Ernährung
Klimakochbuch - Brutzeln gegen die Erderwärmung
Die Ernährung wird in Bezug auf den Klimawandel unterschätzt: Oder hätten sie gewusst, dass mehr als 20 Prozent der globalen Treibhausgase direkt oder indirekt durch unser Essen verursacht werden. Das erste "Klimakochbuch" gibt jetzt Tipps, wie man klimafreundlich einkaufen und -kochen kann.
Von Lea Gerschwitz
In der Küche hinter der Theke brutzelt und zischt es. Der Dampf aus den Töpfen und Pfannen zieht über die Tische des kleinen Berliner Restaurants direkt in die Nasen der Gäste. "Mhmm", klingt es von einer der Sitzbänke und eine junge Frau kreist mit der Hand über ihren Bauch. Auch die restlichen Anwesenden der Probeverkostung scheinen hungrig zu sein – und neugierig.
Denn die Gerichte, die sie wenig später kosten werden, stammen alle aus dem bundesweit ersten Klimakochbuch, das jetzt erschienen ist. "Klimafreundlich einkaufen, kochen und genießen" versprechen die Herausgeber, die Jugend im Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUNDjugend).
"Was hat mein Mittagessen mit Öko-Politik zu tun?" fragt Rosine Schnitzer vom Vorstand der Jugendorganisation. Sie beantwortet die Frage gleich selbst: "Der Bereich der Ernährung wird in Bezug auf die Klimaveränderung unterschätzt. Dabei verursacht jeder Mensch pro Jahr auf diese Weise zwei Tonnen Kohlendioxid", erklärt Schnitzer.
An den globalen Treibhausgasemissionen habe das Essen einen Anteil von über 20 Prozent. Jeder Einzelne, so Schnitzler, könne etwas gegen die Erderwärmung tun, indem er bewusst einkaufe und esse. Neben der Auswahl der Lebensmittel gehöre dazu auch deren Zubereitung mit energieeffizienten Haushaltsgeräten.
Mit dem Einkauf von Bioprodukten und saisonalem Obst und Gemüse von regionalen Erzeugern ist es daher laut Klimakochbuch noch nicht getan. Gering verarbeitete Lebensmittel bevorzugen, beim Einkauf aufs Auto verzichten und mit Freunden kochen, um CO 2 zu sparen, sind weitere drei von zehn Tipps für eine "klimacoole Küche". Außerdem gibt es Hintergrundinformationen zum Thema Umweltschutz. So zeigt die "Klimazwiebel" die Emissionswerte von Spaghetti Bolognese an. Klimafreundlich mit Sojaschnetzel zubereitet lässt sich dabei über die Hälfte an Kohlendioxid einsparen. Ein Verzichtskochbuch sei die klimafreundliche Rezeptesammlung aber nicht, betont Christian Noll, Mitherausgeber des Klimakochbuchs und Energieeffizienzexperte beim BUND.
Das sechsköpfige ehrenamtliche Herausgeberteam des neuen Kochbuchs hat insgesamt 55 Gerichte gesammelt, aussortiert und verbessert. In einem offenen Verfahren konnten mögliche Rezepte eingeschickt werden. Die Finanzierung der ersten Auflage von 5.000 Stück hat zum größten Teil die Stiftung Aktion Mensch übernommen.
Koch Jan Lohr vom Berliner Catering-Unternehmen "Einhorn", das auch einige Rezepte zum Buch beigesteuert hat, steht hinter den Herdplatten und freut sich, sein Probiermenü ankündigen zu können: "Geflügelbrühe mit Gemüsekonfetti und Flädle, Salat mit Ziegenkäse, Leipziger Allerlei und Zander sowie ein Beeren-Crumble aus Himbeeren und Streuseln zum Nachtisch." Zwischendurch gibt es einen moosgrünen Löwenzahnsaft, der nach Orange schmeckt.
"Die Rezepte sollen helfen, kulinarische Neu- und Wiederentdeckungen zu machen", sagt Noll. Zusammen mit seinem Kollegen Boris Demrovski hatte er vor eineinhalb Jahren die Idee für das Projekt. "Vegan kochen ist ideal, aber das schmeckt nicht jedem", so Noll. Auch mit regionaler und saisonaler Küche könnten Transportkosten gespart und Treibhäuser vermieden werden. Das aber überfordere viele und Bioprodukte seien auch nicht für jeden erschwinglich, gibt der 30-Jährige zu bedenken. "Es müssen Kompromisse gemacht werden."
Das Kochbuch soll helfen, trotz dieser oft notwendigen Kompromisse möglichst sparsam zu kochen: "Es soll vor allem gezeigt werden, wie und wo man bei der Ernährung etwas für das Klima tun kann", erklärte Noll. So könne das durch Ökostrom gesparte Geld für bessere Lebensmittel ausgegeben werden. Das könne dann durchaus auch mal Wild sein, sagt der junge Mann in Jeans und weißem Hemd. Obwohl Fleisch neben Milch und Eiern das Klima besonders stark belaste. Ein weiterer Tipp: "Klasse statt Masse."
Das Kochbuch rät außerdem dazu, sich mehr Zeit zum Kochen zu nehmen: "Probier's mal mit Gemütlichkeit!" Yanna Josczok (25) und Josephine Pasura (19) haben das schon verinnerlicht. "So macht es viel mehr Spaß", sagt Josephine. Tiefkühlpizza komme bei ihr nicht mehr in den Backofen, ergänzt ihre Freundin. Die beiden haben beim BUND ein Freiwilliges Ökologisches Jahr gemacht und durften einige Rezepte schon in der Probephase testen. Sie sind immer noch begeistert: "Superlecker!"
Literaturtipp: "Das Klimakochbuch. Klimafreundlich einkaufen, kochen und genießen", Kosmos Verlag 2009, 12,95 Euro. (4714/10.09.2009)
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