Arzneimittelforschung
"Viele Medikamente sind völlig nutzlos"
Donnerstag, 11. November 2010 09:02Kein anderer deutscher Mediziner muss so viel Kritik ertragen wie Peter Sawicki: Die Studien seines Instituts entscheiden darüber, ob Medikamente von den Krankenkassen bezahlt werden oder nicht. Auf Morgenpost Online spricht er über die Tücken des medizinischen Fortschritts und die Selbstüberschätzung von Ärzten.

Professor Peter Sawicki, 52, leitet das Institut für Qualität und
Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln. Über wirksame und
dennoch nicht nützliche Medikamente, die Dynamik des medizinischen
Fortschritts, die Rolle seines Instituts und die Zukunft unseres
Gesundheitssystems sprach mit ihm Norbert Lossau:
Morgenpost Online: Wie definieren Sie medizinischen Fortschritt?
Peter Sawicki: Als spürbare Verbesserung für den Patienten:
Sawicki: Nein, es wird immer schwieriger, Fortschritt zu erzielen. Die
großen Krankheiten, mit Ausnahme von Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
sind ja inzwischen recht gut behandelbar. Künftiger Fortschritt wird sich
wahrscheinlich auf immer kleinere Patientengruppen beschränken. Natürlich
wäre es toll, wenn ein Forscher verkünden könnte: „Ich habe den Krebs
besiegt!“ Bislang entsprachen jedoch solche Zeitungsüberschriften nie der
Realität. Ich sage nicht, dass ein solcher Durchbruch unmöglich wäre. Doch
wir müssen auch mit kleinen Fortschritten zufrieden sein:
Morgenpost Online: Ist der medizinische Fortschritt planbar?
Sawicki: In der Medizin sind echte Verbesserungen nur sehr bedingt
planbar. Eine positive Ausnahme ist die Entwicklung von Aids-Medikamenten.
Dieses Ziel wurde gesetzt und viel Geld für die Forschung bereitgestellt.
Das Ergebnis waren tatsächlich gute Medikamente. Weniger erfolgreich sind
die bisherigen Bemühungen im Kampf gegen den Krebs oder Demenz. Obwohl hier
sehr viel investiert wurde, ist recht wenig herausgekommen. Viele große
Fortschritte der Medizin waren Zufallsentwicklungen – von den Antibiotika
über das Insulin bis hin zu Viagra.
Morgenpost Online: Steigen mit dem gewachsenen medizinischen Wissen nicht die Chancen für gezielte Innovationen?
Sawicki: Wenn wir ehrlich sind, wissen wir insgesamt doch recht wenig.
Warum bekommt zum Beispiel der berühmte 95-Jährige keinen Krebs, obwohl er
sein Leben lang stark geraucht hat? Wir verstehen nicht, was in diesem Fall
die schützenden Faktoren sind. Auch wenn viele Mediziner so tun, als wüssten
sie über die Krankheiten ihrer Patienten vollständig Bescheid, so müssen sie
sich eigentlich eingestehen, dass unsere Nachfolger in zwanzig Jahren
darüber lachen werden, was heute in unseren Fachbüchern steht. Wir liegen
zweifellos in vielen Dingen einfach falsch. Es wäre ein großer Fortschritt
für die Medizin, wenn wir Ärzte weniger eingebildet und bescheidener wären
und mal zugeben könnten: Dieses hier weiß ich gar nicht, und das da weiß ich
nicht genau.
Morgenpost Online: Doch das ist mit dem Ego des Mediziners nicht vereinbar?
Sawicki: Wenn man eine Erkrankung intensiv erforscht, dann hat man
schließlich das Gefühl, viel zu wissen. Doch viel wissen bedeutet noch
nicht, eine Krankheit wirklich vollständig zu begreifen. Das ist bisher
wirklich nur bei den Infektionserkrankungen gelungen. Schon bei
Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist unser Wissen sehr unvollständig. Wir wissen
nicht einmal genau, wie so häufige Erkrankungen wie Bluthochdruck oder
Depressionen entstehen.
Morgenpost Online: Antworten auf diese Fragen könnten von der Genetik kommen.
