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27.10.09

Klimawandel

Und sie erwärmt sich doch, die Erde

Immer wieder behaupten Kritiker, eine Erderwärmung finde nicht statt. Vier unabhängige Wissenschaftler bekamen nun "Rohdaten" von der Temperaturentwicklung, gemessen am Boden und von Satelliten. Ihnen wurde nicht gesagt, wofür sie die Daten auswerten sollen. Alle schlossen daraus eine Erderwärmung.

pa

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Allen Unkenrufen der Skeptiker zum Trotz: Die Erde erwärmt sich weiter, von einer globalen Abkühlung kann keine Rede sein. Dies ergab eine Analyse unabhängiger Wissenschaftler im Auftrag der Nachrichtenagentur AP. Vor allem im Internet melden sich immer wieder Kritiker zu Wort und behaupten, die allenthalben prophezeite Erderwärmung finde nicht statt – vielmehr deuteten Klimadaten auf eine Abkühlung hin.

Nach Ansicht der beauftragten Statistiker ist jedoch kein weltweiter Temperaturrückgang zu erkennen. Die Wissenschaftler überprüften zwei Zusammenstellungen von Temperaturaufzeichnungen und konnten keinen Trend zu sinkenden Werten feststellen. Mehr noch: Den Daten von US-Behörden zufolge werden die vergangenen Jahre einschließlich 2009 das wärmste Jahrzehnt in 130 Jahren seit Beginn der Aufzeichnungen ergeben. 2005 war demnach das wärmste jemals registrierte Jahr.

In unter anderem über das Internet verbreiteten Berichten heißt es indes, statt einer globalen Erwärmung gebe es derzeit einen Temperaturrückgang. Diese überraschende Prognose stützen die Skeptiker zumeist auf jüngste Entwicklungen. Das vergangene Jahr sei kühler gewesen als davor liegende Jahre. Außerdem seien die Rekordjahre 1998 und 2005 auch schon eine Weile her. Diese Argumentation überzeugt Statistiker wie Professor John Grego von der Universität South Carolina allerdings wenig: "Wenn man sich die Daten anschaut und quasi die Rosinen rauspickt, um aus einer größeren Entwicklung einen Mini-Trend abzuleiten, dann ist das Verfahren schon einigermaßen unseriös."

Und in der Tat zeigt die von der AP in Auftrag gegebene Untersuchung in eine völlig andere Richtung: Vier unabhängigen Wissenschaftlern wurden Temperatur-Daten zur Verfügung gestellt, allerdings ohne ihnen zu sagen, wofür diese Daten eigentlich stehen. Alle vier stellten bei dieser Art Blindversuch keinerlei Rückgang fest – im Gegenteil: Für die Forscher zeigte der Pfeil klar nach oben.

Grundlage waren einerseits Daten der US-Behörde für Meere und Atmosphäre (NOAA) über die Bodentemperaturen der vergangenen 130 Jahre sowie von Skeptikern bevorzugte Satelliten-Daten, die von Wissenschaftlern der Universität Alabama gesammelt werden und tendenziell eher niedriger sind als die Bodenwerte.

Doch warum hält sich die Vorhersage von der globalen Abkühlung so hartnäckig? Im Internet, auf Meinungsseiten und in kürzlich erschienenen Büchern spielt sie immer wieder eine Rolle. Zudem kam eine in der vergangenen Woche veröffentlichte Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pew zu dem Ergebnis, dass nur noch 57 Prozent der Amerikaner an einen definitiven wissenschaftlichen Beweis für die Erderwärmung glauben. 2006 waren es noch 77 Prozent.

Das Rumoren im Internet veranlasste sogar die NOAA, ihre Daten noch einmal zu überprüfen. Doch auch beim abermaligen Check fand sich kein nach unten zeigender Trend. "Das letzte Jahrzehnt ist die wärmste Zehn-Jahres-Periode der modernen Datenmessung", betont der Chef der NOAA-Klimabeobachtung , Deke Arndt. "Selbst wenn man nur die Entwicklung dieser vergangenen zehn Jahre analysiert, ist der Trend positiv. Und das bedeutet Erwärmung", fügt er hinzu.

Ein namhafter Klima-Skeptiker ist der Geologe Don Easterbrook von der Universität Western Washington. Seiner Ansicht nach kommt es nicht auf den Durchschnittswert über einen langen Zeitraum an, vielmehr zähle die Entwicklung der letzten Jahre – nach 1998. Es sei eine Frage des Blickwinkels.

