22.02.13

Psychologie

Wie Frauen eine Schwangerschaft verdrängen können

Dass Frauen eine Schwangerschaft vor sich selbst verleugnen, passiert häufiger als die Geburt von Drillingen: Sie gehen mit Unterleibsschmerzen ins Krankenhaus und kommen mit einem Baby wieder hinaus.

Von Barbara Driessen
Foto: picture-alliance

Frauen, die nicht schwanger sein wollen, finden für alles eine Erklärung. Körperliche Veränderungen werden einfach umgedeutet
Frauen, die nicht schwanger sein wollen, finden für alles eine Erklärung. Körperliche Veränderungen werden einfach umgedeutet

Die junge Frau lässt sich mit starken Unterleibsschmerzen in ein Krankenhaus bringen. Sie ist davon überzeugt, dass es der Blinddarm ist. Der behandelnde Arzt macht eine Ultraschalluntersuchung und stellt dabei verblüfft fest: Die Patientin ist hochschwanger, die Geburt steht kurz bevor. Bei den vermeintlichen Bauchschmerzen handelt es sich um Geburtswehen. Doch wie kann das sein? Wie ist es möglich, dass Frauen über viele Monate oder sogar bis zum Schluss ihre Schwangerschaft nicht bemerken?

Die Frauen verdrängen die Schwangerschaft unbewusst, haben Psychiater und Gynäkologen herausgefunden. Das Phänomen ist gar nicht so selten: Nach einer Berliner Studie aus dem Jahr 2007 wird eine von 475 Schwangerschaften erst nach der 20. Schwangerschaftswoche bemerkt. Dass die werdenden Mütter sogar bis zur Geburt nichts ahnen, trifft demnach auf eine von rund 2500 Schwangerschaften zu.

"Unterleibsschmerzen" entpuppen sich als Baby

"Das kommt deutlich häufiger vor als etwa eine Drillingsgeburt", sagt der Berliner Gynäkologe und Psychotherapeut Peter Rott. Er hat es mehrmals selbst erlebt, dass Patientinnen mit "Unterleibsschmerzen" ins Krankenhaus kamen und es mit einem Baby im Arm wieder verließen.

Doch was ist mit all den typischen Anzeichen, die doch normalerweise auf eine Schwangerschaft hindeuten? Wie zum Beispiel die ausbleibende Periode? "Blutungen können auch während der Schwangerschaft auftreten", meint Rott dazu. "Außerdem berichten solche Frauen oft, schon immer einen unregelmäßigen Zyklus gehabt zu haben."

Den wachsenden Bauch erklären sie sich damit, einfach zu viel gegessen zu haben. Zudem seien Babys in verleugneten Schwangerschaften ohnehin oft kleiner, meint Rott: "Weil sie nicht wissen, dass sie schwanger sind, rauchen die Frauen, schonen sich nicht ausreichend oder ernähren sich nicht richtig, sodass das Kind weniger wächst." Viele machen sogar eine Diät, um die zusätzlichen Pfunde wieder loszuwerden. Die Bewegungen des Kindes erklären sie sich mit Bauchgrimmen oder Darmbewegungen.

"Gründe kann es viele geben"

"Die Frau will nicht schwanger sein. Dementsprechend findet sie für alles eine Erklärung und deutet ihre körperlichen Veränderungen um", urteilt der Experte.

Die Frauen befinden sich oft in einer Belastungssituation – die Schwangerschaft ist das letzte, was sie nun gebrauchen können. Gründe kann es viele geben, etwa, wenn die Frau kurz vor der Trennung steht, wenn es beruflich nicht passt oder sie noch in der Ausbildung steckt. "Dann setzen psychische Abwehrmechanismen ein", erläutert Rott: "Das kennen wir alle aus anderen Situationen: Wir begegnen etwas sehr Unangenehmen und verdrängen es, um uns vor schmerzlichen Empfindungen zu schützen."

Die Frauen kommen aus allen Gesellschaftsschichten und Altersgruppen. "Sie sind vor den Schwangerschaften nicht psychisch auffälliger als andere, sind nicht häufiger allein lebend, haben meistens einen Beruf und sind sozial integriert", sagt die Psychiaterin Christiane Hornstein.

Höheres Risiko für das Baby

Tendenziell handele es sich aber um sehr konfliktscheue Frauen, die Angst davor hätten, von ihrem Partner verlassen zu werden. Hornstein leitet die Mutter-Kind-Station der Klinik für Allgemeinpsychiatrie am Psychiatrischen Zentrum Nordbaden in der Nähe von Heidelberg. Dort betreut sie regelmäßig Frauen, die eine Schwangerschaft verleugnen und nun Schwierigkeiten mit ihrer Mutterrolle haben oder an einer postnatalen Depression leiden.

In der Therapie versucht Hornstein, die Bindung zwischen Mutter und Kind zu stärken und die Frauen dabei zu unterstützen, auch positive Gefühle wahrzunehmen. "Wichtig ist auch, den Frauen dabei zu helfen, ein soziales Netzwerk aufzubauen, in dem sie Unterstützung finden", sagt Hornstein. Die Väter werden dabei mit einbezogen.

Verleugnete Schwangerschaften gehen mit einem deutlich höheren Risiko für das Baby einher. So verpasst die werdende Mutter wichtige Vorsorgeuntersuchungen, raucht gegebenenfalls weiter und trinkt Alkohol. Verdrängt sie die Schwangerschaft bis zum Ende, kann es sogar vorkommen, dass sie das Kind ohne Hilfe allein zur Welt bringt, oft unter traumatischen Umständen.

Keineswegs schlechtere Mütter

"Es gibt eine deutlich erhöhte Rate von Neonatizid", erläutert Hornstein. Dabei tötet die Mutter das Neugeborene in einer extremen Stress- und Panikreaktion nach der plötzlich erlebten Geburt. Andere Frauen sind so überfordert, dass sie das Kind aussetzen.

Doch generell müssen Frauen nach verleugneten Schwangerschaften keineswegs schlechtere Mütter sein. Wie sie nach der Geburt zurechtkämen, hänge von ihrer emotionalen und psychischen Reife ab, meint Peter Rott: "Meistens sind die Kinder nicht schlechter dran als andere, vor allem dann, wenn die Mütter Unterstützung erfahren."

Quelle: epd
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