen Straßburg – seine Entfernung zum OP-Tisch betrug 6.200 Kilometer. Da Ärzte bei einem endoskopischen Eingriff am Bildschirm orientieren und der Zeitunterschied der übertragenen Bilder vom Heimcomputer zum Operationssaal nur 0,1 Sekunden betrage, gebe es kaum einen Unterschied zu üblichen Operationen, meinte Dr. Ronald Maarvik, der den Eingriff in Trondheim durchführte.

Seine optimistische Prognose von damals ist heute jedoch noch eher Vision als Realität: „Im Grunde ist es nicht mehr notwendig, dass ein Chirurg bei einem komplizierten Fall anreist oder dass der Patient zu ihm gebracht wird. Dadurch, dass die Entfernungen keine Rolle mehr spielen, gibt es in Zukunft ungeahnte Möglichkeiten.“

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