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01.10.09

Gesundheit

Tausende Arznei-Tests an ahnungslosen Patienten

Die Kassenärztliche Vereinigung schlägt Alarm: Immer mehr Ärzte werden von der Pharmaindustrie für zweifelhafte Studien mit ihren nichts ahnenden Patienten bezahlt: Pro Patient winken Honorare bis zu 1000 Euro. Verbraucherschützern zufolge drücken Hersteller auf diese Weise neue Medikamente auf den Markt.

© dpa
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Ärzte testen neue Arzneimittel immer öfter gegen Bezahlung an ihren Patienten. Extra-Honorare bis zu 1000 Euro an die Mediziner erhärten den Verdacht, dass es dabei nicht nur um die Sicherheit der neuen Mittel geht. Die Industrie steht im Ruf, die oft teuren Mittel auf Kassenkosten in den Markt drücken zu wollen. Verbraucherschützer fordern strengere Regeln.


Der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Carl-Heinz Müller, schlägt mit neuen Zahlen Alarm. In 85.000 Fällen hätten Ärzte im vergangenen Jahr an einer der 329 Studien teilgenommen, Mehrfachteilnahmen inklusive. 2009 sei die Zahl der teilnehmenden Ärzte noch um fünf Prozent gestiegen.


Viele solcher Studien hätten wohl vor allem das Ziel der Verkaufsförderung, sagte Müller der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Das ist nicht rechtens." Mindestens ein hoher zweistelliger Millionenbetrag soll als Extrahonorar an die Ärzte fließen.


Kaminstudien heißen solche Untersuchungen auch in der Branche - die Mediziner könnten die Bögen bequem abends im Sessel ausfüllen. "Für den Arzt ist es ein nettes Zubrot ohne großen Aufwand", kritisiert der Gesundheitsexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Stefan Etgeton.


Das Honorar von 10 bis 1000 Euro für jeden teilnehmenden Patienten steht nach Ansicht der Kritiker in keinem Verhältnis zum Wert der Studien. "Anwendungsbeobachtungen alten Stils haben keinen oder nur geringen wissenschaftlichen Wert."


51 eng bedruckte Seiten lang ist die Liste aktueller Anwendungsbeobachtungen. Verträglichkeit, Wirksamkeit, Anwendungsbreite sollen getestet werden. Oft sind Hunderte bis tausende Patienten über mehrere Jahre einbezogen - Kritiker warnen vor Lasten für die Beitragszahler und auch vor Nebenwirkungsrisiken.


"Hersteller drücken auf diese Weise neue Medikamente auf den Markt", sagt Etgeton. Auch der Vorstandschef der Kasse KKH-Allianz, Ingo Kailuweit, zweifelt den Nutzen an: "Schließlich sind zugelassene Arzneimittel bereits umfangreich geprüft und für wirksam befunden worden."


Die Hersteller verteidigen die Studien als unverzichtbar – auch nach der Zulassung seien neue Informationen nötig. Die Regeln seien bereits im Sommer vergangenen Jahres per Kodex der Freiwilligen Selbstkontrolle der Arzneimittelindustrie verschärft worden. "Damit sind überhöhte Vergütungen ausgeschlossen", versichert der für Forschung zuständige Geschäftsführer des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa), Siegfried Throm. Kassen und Verbraucherschützer fordern aber einen Neuanfang in dem Bereich.


"Heute wird den Patienten oft gesagt: Wir stellen das Medikament um, oder wir probieren mal etwas anderes aus", sagt Etgeton. "Das muss an eine Einwilligung des Patienten geknüpft werden", fordert er. "Wir erwarten von den Ärzten, dass sie selbstverständlich ihre Patientinnen und Patienten darüber informieren, wenn sie zu einem verordneten Medikament an einer Studie teilnehmen", fordert auch der Sprecher des Kassen-Spitzenverbandes, Florian Lanz. Bis dahin bleibt den Patienten nach Ansicht Etgetons nur eine Möglichkeit: "Bei der Umstellung auf neue Medikamente sollte man immer nach dem Grund fragen."


Die Antikorruptionsorganisation Transparency International Deutschland begrüßte den KBV-Vorstoß für mehr Aufklärung. Zuletzt hatten Ermittlungen gegen 480 Ärzte für Schlagzeilen gesorgt, die für Medikamenten-Studien Sachgeschenke angenommen haben sollen.

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Quelle: dpa/oc
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