30.01.13

Verhütung

Wie gefährlich ist die Pille wirklich?

In Frankreich wird ein Präparat verboten, das "nebenbei" auch als Verhütungsmittel diente. Thrombose, Lungenembolie, nachlassende Fruchtbarkeit – die Liste der möglichen Nebenwirkungen ist lang.

Foto: dpa

Zweifel an der Pille sind so alt wie das Verhütungsmittel selbst. Immer neue Meldungen von starken Nebenwirkungen verunsichern Hersteller wie Frauen
Zweifel an der Pille sind so alt wie das Verhütungsmittel selbst. Immer neue Meldungen von starken Nebenwirkungen verunsichern Hersteller wie Frauen

Es scheint eine dieser "unendlichen Geschichten" der Medizin zu sein: die Vorwürfe gegen Verhütungsmittel. Bereits Anfang Januar wurden Anklagen aus den USA und der Schweiz gegen den Pharmakonzern Bayer und seine Antibabypillen bekannt. Jetzt ist in Frankreich das Akne-Medikament Diane 35 verboten worden – es stammt ebenfalls von dem deutschen Hersteller.

Das wegen seiner hormonellen Inhaltsstoffe auch zur Verhütung eingesetzte Präparat darf nur noch drei Monate lang vertrieben werden, teilte die französische Arzneimittelaufsicht (ANSM) mit. Anlass waren vier Todesfälle, die nach Ansicht der ANSM mit dem Medikament in Verbindung stünden. Das hätten Aussagen von Ärzten bestätigt, die von 125 weiteren Thrombose-Fällen nach dem Einsatz von Diane 35 gesprochen hätten.

Der ANSM-Chef Dominique Maraninchi hatte Ärzte bereits in den vergangenen Tagen dazu aufgefordert, das Medikament nur noch zur Behandlung von Akne zu verschreiben. Nun verschwindet es ganz vom Markt.

Das Präparat setzt auf die Wirkung des Hormons Gestagen. Im Fall von Diane 35 handelt es sich um das sogenannte Cyproteron, das gegen männliche Hormone vorgeht. Sie können auch im Körper der Frau für einen starken Haarwuchs oder Akne sorgen.

Hinweis im Beipackzettel

Bayer war in den vergangenen Tagen in die Offensive gegangen: Das Medikament – das auch in Deutschland erhältlich ist – sei nicht für die Empfängnisverhütung gedacht gewesen. Außerdem enthalte der Beipackzettel einen entsprechenden Hinweis, dass es zu einer Thrombose führen könne. Zudem sei es Aufgabe der Ärzte, ihre Patientinnen über Risiken aufzuklären.

Das seit 1987 zugelassene Akne-Mittel nutzen rund 315.000 Frauen in Frankreich. Seit Bekanntwerden der jüngsten Vorfälle waren bei der französischen Justiz 14 weitere Forderungen eingegangen. In Deutschland werde die Verschreibung von Diane 35 "sehr restriktiv" gehandhabt, sagte ein Sprecher des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn. Die Verschreibung des Medikaments ausschließlich zu Verhütungszwecken sei hierzulande "nicht mehr möglich".

In den USA geht die Klagewelle gegen Bayer unterdessen weiter. Tricia Pendergast aus Philadelphia wirft dem deutschen Hersteller vor, "ein unsicheres Produkt auf den Markt gebracht zu haben". Die junge Frau hatte die Hormonspirale Mirena verwendet, wobei es zu Komplikationen gekommen sei. Die Spirale hätte deswegen operativ entfernt werden müssen.

Hormonspiralen werden zur Empfängnisverhütung in die Gebärmutter eingesetzt und können bis zu fünf Jahre im Körper bleiben. Sie geben das weibliche Geschlechtshormon Gestagen ab, das normalerweise die weitere Entwicklung einer Eizelle verhindert, sofern sie befruchtet wurde.