Sawicki: Genau. Es wäre ja wirklich schön, wenn man einem Menschen mit
einer bestimmten genetischen Disposition sagen könnte, du brauchst deinen
Bluthochdruck gar nicht zu behandeln, weil du sowieso keinen Herzinfarkt
oder Schlaganfall bekommen kannst. Doch noch weiß niemand, ob es einen
solchen simplen genetischen Schutzfaktor gibt.
Morgenpost Online: Nicht jede medizinische Innovation ist auch ein Fortschritt?
Sawicki: Innovationen sind eine notwendige, aber keine hinreichende
Bedingung für den Fortschritt. In der Medizin gibt es viele Innovationen,
die enttäuschen. Neu allein reicht nicht. Sie müssen auch besser sein. Doch
wenn man leidet oder gar Angst hat zu sterben, dann braucht man Hoffnung.
Und etwas Neues ist erst mal eine Hoffnung. Deswegen verkaufen sich neue
Therapien und Medikamente auch dann, wenn sie Humbug sind. Kranken Menschen
kann man alles andrehen. Denen wird mit irgendeinem Schwachsinn das letzte
Geld aus der Tasche gezogen. Selbst hochgebildete und gut informierte Leute
geben in der höchsten Not Geld für Scharlatane aus, nur weil sie ohne
Hoffnung nicht leben können. Sie brauchen eine Täuschung, damit sie hoffen
können. Doch wenn die Wissenschaft dann feststellt, dass ein Versprechen
nicht gehalten werden kann, dann kommt es zur Ent-Täuschung.
Morgenpost Online: Die Aufgabe Ihres Institutes ist es also, den Patienten
diese Hoffnung zu nehmen, indem Sie unwirksame Therapien enttarnen?
Sawicki: Wir wollen niemandem die Hoffnung nehmen. Ein Patient ohne
Hoffnung stirbt. Doch man darf die Menschen auch nicht belügen. Zur
ärztlichen Kunst gehört es, Hoffnung zu geben ohne zu lügen. Unser Institut
muss leider von Berufs wegen enttäuschen. Das ist natürlich schmerzhaft –
für Patienten, Ärzte und Hersteller. Doch das ist der Weg hin zu mehr
Fortschritt. Es ist unsere Aufgabe aufzuzeigen, wo Versprechen nicht
gehalten werden. Wir werden nicht geliebt, weil die Wahrheit wehtut.
Morgenpost Online: Wenn ein Patient etwas ausprobieren will, von dem der
Arzt weiß, dass es Scharlatanerie ist, soll er dann dem Patienten diese
Hoffnung sofort nehmen?
Morgenpost Online: Eine weitere Dimension sind die Kosten. Angenommen, es gäbe eine Therapie, die weder nutzt noch schadet, aber – anders als die Rosenblätter – sehr teuer ist. Darf man diese Hoffnung verordnen?
Sawicki: Nein, denn dann gebe es den Schaden für die
Solidargemeinschaft. Unser Gesundheitswesen ist in der Lage, zum Beispiel
Transplantationen, Krebstherapien und Intensivmedizin zu finanzieren. Es
gibt tausend Beispiele für kostspielige Behandlungen, die weder Sie noch ich
selbst bezahlen könnten. Es ist eine große Errungenschaft, dass diese
Behandlungen jedem, der sie braucht, offenstehen. Diese Solidargemeinschaft,
die aufwendigste Therapien finanziert, muss geschützt werden. Sie darf nicht
mit der Finanzierung von Therapien belastet werden, die dem Patienten keinen
Nutzen bringen. Vergleichen Sie unser Gesundheitssystem doch einmal mit dem
in England oder den Vereinigten Staaten. Die Leistungsfähigkeit unseres
Systems ist sehr viel größer.
Morgenpost Online: Woran liegt das?
Sawicki: Weil es einen gesellschaftlichen Konsens gibt. Weil wir mehr Geld ins Gesundheitssystem investieren als andere Länder und weil wir uns bei den Leistungen an bestimmte Spielregeln halten. Doch ich habe große Sorge, dass wir zu wenig dafür tun, dass es langfristig so bleibt. Es gibt zu wenig Anstrengungen zum Schutz der Solidargemeinschaft.