Genau das kritisieren die Statistiker. Nach Berechnungen von Professor Grego ergibt sich bei alleiniger Betrachtung der Satelliten-Daten seit 1998 ein leichter Trend nach unten. Doch das sei schlicht irreführend, betont er und setzt zum Beweis an: Beginne man nämlich ein Jahr früher, verschwinde dieser Trend. Beim Startpunkt 1999 zeige die Kurve sogar schon wieder nach oben.

Wenig übrig für die Diskussion über sinkende globale Temperaturen hat auch der Klimaforscher Ken Caldeira von der Universität Stanford. "Über eine globale Abkühlung ausgerechnet am Ende des wärmsten Jahrzehnts zu sprechen, das der Planet seit Tausenden Jahren erlebt hat, ist lächerlich", betont er. Sein Kollege Ben Santer geht sogar noch weiter und spricht von einer "konzertierten Strategie der Vernebelung und der Verwirrung" der Öffentlichkeit und der politisch Verantwortlichen vor dem mit Spannung erwarteten Weltklimagipfel im Dezember in Kopenhagen.

Ein weiterer Punkt, den man nach Ansicht der Forscher nicht außer Acht lassen darf, ist der Einfluss der Ozeane auf die kurzfristigen Wetterdaten. Bestes Beispiel sei das Klimaphänomen El Nino, die vorübergehende Erwärmung in Teilen des Pazifischen Ozeans. So seien die heißen Jahre 1998 und 2005 jeweils "El-Nino-Jahre" gewesen.

Links zum Thema:

EU-Positionen für den Weltklimagipfel
Beim EU-Gipfel Ende Oktober in Brüssel wollen die 27 Mitgliedsländer ihr Verhandlungsmandat für die Weltklimakonferenz Anfang Dezember in Kopenhagen festlegen. Vor allem über die Finanzierung des Klimaschutzes wird gestritten. Hier ein Überblick über die EU-Forderungen.
Weniger Treibhausgase: Die EU-Staaten wollen ihren Ausstoß klimaschädlicher Gase bis 2020 um 20 Prozent im Vergleich zu 1990 verringern. Stimmen die USA und Länder wie China in Kopenhagen einem internationalen Folgeabkommen zum Kyoto-Protokoll zu, bietet die EU sogar eine Minderung von 30 Prozent an. Die Europäer unterstützen zudem das Ziel, den weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 um 80 bis 95 Prozent zu reduzieren – zwingend festschreiben wollen sie das aber nicht.
Ziele für Luft- und Schifffahrt: Erstmals will die EU Klimavorgaben für die Schifffahrt und den Luftverkehr durchsetzen. Die beiden Sektoren sollen ihre Emissionen im Vergleich zu 2005 um 20 beziehungsweise zehn Prozent drosseln. Luft- und Schifffahrt sind zusammen für bis zu sechs Prozent der weltweiten Treibhausgase verantwortlich.
Hilfen für die armen Länder: Hauptstreitpunkt beim Gipfel sind Finanzhilfen für arme Länder beim Klimaschutz. Die EU-Kommission beziffert die nötigen Mittel auf jährlich bis zu 100 Milliarden Euro bis 2020. Davon könnte die EU zwei bis 15 Milliarden zuschießen. Deutschland nannte Finanzhilfen beim EU-Gipfel zuletzt „verfrüht".
Umstrittene Forderungen Polens: Knackpunkt ist die Frage, nach welchem Schlüssel die Rechnung unter den Mitgliedstaaten aufgeteilt wird. Vor allem Polen blockierte bisher eine Einigung und forderte EU-Hilfen bei der Sanierung seiner Kohlekraftwerke. Zudem wollen osteuropäische Länder wie Polen frühere Emissionsminderungen nach 2012 positiv auf ihre Klimabilanz anrechnen. Deutschland warnte, dies würde unter dem Strich zu einem deutlich geringeren Abbau des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) führen.
CO2-Strafzölle: Frankreich fordert im Fall unzureichender Klima-Zusagen von Drittländern einen CO2-Strafzoll an den Grenzen des europäischen Binnenmarktes. Dies lehnt die Mehrheit der EU-Staaten bisher aber ab. AFP
Quelle: AP
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