Etliche Forderungen in den USA

Rund 15 Millionen Frauen verwenden Bayers Mirena weltweit. Doch der Pharmakonzern habe es versäumt, ausreichend auf mögliche Komplikationen hinzuweisen, die in letzter Konsequenz etwa das operative Entfernen der Gebärmutter erforderten, so Pendergast. Die Amerikanerin fordert nun Schadenersatz, das Bundesgericht in Philadelphia entscheidet über den Fall.

In den USA hatte Bayer bereits mit etlichen Vorwürfen zu kämpfen: Bis Oktober 2012 stellten 13.500 Frauen entsprechende Forderungen.

Der Großteil der Vorwürfe konzentriert sich aber auf die Anti-Baby-Pille. Die französische Regierung äußerte zu Beginn der Woche nicht nur Bedenken wegen des jetzt verbotenen Akne-Mittels Diane 35, sondern auch hinsichtlich der Verwendung der Pille aus dritter und vierter Generation. Die Regierung forderte die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) auf, die Verschreibung einzuschränken.

Anlass war die Klage einer jungen Französin, die sich ebenfalls gegen den Bayer richtet. Sie hatte die von dem Unternehmen produzierte Pille Meliane genommen und im Jahr 2006 einen Schlaganfall erlitten, der zu ihrer Schwerbehinderung geführt hatte.

Blutgerinnsel als Nebenwirkung

Auffällig ist: Bei den Nebenwirkungen der Pille geht es stets um Blutgerinnsel. Seit etlichen Jahren warnen Ärzte Frauen vor dem Risiko von Thrombose und Schlaganfall. Der in der Pille der dritten und vierten Generation verwendete Gestagen Drospirenon könnte für das Auftreten von Blutgerinnseln verantwortlich sein oder sie zumindest begünstigen.

Die EMA stellt das Produkt auf den Prüfstand, versicherte jedoch bereits, dass das Risiko einer Thrombose-Erkrankung bei Einnahme der Pille der dritten und vierten Generation "sehr gering" sei. Dafür, dass sich die Sicherheit des Verhütungsmittels geändert habe, gebe es "keine neuen Beweise". Für das Absetzen des Präparats gebe es demnach "überhaupt keinen Grund".

Schon Anfang Januar war ein ähnlicher Fall in der Schweiz bekannt geworden: Die Krankenkasse CSS fordert von Bayer 600.000 Schweizer Franken, etwa 480.000 Euro – die Summe, die die Behandlung einer jungen Frau gekostet hatte. Sie war nach der Einnahme der Pille Yasmin an einer Lungenembolie erkrankt, die ein verstopftes Blutgefäß auslöst, und ist seitdem schwerstbehindert.

Rücklagen für spätere Vorwürfe

Vorwürfe gegen die Präparate Yasmin und Yaz hatte es in der Vergangenheit bereits viele gegeben, weswegen Bayer offenbar vorgesorgt und Rücklagen in Höhe von 700 Millionen Euro gebildet hat. Seit der Übernahme der Berliner Schering AG ist der Konzern der weltweit bedeutendste Hersteller von Verhütungspräparaten. Laut Geschäftsbericht des Unternehmens macht es allein im Jahr 2011 ein Umsatz von 1,1 Milliarden Euro – nur mit den Anti-Baby-Pillen Yaz, Yasmin und Yasminelle.

Genauso lange, wie die Pille auf dem Markt ist, so lange halten sich die Zweifel bezüglich ihrer Nebenwirkungen. Besonders bekannt ist laut den Anklagen das Risiko einer Thrombose.

Die Pille der dritten und vierten Generation mit ihrer Kombination aus den künstlichen Hormonen Östrogen und Gestagen verdoppelt die Gefahr einer Gefäßerkrankung: Bei einer Einnahme der Pille über ein Jahr erleiden von 100.000 Frauen 30 bis 40 eine Thrombose, sagt Gerd Glaeske, Professor für Arzneimittelversorgungsforschung der Universität Bremen. "Das Problem ist, dass die meisten Frauen, die die Pille nehmen, völlig gesund sind. Erst durch das Einnehmen des Verhütungsmittel geraten sie überhaupt in die Gefahr, beispielsweise an einer Thrombose zu erkranken", so Glaeske. Besonders gefährdet seien darüber hinaus Frauen, die an Venenproblemen oder Übergewicht leiden oder erblich vorbelastet sind. Sie sollten sich regelmäßig untersuchen lassen oder ganz auf die Einnahme verzichten.

