18.02.13

Meteoriten-Einschlag

"Wir haben die Mächtigkeit der Natur vergessen"

Der Meteoriten-Einschlag hat viele Menschen an die Atomkatastrophe von "Majak" 1957 in der gleichen Region erinnert. Damals trat viel Radioaktivität aus. Das hätte auch jetzt passieren können.

Foto: AP

Aufräumen in Tscheljabinsk nach dem Meteoriten-Einschlag: Eine Frau inspiziert den Schaden an ihrem Haus
Aufräumen in Tscheljabinsk nach dem Meteoriten-Einschlag: Eine Frau inspiziert den Schaden an ihrem Haus

Die Fassaden der Wohnhäuser am Lenin-Prospekt, der zentralen Straße von Tscheljabinsk, glänzen mit Dutzenden nagelneuen Fenstern. Sie wurden erst am Wochenende eingebaut. Am Freitag lagen hier überall Scherben. Die Druckwelle des Meteoriten, der im russischen Ural-Gebiet eingeschlagen ist, ließ Tausende Fenster platzen. Weiter vom Zentrum entfernt sieht man immer häufiger kaputte Balkonverglasung, viele Fenster sind noch mit Folie zugeklebt und mit Stoff abgedichtet.

Das Wetter im Ural ist ungewöhnlich mild, minus sechs Grad tagsüber, aber nachts werden es immer noch minus 15 Grad Celsius. In der Nacht nach dem Meteoriteneinschlag fielen die Temperaturen hier auf minus 20 Grad.

Der Bürokaufmann Wladimir Malow hat am Wochenende die Fenster im Kindergarten repariert, den seine fünfjährige Tochter besucht. Ihm und anderen Eltern wurde gesagt, dass sie nicht auf Hilfe von Behörden warten, sondern lieber gleich selbst zupacken sollten. Zum Glück wurde niemand von den Kindern verletzt. "Ich glaube, wir haben wirklich Glück gehabt", sagt Malow. "Ich will mir gar nicht vorstellen, was wäre, wenn dieser Meteorit größer gewesen wäre oder irgendwo in der Stadt explodiert hätte."

Laut Angaben der Stadtverwaltung ist ein Drittel der Fenster in Tscheljabinsk am Wochenende nach dem Meteoriten-Einschlag repariert worden. Bis zum Ende der Woche soll auch der Rest erledigt sein. Nach den letzten Angaben wurden knapp 5000 Häuser getroffen, davon etwa 3700 Wohnhäuser. Um bei der Reparatur auszuhelfen, trafen aus den Nachbarregionen in Tscheljabinsk Handwerker ein, auch mit Fensterglas halfen sie aus. Das Glas ist hier trotzdem knapp, der Preis ist inzwischen um das Anderthalbfache gestiegen. Auch Sperrholz ist in den Baumärkten vergriffen.

"Das ist ein Terroranschlag"

Rund 1200 Menschen wurden am Freitag bei dem Einschlag verletzt, die meisten von ihnen haben Schnittwunden. Noch immer werden 40 Menschen in Krankenhäusern behandelt, wie etwa Grigori Senjutin, er hat eine Gehirnerschütterung. Der 17-Jährige studiert Pharmazie und saß am Freitagmorgen im Seminarraum, als grelles Licht den Himmel erhellte. Im ersten Moment waren alle überrascht, dann ging der Unterricht einfach weiter.

Doch ein paar Minuten später wackelte das Gebäude, es knallte. Senjutin flog anderthalb Meter von seinem Stuhl, ein Fensterrahmen fiel ihm auf den Kopf. "Mein erster Gedanke war: Das ist ein Terroranschlag", sagt er. Die Studenten liefen in Panik auf die Straße. Alle versuchten, ihre Freunde und Verwandte in anderen Stadtteilen anzurufen, doch Mobilfunknetze brachen zusammen.

Die Kraft der Druckwelle, die durch Tscheljabinsk ging, wird beim Anblick des Lagers der Zinkfabrik deutlich. Es sieht so aus, als hätte hier eine Bombe eingeschlagen. Das Dach ist eingestürzt, die Betonpfähle zerstört, Bruchstücke von roten Ziegelsteinen liegen herum. Im Gebäude der Lack- und Farbenfabrik auf der anderen Straßenseite sind die Rahmen verkrümmt. Die Druckwelle traf einige Stadtteile mehr als die anderen. Am stärksten wurden alte Gebäude und Häuser mit einer breiten Fensterfront beschädigt.

Gerüchte über erhöhte Radioaktivität

Gleich nach der Explosion, als es noch keine Erklärungen gab, dachten viele eher an eine militärische oder technische Katastrophe als an ein seltenes Naturphänomen. "Die Erinnerungen an die Nuklearkatastrophe von 'Majak' sind den Einwohnern von Tscheljabinsk noch immer in lebendiger Erinnerung", sagt Wladimir Speschkow, Redakteur einer lokalen Zeitung.