Morgenpost Online: Sie unterscheiden zwischen wirksamen und nützlichen Medikamenten. Ist nicht eine Arznei, die wirkt, auch nützlich?
Sawicki: Ein wirksames Medikament muss nicht nützlich sein. Allerdings gibt es keinen Nutzen ohne Wirksamkeit. Wenn ein Medikament wirkt, entfaltet es im Körper irgendeinen Effekt – zum Beispiel ändern sich Rezeptorbindungen, oder die Höhe des Blutzuckers oder des Cholesterins oder der Blutdruck sinkt, Gefäße werden enger oder weiter. All dies sind nur Ersatzparameter – sogenannte Surrogate. Eigentlich geht es uns doch darum, nicht zu leiden, im Krankheitsfall wieder gesund zu werden, eine gute Lebensqualität zu haben und nicht zu früh zu sterben. Uns geht es also nicht um das Cholesterin im Blut, sondern darum, keinen Herzinfarkt zu bekommen. Es gibt sehr viele Beispiele dafür, dass die Wirkung auf einen bestimmten Parameter zu keinem Nutzen führt. Bisweilen wird sogar das Gegenteil erreicht: Obwohl der Cholesterinwert niedriger geworden ist, sinkt die Lebenserwartung. Oder: Obwohl sich Krebsabsiedlungen zurückbilden, führt dies nicht zu einer Verlängerung des Lebens. Ein bekanntes Beispiel ist die Hormonersatztherapie bei Frauen nach den Wechseljahren. Dadurch wurde die Zahl der Infarkte und Schlaganfälle sogar erhöht.
Morgenpost Online: Bei wie vielen der in Deutschland verkauften Medikamente ist denn ein Nutzen ausdrücklich belegt?
Sawicki: Das kann ich Ihnen nicht definitiv sagen. Ich würde schätzen, bei mehr als 50 Prozent. Am besten wäre es natürlich, bei allen neuen Medikamenten Nutzen und Schäden genau zu erforschen, bevor sie breit verordnet werden.
Morgenpost Online: In welchen Fällen werden Sie denn überhaupt aktiv?
Sawicki: Wir bekommen die Aufträge vom Gemeinsamen Bundesausschuss oder dem Gesundheitsministerium. Kriterium ist dabei die besondere Bedeutung eines Medikamentes oder einer Therapie. Wenn es häufig verwendet wird, wenn es um hohe Sterblichkeiten geht oder wenn die Kosten sehr hoch sind. Wir haben dann drei mögliche Antworten: Nutzen belegt. Kein Nutzen vorhanden. Oder: Nutzen nicht belegt, da es keine guten Daten gibt. Ein Beispiel dafür ist die Behandlung des Prostatakarzinoms im Anfangsstadium. Die vorhandenen Studien sind hier so schlecht, dass man nicht sagen kann, ob Operieren, Bestrahlen oder einfach Abwarten das Richtige ist. Unser Institut kann da keine Antwort geben. Wir haben daher vorgeschlagen, die verschiedenen Möglichkeiten fünf Jahre lang in einer Studie zu vergleichen. Das wird jetzt vorbereitet.
Morgenpost Online: Warum hat es eine solche Studie nicht schon eher gegeben?
Sawicki: Das frage ich mich auch. Wahrscheinlich liegt es an der Hybris
der Ärzte. Die glauben einfach immer zu spüren, was da für ihren Patienten
am besten ist. Tatsächlich wissen sie es aber nicht. Dabei sind die Studien
gar nicht so teuer, mit denen sich diese Fragen definitiv klären lassen.
Morgenpost Online: Wie kann unser Gesundheitssystem leistungsfähig bleiben?
Erschienen am 16.11.2009
















Versicherungen
Gesundheitstests
Hotelsuche
Abo
Stadtplan
epaper
Archivsuche
Zeitung Heute
RSS
Newsticker
Video
TV-Programm
Events
Kino
Wetter
Gehaltsrechner
Börse
Branchenbuch
Kredit und Zinsen
Europa
Krankenkassen
Hilfe
Handelsregister
Leserbrief
Kontakt
Mobilportal
iPhone-/iPad-Apps
Heizölvergleich