Gefährlicher für Raucherinnen

Aber auch äußere Einflüsse tragen zum Risiko einer Erkrankung bei: Die Einnahme der Pille gilt für Raucherinnen als höchst gefährlich. Bisher wenig bekannt ist die Verbindung zwischen der Pille und Gebärmutterhalskrebs. Wie Wissenschaftler der Berliner Charité herausfanden, erhöht die dauerhafte Einnahme des Verhütungsmittels die Wahrscheinlichkeit, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken. Bisher galt vor allem eine Infektion mit humanen Papillomviren (HPV) als hauptsächlicher Auslöser für den Krebs.

Als bedenklich gilt die Verwendung der Verhütungsmittels auch in Zusammenhang mit der Fruchtbarkeit. Je länger die Pille , die in Deutschland bis zum 21. Lebensjahr kostenlos ist, eingenommen wird, desto geringer sind die Chancen, ein Kind zu bekommen, befürchten Frauen.

Und auch wenn die Wahrscheinlichkeit, Mutter zu werden, nicht ausgeschlossen ist: Bis es zu einer Schwangerschaft kommt, könnten Monate oder Jahre vergehen. Eine berechtigte Sorge? "Der Zusammenhang ist noch nicht wissenschaftlich erwiesen, aber es kann natürlich sein, dass die dauerhafte Abgabe von Hormonen durch die Anti-Baby-Pille den Körper dazu veranlasst, die eigene Produktion zurückzustellen", so Glaeske.

Verhütung nur als Nebeneffekt wahrgenommen

Trotzdem nehmen Schätzungen zufolge sechs Millionen Frauen in Deutschland die Pille, im Alter von 18 Jahren sind es 80 Prozent. Die Gründe für die Einnahme sind vielfältig, längst ist es nicht mehr nur der Wunsch nach "sorglosem" Sexualverkehr: Teenager beispielsweise träumen von einem großen Busen – mit dem positiven Nebeneffekt, durch die Hormone auch eine reine Haut zu bekommen.

Genau das sei das Problem, sagt Gerd Glaeske. "Die Pille wird heute als Präparat für Haut und Haare verkauft, als ein Produkt aus der Kosmetikbranche", so der Experte. Dass es sich aber um ein Arzneimittel mit Geschlechtshormone handelt, gerate in den Hintergrund. Ebenso wie die vielfältigen unerwünschten Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme, die nachlassende Lust an Geschlechtsverkehr oder das mögliche Auftreten von Depressionen.

Weitere Verhütungsmethoden, etwa das Diaphragma – ein Gummi, das in der Vagina sitzt – gelten als weniger zuverlässig. Das Diaphragma "könnte doch verrutschen", schreibt eine Nutzerin des medizinischen Forums "med1". Ähnliches gilt für das Kondom. Dieses schützt bei richtiger Anwendung zwar relativ zuverlässig vor einer Befruchtung der Eizelle, wird aber oftmals als Ergänzung zur Pille und dann als Schutz vor der Übertragung von Aids und Geschlechtskrankheiten verwendet.

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Die Pille

Mehr als 50 Jahre Verhütung per Tablette

Fragen zur Pille
  • Wie wirkt die Pille?

