21.02.13

Onkologie

Studie entlarvt Missstände in der Krebsversorgung

In Deutschland gibt es zunehmend mehr Krebspatienten, doch die Zahl der entsprechenden Fachärzte sinkt. Wird nicht bald ein neues Konzept entwickelt, droht ein Versorgungsnotstand in der Krebsmedizin.

Foto: Infografik Die Welt

Frauen erkranken besonders häufig an Brust-, Lungen- und Darmkrebs

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Die Bilanz ist eigentlich offensichtlich: Fakt ist, dass die Deutschen immer älter werden. Fakt ist ebenso, dass das Risiko für Krebserkrankungen mit dem Alter ansteigt. Gesundheits-Experten erwarten deshalb schon lange eine deutliche Zunahme von Krebspatienten in Deutschland. Ihre Prognose fiel bisher allerdings recht vage aus. Denn konkrete Zahlen und Daten fehlten schlichtweg.

Zumindest bis jetzt. Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) in Berlin hat am Donnerstag eine Studie zur Entwicklung von Krebserkrankungen in Deutschlandvorgestellt. Das Institut für Community Medicine der Universität Greifswald hat dafür jede Region der Bundesrepublik einzeln untersucht.

Dadurch werden nicht nur regionale Unterschiede bei der Zunahme von Krebserkrankungen, sondern auch Defizite in der medizinischen Versorgung entlarvt. Die Daten sollen bei der bedarfsgerechten Planung helfen.

Planung ist eigentlich längst überfällig. Denn schon im Jahr 2020 wird ein Viertel aller Onkologen und Hämatologen mindestens 65 Jahre alt sein. Auch das konnte die Studie zeigen. Gleichzeitig wird die Nachfrage nach Spezialisten steigen. Durch die Zunahme an Krebserkrankungen werden sechs bis 25 Prozent mehr ausgebildete Fachärzte benötigt, je nach Bundesland.

Engpass in der Krebsversorgung

Werden nicht deutlich mehr Spezialisten ausgebildet, dann drohe schon bald ein Engpass in der Krebs-Versorgung. "Es ist davon auszugehen, dass wir einen erheblichen Mangel an Nachwuchs in der Onkologie haben werden. Deswegen müssen bereits jetzt neue Konzepte gefunden werden, die diesen Mangel abdämpfen können", sagt Mathias Freund, neuer geschäftsführender Vorsitzender der DGHO.

Insgesamt müssten wir im Jahr 2020 mit etwa 14 Prozent mehr Neuerkrankungen als noch im Jahr 2008 rechnen. Etwa 67.000 Patienten mehr sollen jedes Jahr hinzu kommen. Schuld ist eine stetig steigende Lebenserwartung.

"Jedes Jahr gewinnt jeder Bundesbürger circa drei Monate an Lebenserwartung", sagt Wolfgang Hoffmann, Leiter des Instituts für Community Medicine. Während der zusätzlichen Lebenszeit sammeln sich zunehmend mehr Schäden im Erbgut von Stammzellen an. Und die können dann irgendwann zu Krebs führen.

Mehr Brust- und Prostata-Krebs

Allerdings werden nicht alle Krebserkrankungen gleichermaßen durch die steigende Lebenserwartung begünstigt. Manch eine Tumorart ist im Alter nämlich deutlich häufiger als eine andere.

Bei den Männern gehören zu diesen Krebsarten vor allem Prostata-, Darm- und Lungenkrebs. Konkret heißt das: Jedes Jahr 12.100 mehr Prostatakrebs-Patienten, 7900 mehr Darmkrebs-Patienten und 6400 mehr Lungenkrebs-Patienten – und das nur bei den Männern.

Bei den Frauen führt Brustkrebs das traurige Ranking an. Die Berechnungen ergaben für diese Krebsart 5500 mehr Neuerkrankungen pro Jahr. Doch auch Darm- und Lungenkrebs werden bei den Frauen zunehmen, wenn auch in geringerem Ausmaß. Jedes Jahr werden 4100 mehr Frauen an Darmkrebs und 1700 mehr Frauen an Lungenkrebs erkranken.

Regionale Unterschiede

All diese Zahlen wurden auf Basis der demografischen Entwicklung Deutschlands berechnet. Die prognostizierten Krebsdaten sind direkt vor der Alterstruktur einzelner Regionen abhängig. "Die Bevölkerung altert in manchen Regionen Deutschlands besonders stark. In diesen Regionen werden auch verhältnismäßig mehr Krebserkrankungen als im Rest der Republik vorkommen", erklärt Hoffmann.

