Webportal 3min.de
Drei Minuten für einen Lacher
Mittwoch, 21. Oktober 2009 07:06 - Von Alexandra Maschewski3min.de ist das erste deutsche Webserien-Portal und wird in Berlin produziert. In Kategorien von Comedy über Sport bis hin zu Musik bietet die Internetplattform Mini-Serien mit einer durchschnittlichen Länge von drei Minuten pro Episode an. Brüno, den Quatsch Comedy Club oder Moabit Vice gibt es nun auch für das Handy.
Hastige Filmsequenzen aus dem Foyer des Quatsch Comedy Clubs, dann kurz Gastgeber Thomas Hermanns und schon steht Comedian Ole Lehmann auf der Bühne und versucht, seinem Publikum ein paar Lacher zu entlocken.
Ein paar Minuten nur hat er, um zu überzeugen. Mehr Zeit haben Episoden von Internet-Serien (auch Webisodes genannt) grundsätzlich nicht, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu bannen. 3,2 Minuten durchschnittlich ist der Nutzer des WorldWideWeb bei der Sache, das ist ein Faktum. Und deswegen heißt das erste deutsche Webserien-Portal aus Berlin, auf dem seit kurzem auch der Quatsch Comedy Club zu Hause ist, auch schlicht, einfach und unglaublich onlinekompatibel 3min.de.
In einem der Speicher im Osthafen, direkt neben Universal, wird daran gebastelt, die Bedürfnisse Lifestyle affiner, junger und jung gebliebener Internetnutzer zu befriedigen, deren Interessen das klassische Fernsehen schon lange nicht mehr bedient.
Lebenswelten abbilden, die nicht „irgendwo zwischen Erziehungs-, Gerichts- und Kochshows liegen“ – das ist eines der Themen, die sich Wagner und seine Mitstreiter auf die Fahnen geschrieben haben. Dabei ginge es nicht mehr vordergründig um Altersgruppen, sondern um das Voraussetzen einer bestimmten Geisteshaltung. In den sechs Kategorien Fiction, Comedy, Real Life, Sport, Musik und Film buhlen jeweils sechs Formate um die Gunst der wankelmütigen User.
Die beste Quote erzielt eine Webisode aus Berlin: die „Süper Tiger Show aus dem Hinterhof-Stüdyo in Kreuzberg“. „Die Kiezgröße hat mittlerweile echten Kultcharakter und ist Schritt für Schritt größer geworden“, sagt Wagner. Erst konnte man dem „Tiger“ dabei zusehen, wie er auf dem Weg durch seinen Kiez seine Weisheiten verbreitete, in seiner eigenen Show talkt er in trashiger Atmosphäre etwa mit der aktuellen Miss Berlin über ihre Familienpläne. Die Fans der Show kommen nicht nur aus Berlin, sondern aus ganz Deutschland. „Der größte Fanclub ist in Hamburg“, sagt Wagner.
Serien mit Kultcharakter
Mut zur Nische, das ist es, was „3min“ mitbringt. Der „Vice Guide to Travel“, der den Zuschauer zu Waffenhändlern in Pakistan oder Tierliebhabern in Kolumbien führt, hat genauso seinen Platz wie die Serie „Heroes“ für diejenigen, die ihre Sporthelden näher kennenlernen wollen. Immer wieder werden auch Formate aus Amerika gezeigt wie zum Beispiel „Best of Brüno“ mit Sacha Baron Cohen: „Es gibt unfassbar viele Webisodes, mit Abstand die meisten kommen aber aus den USA“, erzählt Robert Wagner. Teilweise verfügten diese längst über dieselben Produktionsstandards wie TV- oder Kinoproduktionen, sogar die Budgets lägen vereinzelt schon im Millionen-Dollar-Bereich.
Auch für namhafte Schauspieler werde das Internet immer interessanter: „Rosario Dawson spielt in einer Web-Serie mit und Ashton Kutcher produziert ein eigenes Format.“ Nach und nach übertrügen sich die Produktionsstandards auch auf Deutschland, immer mehr Produktionsfirmen wie Grundy Ufa stiegen ein, um den Trend nicht zu verpassen. „Wir interessieren uns aber auch für semi-professionelle Inhalte wie die Serie ,Dämmerung’, die von Filmstudenten gemacht wird und sich an ,Blair Witch Project’ anlehnt“, so Wagner. „Die Macher haben zwar wenig Mittel, dafür sind sie aber kreativ und möglicherweise diejenigen, die morgen und übermorgen bestimmen werden.“
Auch wenn man in nur drei Minuten mehr erzählen kann, als man denkt – die Bildsprache ist trotzdem eine andere. „Man muss auch die Charaktere schneller einführen, kann also nicht bloß Fernsehen ins Netz übertragen“, erklärt Wagner. Natürlich habe man mit „1000 Faces“ auch ein Promi-Format. Darin ginge es aber vor allem um den Berlin-Style und nicht um Klatschberichterstattung à la Frauke Ludowig. Besonders wichtig sei jedoch Humor, bestes Beispiel: die Serie „Moabit Vice“, die den Quotenhit aus Miami durch den Kakao zieht. Oder die Porno-Dreh-Persiflage „Making of Süße Stuten 7“.
Clips auf dem Handy
Das Bereitstellen von „Bewegtbildformaten“ ist die eine Sache, die Vermarktung eine andere. Anfangs habe man überlegt, Geld von den Zuschauern zu verlangen, davon sei man aber bald wieder abgekommen. Finanzieren soll sich das Portal über Werbeeinnahmen. „Ich bin sicher, dass auch die großen Marken irgendwann von TV in Richtung Internet verschieben werden“, sagt Wagner. So lange müsse man eben noch durchhalten. Und Eigenwerbung machen: „Wir kooperieren eng mit Netzwerken wie Myspace, Facebook, Twitter oder StudiVZ.“
Das wichtigste Marketingtool zum Bekanntmachen der einzelnen Serien sei zum Beispiel die Funktion „an einen Freund senden“. Ein großes Zukunftsthema sei die Mobilisierung der Inhalte. Kürze sei da noch wichtiger. „Herr der Ringe“ auf dem Handy funktioniere nun einmal nicht. Wer über ein internetfähiges Handy oder Smartphone verfügt, kann sich nun auch seine Clips unter http://m.3min.de herunterladen.
Robert Wagner will noch eine Menge über den Zuschauer erfahren. Darüber, ob er wirklich ganze Serien im Internet verfolgen will. Darüber, wann wer am liebsten „einschaltet“. „Das Internet soll das Fernsehen nicht ersetzen, sondern ergänzen“, sagt er und nimmt in Kauf, dass er von Kollegen schräg angeguckt wird. Der 39-Jährige selbst schaltet seinen Computer jedenfalls meist am späten Abend aus. Um sich dann in Ruhe eine seiner Lieblingsserien im TV anzuschauen, so richtig schön altmodisch.
Erschienen am 20.10.2009
















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