Beim Atomkombinat "Majak" im Gebiet Tscheljabinsk kam es 1957 zu einer Explosion, hohe Radioaktivität wurde freigesetzt. "Majak" ist immer noch in Betrieb, nach Behördeninformationen sei es von der Druckwelle nicht getroffen worden, genauso wie alle anderen Nuklearanlagen der Region. Die Gerüchte über erhöhte Radioaktivität wurden dementiert.

Ein Bruchteil des Meteoriten soll laut russischer Wissenschaftler 80 Kilometer weit von der Stadt in den See Tschebarkul gefallen sein. Dort fand man ein Eisloch und Dutzende kleine Steinfragmente, alle nur wenige Millimeter groß. Im Labor der Universität Jekaterinburg hat man sie untersucht und ist zu dem Schluss gekommen, dass es sich um Teilchen aus dem All handelt. "Dieser Meteorit gehört zur Klasse regulärer Chondriten", erklärte die Universität in einer Pressemitteilung. Er soll voraussichtlich als "Meteorit von Tschebarkul" getauft werden.

"Was sind schon zerbrochene Scheiben?"

Der Stein habe einen Eisengehalt von rund zehn Prozent, außerdem enthalte er Chrysolit und Sulfit. Es wird vermutet, dass der größte Bruchteil des Steins noch auf dem Boden des Sees liegt. Allerdings haben Taucher, die am Samstag mehrere Stunden lang den See untersuchten, nichts gefunden.

Nach den Einschätzungen der Nasa hatte der Himmelskörper einen Durchmesser von 15 bis 17 Meter, als er in die Erdatmosphäre raste. Seine Geschwindigkeit wird dabei auf 64.000 Stundenkilometer geschätzt. In der Atmosphäre ist der Großteil des Steins verglüht und verdampft. Laut Nasa soll die in der Atmosphäre freigesetzte Energie der Meteoritenexplosion etwa 30 Mal höher gewesen sein als die Sprengkraft der Atombombe von Hiroshima.

"Wir haben vergessen, wie mächtig die Natur sein kann", sagt Wladimir Malow. "Dagegen sind wir einfach schutzlos." Vor allem in der industriellen Region Tscheljabinsk, in der mehrere Chemiefabriken, Nuklearanlagen und militärische Objekte konzentriert sind, hätten die Folgen fatal sein können. "Was sind dagegen die zerbrochenen Scheiben?", sagt Malow.

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Himmelskörper erklärt
  • Meteoriten

    Bei Meteoriten handelt es sich um nicht vollständig verglühte kosmische Brocken, die auf der Erde einschlagen. Diese Trümmer aus dem Weltall können von Kometen, Asteroiden oder anderen Planeten abgesprengt worden sein.

  • Meteor oder Sternschnuppe

    Die Leuchterscheinung am Himmel wird dagegen Meteor oder Sternschnuppe genannt. Sie wird außer von Meteoriten auch von vollständig verglühenden Partikeln aus dem All verursacht.

  • Boliden

    Sternschnuppen können gut am klaren Nachthimmel beobachtet werden, sehr selten sind sie aber auch tagsüber zu sehen. Sie treten nicht nur sporadisch auf, sondern auch in Schwärmen wie die Lyriden oder die Perseiden. Auch besonders helle Objekte – sogenannte Boliden oder Feuerkugeln – sind keine Seltenheit.

  • Kometen

    Wie „schmutzige Schneebälle“ bestehen Kometen aus Eis, das mit Mineralien vermischt ist. Ebenso wie die Erde sind sie vor vier bis fünf Milliarden Jahren aus einer kosmischen Staubwolke entstanden. Kometen bewegen sich auf einer meist elliptischen Umlaufbahn um die Sonne. Sie enthalten die ursprüngliche Materie in tiefgekühltem Zustand und sind für die Wissenschaft daher besonders interessant. Ihre Größe kann zwischen einigen hundert Metern und mehreren Kilometern Durchmesser liegen.

    Sichtbar werden die durchs All rasenden Eis- und Gesteinsbrocken erst, wenn sie in den Bereich der inneren Planeten vordringen, näher an die Sonne herankommen und dann erwärmt werden. Die hierdurch freigesetzten Gase und die von ihnen mitgerissenen Staubteilchen lassen sie am Himmel nebelartig und verwaschen erscheinen. Häufig sind sie mit einem langen, leuchtenden Schweif versehen. Viele Kometen sind per Fernrohr, nur wenige mit bloßem Auge sichtbar.

  • Und nun die Zahlen

    Pro Jahr erreichen nach Expertenschätzungen mehr als 19.000 Meteoriten von einer Masse über 100 Gramm die Erdoberfläche und hinterlassen bei einem Einschlag zum Teil tiefe Krater. Die meisten dieser Himmelskörper stürzen aber ins Meer oder auf unbewohntes Gebiet. Hobby-Astronomen haben nur alle paar Jahre die Chance, einen der bis zu 180.000 Stundenkilometer schnellen Meteoriten am Himmel zu beobachten. Der bislang größte Meteorit wurde 1920 in Namibia gefunden, der Eisenmeteorit wiegt etwa 55 Tonnen. dpa

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