Andere Faktoren, wie Beispiel der Einsatz neuer Behandlungsverfahren und die Zunahmen einzelner Krebserkrankungen aus den letzten Jahren, sind dagegen nicht in die Berechnungen mit eingeflossen.

Um welchen Faktor genau die Patientenzahlen bis 2020 ansteigen werden, kann deshalb auch jetzt noch niemand sagen. Die Experten befürchten allerdings eher eine Unter- als eine Überschätzung der Krebserkrankungen.

Nicht so teuer wie befürchtet

Immerhin eine positive Nachricht gibt es: Die Behandlung der zusätzlichen Krebspatienten soll weniger Geld kosten als ursprünglich befürchtet – auch wenn die zusätzlichen Kosten im ersten Moment trotzdem hoch erscheinen mögen. 1,7 Milliarden Euro mehr soll allein die Versorgung der Krebserkrankten bis zum Jahr 2020 kosten.

Verglichen mit den bisherigen Gesundheits-Ausgaben ist das allerdings gar nicht einmal soviel. Die direkten Kosten für Krankheiten lagen im Jahr 2008 bei 254 Milliarden Euro. Das sind 35,5 Milliarden Euro mehr als noch im Jahr 2002.

Zunehmend ambulante Therapien

Die Krankheitskosten nehmen also weiter zu – im ambulanten Sektor allerdings stärker als im stationären. Zwischen 2002 und 2008 stiegen die Kosten für ambulante Behandlungsmaßnahmen um 52 Prozent, jene für stationäre Behandlungen dagegen um 31 Prozent.

Die Zahl der Patienten mit ambulant durchgeführten Krebstherapien hätte in dem genannten Zeitraum stärker zugenommen, als es allein durch die zunehmende Alterung der Bevölkerung zu erklären sei. Zunehmend mehr Behandlungen würden mittlerweile auf ambulanter Ebene wahrgenommen werden.

Stattdessen gibt es wohl einen ganz anderen, eher unerwarteten Missstand in der Krebsbehandlung. Die Experten stellten bei ihren Berechnungen überraschenderweise fest, dass anteilsweise weit weniger ältere Patienten eine medikamentöse Tumortherapie erhalten als Patienten unter 60 Jahren.

Fehlende Studiendaten

Eine medizinische Begründung gäbe es für diese Unterscheidung nicht. "Viele Ärzte wissen leider nicht, wie sich die medikamentöse Tumortherapie auf einen älteren Patienten mit vielen Begleiterkrankungen auswirkt. Dazu fehlen bisher leider aussagekräftige Studien", sagt Freund.

Schuld sei daran vor allem die Auswahl der Studienteilnehmer. Medikamentenstudien würden meist mit jüngeren Probanden durchgeführt. "Die tatsächlichen Krebspatienten, denen der Arzt in seiner Praxis begegnet, sind meist sehr viel älter. Dementsprechend haben viele von ihnen Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck", sagt Freund.

Die Experten sind sich einig: Auch hier bedarf es eines Umdenkens. Zukünftige Studien müssten ältere Patienten mit Begleiterkrankungen stärker berücksichtigen.

Bessere Studien, eine flächendeckende Versorgung und eine effiziente Nachwuchs-Förderung – all diese Vorhaben sind längst überfällig. Denn auch hier ist die Bilanz nicht schwer zu ziehen: Geschieht weiter viel zu wenig, dann droht Deutschland schon bald ein Versorgungsengpass in der Krebsmedizin.

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    Krebs führt die Rangliste der Krankheiten an, vor denen die Deutschen am meisten Angst haben. Von 3000 Befragten fürchteten sich 73 Prozent am meisten vor bösartigen Tumoren. Erst danach folgten Unfälle und Demenzerkrankungen. Das ergab eine Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK.  Dabei haben es viele selbst in der Hand, etwas gegen die Angst und den Krebs zu tun

  • Platz 1: Rauchen

    23 Prozent der Krebserkrankungen bei Männern und rund 16 Prozent bei Frauen sind auf Tabakgenuss zurückführen.

  • Platz 2: Falsche Ernährung

    9 Prozent aller Krebsfälle wären vermeidbar, wenn die Menschen auf die Ernährung achten würden.

  • Platz 3: Übergewicht

    Übergewicht und Fettleibigkeit sollen 5,5 Prozent aller Krebsarten ausmachen.

  • Weitere Auslöser

    Mangelnde Bewegung, Sonnenlicht, Infektionen und Berufsrisiken sind weitere Punkte, die das Risiko für eine Krebserkrankung begünstigen, jedoch zum Großteil beeinflussbar sind.

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