10.02.13

Bordelle in Nevada

Wo der Wilde Westen seine Lust befriedigt

Sie heißen "The Bunny Ranch" oder "Wild Horse Resort" und sehen aus wie ganz normale Farmen. Doch hinter der Fassade tut sich eine Welt aus Plüsch, verruchten Accessoires und perversen Fantasien auf.

Foto: Marc McAndrews

Im Mittelpunkt der Bilderserie stehen die Prostituierten. McAndrews gibt ihnen breiten Raum und zeigt dabei Frauen, die sich meist stolz und selbstbewusst an ihrem Arbeitsplatz präsentieren. Die sich zwar verkaufen, aber dennoch stets versichern, was sie wert sind.

13 Bilder

Simone schaut in den Spiegel. Einen Finger lasziv an die Lippen gelegt, spielt sie mit der Kamera, ihr pralles Dekolleté von einem Hauch aus Stoff gerahmt. Ihr Arbeitsplatz liegt direkt an der Route 160, die von Las Vegas ins Wüstenkaff Pahrump führt. Simone ist Hure. Sie arbeitet auf Donna's Ranch, einem der wenigen legalen Bordelle Amerikas, mitten in der staubigen Einöde Nevadas. Der Himmel ist hier so blau und weit, dass er ein Versprechen sein könnte.

Der Fotograf Marc McAndrews stellt Simone und andere Prostituierte in den Mittelpunkt seines Bildbandes "Nevada Rose". In leuchtenden Farben und mit präzisem Blick zeigt er selbstbewusste, hart arbeitende Frauen, die sich in einer Normalität als Sexverkäuferinnen eingerichtet haben. Zugleich dokumentiert McAndrews das Freudenhaus als amerikanischen Mythos, wo Religion, Selbstbewusstsein und Kapitalismus auf theatralische Art zusammenfallen und das verfassungsgemäß garantierte Glückssversprechen auf eine schnelle Nummer schrumpft.

Die zahlreichen Vergnügungshäuser, die in Nevada unter dem Schutz des Gesetzes stehen, haben wenig Faszinierendes. Sie sind meist aus Holz, heißen "The Bunny Ranch", "Wild Horse Resort" oder "The Black Pearl" und vermitteln den Charme eines billigen Provinz-Motels. Man käme kaum auf die Idee, dass neben den trockenen Pisten der Route 160 feuchte Träume wahr werden. Flirrend heiß ist hier einzig der Asphalt.

Familiäre Atmosphäre

Das Besondere an diesen Bordellen ist das in ihrer persönlichen Einrichtung zu entdeckende Bemühen, eine familiäre Atmosphäre zu schaffen und den Freiern ein individuell gestaltetes Refugium zu bieten.

Da gibt es den gemütlichen Kamin, die schweren Polstersessel und die pseudo-viktorianischen Tapeten an den Wänden der Anbahnungsräume, die das gediegene Ambiente gehobener Wild-West-Bordelle aufgreifen.

Mit den fast nachbarschaftlich anmutenden Arrangements der "Ranches" soll der kommerzielle Charakter des Beischlafs überdeckt werden. Gemütlich muss es sein, fast wie zu Hause. Bloß kein Standard-Etablissement, wo der ehrlich schuftende Farmer sich vorkäme wie beim Wasserkauf im Wal-Mart.

Die Kunden, die auf den Bildern zu sehen sind, passen ohnehin nicht recht zum Demimonde-Milieu. Es sind ältere, zum Teil gebrechliche Männer, eher auf der Suche nach Geborgenheit und Erleichterung als auf der Jagd nach bizarren Praktiken.

Imaginationsraum sexuellen Begehrens

Aber es gibt hier auch die Schampus-Theken, die Bankautomaten und einarmigen Banditen. Auf subtile Weise verschmelzen in diesen überladenen Bereitschaftshäusern knallhartes Geschäft, strukturierende Rituale und eine seltsame Inszenierung von Intimität zu einem ausufernden Imaginationsraum sexuellen Begehrens.

Allerdings sind der Fantasie, wie bei jeder gewinnorientierten Dienstleistung, ganz profane Grenzen gesetzt. Eines der Bilder zeigt ein Regalbord mit einer Reihe Eieruhren darauf. Ein für die Prostituierten unverzichtbares, wenn auch wenig stimulierendes Hilfsmittel, bestellte Arbeitsstunden präzise abzurechnen. Höhepunkt ist, wenn's klingelt. Ob die Eier dann hart sind oder nicht.

Mit ironisch-distanziertem Blick für die Details stellt Fotograf Marc McAndrews das Bordell als verbotenen und doch ganz alltäglichen Arbeitsplatz aus, mit all den Insiginien einer institutionellen Beschäftigungsumgebung. Er zeigt uns die Bordelle bevor der Betrieb erwacht und entdeckt dabei menschenleere Interieurs, die viel über das, was in ihnen vorgeht, erzählen.

