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Abhängigkeit

Kaum einer kümmert sich um Onlinesüchtige

Neue Studien belegen, dass zwei Millionen Deutsche internetsüchtig sind – Tendenz stark steigend. Doch viele Betroffene nehmen das Thema nicht ernst. Bei einem Kongress in Berlin sprechen Experten über Ursachen, Folgen und Therapiemöglichkeiten für die neuen Junkies.

Das Internet steht im Mittelpunkt, alles andere wird ignoriert. Wie bei jeder anderen Sucht sehen viele ihre Abhängigkeit aber nicht ein
Foto: Okapia
Das Internet steht im Mittelpunkt, alles andere wird ignoriert. Wie bei jeder anderen Sucht sehen viele ihre Abhängigkeit aber nicht ein

Er kann nicht mehr. Er ist müde, hat Rückenschmerzen vom vielen Sitzen. Er würde raus gehen, skaten, Sport machen, spazieren, so wie früher. Aber das geht nicht mehr. Denn der 24-Jährige muss seine Sucht befriedigen. Er braucht keinen Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen. Sondern das Internet. „Es ist alles so ein beschissen großer Teufelskreis“, schreibt der anonyme User in Beitrag Nummer 139 im Forum von www.onlinesucht.de.

Über Menschen wie diesen sprechen Experten heute in Berlin. Beim Symposium der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) diskutieren Ärzte und Kommunikationswissenschaftler im Rahmen der DGPPN-Jahrestagung über Ursachen, Folgen und Therapiemöglichkeiten einer Onlinesucht. Die Erkenntnis, dass das Internet abhängig machen kann, ist nicht neu. Das Brisante, so die Forscher, sei derzeit eher die Ignoranz gegenüber der ernst zu nehmenden Problematik.

Denn die Anzahl der Süchtigen steigt, parallel dazu sind immer mehr User gefährdet. Rund 40 Millionen Deutsche sind vernetzt, etwa fünf Prozent davon sind mittlerweile süchtig. Zusätzlich stehen laut Untersuchungen der Berliner Humboldt Universität etwa zehn Prozent an der Schwelle zur Abhängigkeit. „Ein besonders hohes Risiko besteht bei männlichen Jugendlichen unter 20 Jahren“, erklärt Professor Dr. Karl F. Mann von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). Er ist auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie. Meistens gehe es um Online-Spiele, sagt er. „Auch Singles sind gefährdet, Männer wie Frauen. Sie werden süchtig nach den Möglichkeiten, unkompliziert potenzielle Partner im Netz kennen zu lernen.“

Was am Anfang unterhaltend und gesellig ist, wird vielen zum Verhängnis. Gabriele Farke setzt sich seit Anfang des Jahres intensiv mit dem Thema auseinander, gründete im Januar den Verein „Hilfe zur Selbsthilfe bei Onlinesucht e.V.“. Sie erklärt: „Es ist wie bei jeder anderen Sucht. Der Übergang ist fließend, der Betroffene merkt nicht, dass er plötzlich abhängig ist und würde es auch nie zugeben. Er flüchtet vor der Realität.“

Wann ist man denn abhängig?

„Wer 35 Stunden in der Woche privat surft, gilt schon als süchtig. Das sind aber bei den richtigen Junkies bloß Peanuts“, so Farke. Über 100 Stunden sind bei vielen die Regel. Die Betroffenen vergessen zu essen, zu trinken oder sich zu Waschen. Und denken nur noch an ihren Computer. „Das soziale Umfeld zerbricht, der Job ist in Gefahr, die Gesundheit leidet.“ Denn wer die meiste Zeit am Bildschirm verbringt, wird krank: Mit Kopf- und Rückenschmerzen geht es los, psychische Störungen folgen. Das Problem: Als Krankheitsbild ist Onlinesucht in hierzulande noch nicht anerkannt. „Die Vorwürfe, die man Onlinesüchtigen machen kann, sind einfach nicht so greifbar wie bei anderen Suchtformen.“

In den USA ist die Sucht längst bekannt. In Deutschland spezialisieren sich Therapeuten aber erst allmählich auf das Phänomen. „Viele Betroffene denken nicht daran, zum Arzt zu gehen“, sagt Farke. „Dabei ist das oft die einzige Möglichkeit, den Drang zu bekämpfen.“ Denn hinter einer Internet-Sucht verbergen sich meist Identitätsprobleme, Depressionen und Angststörungen.

Und genau diese Hintergrundprobleme versuchen Psychologen in Therapien zu ergründen und anschließend zu behandeln. Es werden Alternativen zum Internet geschaffen – die Patienten müssen auch außerhalb der virtuellen Welt Bestätigung finden. Eine Methode sind auch Verträge, die die Ärzte mit den Süchtigen abschließen: Hier werden bestimmte Online-Zeiten festgelegt, die eingehalten werden müssen. In schlimmen Fällen hilft nur das, was die Experten „kalten Entzug“ nennen: Die Patienten werden zurück in das reale Leben geholt, indem sie mehrere Wochen offline sind.

Zurück zum Forum. Der Eintrag, der verzweifelt beginnt, endet in absoluter Hilflosigkeit. Ohne ein Licht am Ende des Tunnels. Der Autor schreibt: „Es kommt mir wie ein Albtraum vor, als wär das nicht wahr, was ich da täglich ,ablebe’. MfG.“ Es folgt Freiraum auf der Seite. Und schwups, ist der User wieder in den Weiten des Webs verschwunden.

Hier gibt es Hilfe

Der Verein „Hilfe zur Selbsthilfe bei Onlinesucht e.V.“ (HSO) vermittelt Therapeuten für Süchtige in ganz Deutschland. Informationen gibt es unter www.onlinesucht.de



Erschienen am 23.11.2007

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