02.02.13

Hirnforschung

Wie Fremdsprachen lernen zum Kinderspiel wird

"He, she, it, das 's' muss mit" - Sprachenlernen ist Motivationssache, sagt Britta Hufeisen, Leiterin des Institutes für Sprachwissenschaft.

Von Fanny Jiménez
Foto: ullstein bild - Brockdorff

Chinesischunterricht für Kleinkinder in Berlin-Prenzlauer Berg
Chinesischunterricht für Kleinkinder in Berlin-Prenzlauer Berg

Med vänliga hälsningar, freundliche Grüße, best wishes, sincères salutations" steht unter der E-Mail von Britta Hufeisen. Sie leitet das Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft an der TU Darmstadt sowie das Sprachenzentrum der Hochschule, und sie spricht – selbstverständlich – gleich mehrere Sprachen fließend.

Die Autorin mehrerer Bücher erforscht Sprachenlernen und ist eine gefragte Expertin. Und sie räumt gern mit Vorurteilen auf. "Meiner Ansicht nach gibt es keine Begabung für das Sprachenlernen", sagt sie. "Das hören viele nicht gern, aber es ist so." Es gebe lediglich eine Sprachlernneigung, die das Lernen über die Motivation beeinflusst. Und eben diese sei für das Erlernen einer Sprache absolut zentral. "Sprachenlernen steht und fällt mit der Motivation."

Babys wollen "brabbeln"

Babys sind von Geburt an daran interessiert zu kommunizieren. "Unsere Gehirne sind für mehrere Sprachen eingerichtet", sagt Hufeisen. Für Kinder seien auch drei Sprachen keine Überforderung, egal, ob sie gleichzeitig oder nacheinander gelernt werden. Sitzen dann ältere Kinder aber in der Schule und sollen "He she it, das s muss mit" im Englischunterricht vorbeten, bleibt die Motivation oft auf der Strecke.

Das liegt vor allem daran, dass sich diese Art des Sprachenlernens von der natürlichen unterscheidet. Denn Lernen ist ein sehr individueller Prozess. Der Sprachforscher Klaus-Börge Boeckmann von der Uni Wien betont, wie wichtig es ist, das Lernen selbst zu initiieren und weitgehend selbst zu steuern.

Individuelle Lernleistung

Kompetenzen entwickeln sich bei Menschen schlicht unterschiedlich schnell und in unterschiedlichen Bereichen. Dazu kommt, dass das Gedächtnis eines jeden dieselben Inhalte auf verschiedene Art und Weise speichern kann. Ob Vokabeln und Grammatikregeln vom kurzlebigen Arbeitsgedächtnis ins Langzeitgedächtnis übergehen, hängt zum einen von der Motivation ab – denn das Gehirn macht nur Platz für das, was als bedeutsam erachtet wird.

Eine Anbindung der Lerninhalte an die persönliche Lebenswelt des Schülers sei unerlässlich, so Boeckmann. Zum anderen ist für die Erinnerung wichtig, dass Inhalte an möglichst vielen Orten im Gehirn verankert werden. Im Idealfall sollte Unterricht also an schon Bekanntes anknüpfen, sodass neues Wissen in bestehende Netzwerke eingebunden wird.

"Prozedurales" Wissen hält länger

Außerdem wird Boeckmann zufolge "prozedurales" Wissen besonders robust gespeichert. Das sind Handlungsabläufe, die als Einheit wahrgenommen werden; also etwa, wie man sich im Restaurant verhält. Diese Abläufe haben oft mit Menschen und Kommunikation zu tun – deshalb merkt man sie sich in diesen Zusammenhängen auch deutlich besser.

Nicht zuletzt ist es wichtig, möglichst viele Sinne anzusprechen. Auch das verbessert das Gedächtnis, weil es dem Gehirn ermöglicht, Wissen an verschiedenen Orten wiederzufinden. Wenn man etwa Jahre nach der letzten Schulstunde das längst vergessen geglaubte Spanisch wiederbeleben möchte, stellt man oft fest, dass es so eingerostet noch gar nicht ist. "Vergessen ist streng genommen meist kein Vergessen, denn oft kann verschüttetes Wissen wieder zugänglich gemacht werden", sagt Hufeisen.

Vergessenes wird leicht reaktiviert

Britta Hufeisen hat gleich mehrere Ideen, die helfen können, das Sprachenlernen lebensnah und damit erfolgreich zu gestalten. Sprachreisen sind eine Idee, denn da müsse man auf die Motivation meist nicht lange warten. "Wenn man beim Schüleraustausch in Frankreich plötzlich den schönsten Jungen der Welt trifft, was meinen Sie, wie schnell man dann Französisch lernt", sagt sie.

Hilfreich sei es auch, den eigenen Lerntyp zu kennen. Die meisten Menschen seien ein Mischtyp aus den vier Möglichkeiten auditiv, visuell, motorisch oder kognitiv orientiert. Während der eine sich fremdsprachliche Sätze im Gehen vorsagen muss, lernt der andere eher beim Aufschreiben. Grammatikregeln zu lernen mache für den kognitiv orientierten Typ Sinn. Das zu wissen kann Zeit und Nerven sparen.

Die Schule lehrt Sprache "als Ganzes"

Britta Hufeisen findet, dass in der Schule oft zu viel Augenmerk darauf verwendet wird, die Sprache in ihrer ganzen Struktur zu verstehen, indem man Grammatik paukt, statt sich der Sprache eher ganzheitlich zu nähern. "Diese kognitive Herangehensweise wird bei uns großgeschrieben", sagt sie. Das hieße aber nicht, dass alle Lerntypen davon gleichermaßen profitieren. Wer als Erwachsener eine Fremdsprache ganz neu erlernen will oder alte Kenntnisse auffrischen möchte, findet im Internet Angebote von kostenlosen Vokabeltrainern und Wörterbüchern wie Leo oder Linguee über Dienste wie Babbel, die für sechs Euro im Monat ein interaktives Programm anbieten.

Traditionelle Anbieter von Kursen ziehen nach. Angebote wie Rosetta Stone oder Langenscheidt IQ berücksichtigen alle Ergebnisse der Lernforschung. "Es ist wichtig, den Lerninhalt individualisieren zu können", sagt Kerstin Piejko von Langenscheidt IQ. Zunehmend gibt es dabei auch keinen Medienbruch mehr.

Für die Schulen ist Individualisierung kaum möglich, aber auch dort werden neue Ansätze entwickelt. Britta Hufeisen experimentiert etwa damit, Schülern mehrere Sprachen zugleich beizubringen. Dabei gibt es eine Brückensprache, die den Zugang zu einer ganzen Sprachfamilie erleichtert: etwa Französisch als Brücke für Italienisch, Spanisch und Portugiesisch. Das klappt gut, sagt sie. Letztlich sei aber jede Form des Lernens immer mit mentalen Anstrengungen verbunden. "Ein Zaubermittel gibt es nicht. Vokabeln muss man lernen wie den Dreisatz."

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