Im Schliss der Barhocker oder einem schief hängenden Wandgemälde steckt das Echo von hundertfacher Anbahnung und Vollzug nach den immergleichen Mustern und Preisen.

Selbst ernannter "Zuhälterkönig Amerikas"

Es ist dieser diagnostische Blick der Kamera, der in die gelungene Inszenierung käuflicher Liebe eindringt und auf das Missverhältnis von sexuellem Verlangen und sexueller Unterdrückung verweist, ohne das erfolgreiche Sexarbeit gar nicht möglich wäre.

Fünf Jahre hat Mc Andrews die Bordelle in der Wüste um Las Vegas immer wieder besucht, auf 33 dieser "Ranches" durfte er Aufnahmen machen. Eine davon, die "Bunny Ranch" in der Nähe von Carson City, wurde zum Schauplatz der dokumentarischen HBO-Serie "Cathouse".

Dennis Hof, der Besitzer der Ranch, spielt die Hauptrolle, ein erfolgreicher Unternehmer und selbst ernannter "Zuhälterkönig Amerikas". Hof hat eine Vorliebe für dicke Zigarren, schmückt sich gerne mit Porno-Sternchen und praktiziert Beischlaf angeblich ausschließlich mit Huren. Ein skurriler Clown mit feistem Redneck-Gesicht.

Tatsächlich repräsentiert dieser Mann die mythische Figur des amerikanischen Kapitalismus: den Selfmade-Millionär. Ganz egal, mit welchen Mitteln der Erfolg erzielt wurde. Die Moral lässt sich ja notfalls verdoppeln, der unangenehmere Teil verdrängen. Nicht umsonst findet man die Nevada-Bordelle weit draußen in der Wüste – vom puritanisch lauteren Part der Gesellschaft abgeschieden. Diesen gut integrierten Widerspruch bildet Mc Andrews Band ebenfalls ab.

Von Religion und Gewalt geprägte Triebkultur

Vielleicht hat die Soziologin Patty Kelly recht, wenn sie das "Bordell als letzten ehrlichen Arbeitsplatz Amerikas" betrachtet. Im Freudenhaus kommt Amerika quasi ganz zu sich. Der Wüsten-Puff fungiert als Resonanzraum einer sehr speziellen, von Religion und Gewalt geprägten Triebkultur, er ist seit jeher der Rückzugsraum sittlicher Grenzerfahrung. Die Nevada-Bordelle sind nur Wiedergänger jener Orte, die im Alten Westen einen zentralen Teil der Town-Gemeinschaft bildeten: der Saloons mit angeschlossenem Bordell.

Ein Bild zeigt Hof in Pascha-Pose im Schankraum seines Etablissements sitzen, umgeben von der leicht bekleideten Schar seiner Angestellten. In dieser Aufnahme spiegelt sich eine Figur aus einer anderen HBO-Serie: Al Swearengen, der wortgewaltige, ebenso fürsorgliche wie zynische Puff-Besitzer aus "Deadwood".

Sein Motto: "Übe Nachsicht mit jenen, die ihr Leben für eine Pussy geben würden" - und nimm ihnen jeden Dollar ab. 1876, in einer Zeit von Anarchie, Gewalt und Überlebenskampf, ist Swearengen der Monopolist der Befriedigung. Seine Prostituierten sind mehr Pflegerinnen als Liebesdienerinnen, immer da, die geschundene Siedler-Seele zu kurieren.

Huren als Schutzheilige der Pioniere

Die Stadt "Deadwood" ist historisch verbürgt, die Funktion der Hure im Wilden Westen auch. Früher, als die Planwagen noch durch die Prärie rollten und Grenzen mit dem Colt gezogen wurden, hießen Frauen wie Simone zwar "soiled doves", "schmutzige Täubchen", waren aber weit mehr als Lustobjekte. Huren galten als Schutzheilige der Pioniere, Bordelle als Rückzugsorte für eine von täglicher Gewalt dominierte Macho-Gesellschaft.

Im Alten Westen kam in manchen Gegenden der "frontier", der Grenzterritorien, auf 100 Männer nur eine Frau, Saloons, mobile Bordelle und umherziehende Prostituierte bildeten da quasi das libidinöse Rückgrat der Eroberung Amerikas. Kein Wunder, dass klassische Western und Neo-Western, von John Ford bis Clint Eastwood, ihnen ein bildgewaltiges Denkmal setzten.

Etwas von dieser heimlichen Verehrung lässt sich auch in den Bildern der Frauen spüren, die McAndrews für "Nevada Rose" fotografiert hat: Sie arbeiten zwar im Verborgenen, aber sie sind unersetzlich.

Marc McAndrews, Nevada Rose - Inside the American Brothel, Umbrage Editions, 2011, 144 Seiten, Hardcover, 40 Dollar.

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