    Die Pille enthält Gestagen und Östrogen, künstliche weibliche Hormone. Bei sogenannten Mikropillen handelt es sich um niedrig dosierte Kombinationspräparate, während die Minipillen reine Gestagen-Produkte sind. Die Antibaby-Pille greift in den Hormonhaushalt ein und gaukelt dem Körper im Grunde eine Schwangerschaft vor: Die Hormone verhindern den Eisprung und verändern den Schleimpfropfen am Gebärmutterhals, so dass Spermien nicht in die Gebärmutter oder den Eileiter vordringen können. Zudem wird keine Gebärmutterschleimhaut aufgebaut, in die sich befruchtete Eizellen einnisten könnten.

  • Pille vergessen - was nun?

    Die Minipille muss sehr pünktlich eingenommen werden, eine Verschiebung ist um maximal drei Stunden möglich. Wird die Einnahme der Mikropille einmal vergessen, kann dies binnen zwölf Stunden nachgeholt werden, ohne dass der Empfängnisschutz nachlässt. Im Zweifel geht man mit einem Kondom auf Nummer sicher.

  • Welche Vorteile hat die Pille?

    Neben dem Schutz vor Schwangerschaft sowie einem regelmäßigen Zyklus profitieren viele Frauen von einem besseren Hautbild. Zudem verringern sich Schmerzen während der Regel.

  • Was ist zu beachten?

    Die Pille schützt nicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten wie HIV. Bei der Einnahme bestimmter Medikamente wie Antibiotika oder Anti-Epileptika kann ihre Wirkung zudem beeinträchtigt sein. Auch Johanniskraut in konzentrierter Form kann den Empfängnisschutz abschwächen, ebenso Durchfall oder Erbrechen.

  • Welche Nebenwirkungen gibt’s?

    Die Pille kann zu Kopfschmerzen, Übelkeit, Stimmungsschwankungen oder Brustspannungen führen. Vor allem bei der Minipille kann es zu Schmier- und Zwischenblutungen kommen. Schwerwiegende Nebenwirkungen wie Thrombose, Lungenembolie, Herzinfarkt oder Schlaganfall sind nach Angaben des Berufsverbandes der Frauenärzte selten und betreffen vor allem Risikopatientinnen. Das Thromboserisiko, also das Risiko von Blutgerinnseln in den Adern, ist bei Raucherinnen, starkem Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes, aber auch familiärer Vorbelastung erhöht. Die Pille führt nicht automatisch zu einer Gewichtszunahme, aber die Hormone können Wassereinlagerung im Körper verursachen.

  • Zusammenhang: Pille und Krebs

    Es gibt Experten zufolge kein generell höheres Krebsrisiko. Untersuchungen zufolge führt die Mikropille aber möglicherweise zu einem leicht erhöhten Brustkrebsrisiko. Nach Absetzen der Pille geht das Risiko innerhalb von fünf Jahren wieder zurück. Normalerweise braucht ein Brustkrebs zur Entstehung 15 bis 20 Jahre. Wird die Pille länger als acht Jahre genommen, kann dies einer britischen Studie zufolge das Risiko für Gebärmutterhalskrebs erhöhen. Hingegen verringert die Pille das Risiko für Gebärmutterschleimhaut- oder Eierstockkrebs.

  • Was kostet die Pille?

    Die Kosten belaufen sich auf rund fünf bis 17 Euro im Monat. Die Pille ist verschreibungspflichtig. Bis zum 20. Lebensjahr werden die Kosten von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Allerdings müssen Frauen zwischen 18 und 20 Jahren die Rezeptgebühr und die Praxisgebühr pro Quartal bezahlen.

  • Welche Alternativen zur Pille

    Es gibt auch andere hormonelle Verhütungsmethoden, etwa als Drei-Monats-Spritze, Pflaster, Vaginalring oder sogenanntes Verhütungsstäbchen, das unter die Haut implantiert wird. Verhütet werden kann auch mit Diaphragma, Spirale, Portiokappe, Pessar oder natürlich mit Kondom. Im äußersten Notfall gibt es die „Pille danach", die bis zu fünf Tage nach ungeschütztem Sex geschluckt werden kann und eine Schwangerschaft verhindert.

  • Gibt es die Pille auch für

    Forscher suchen seit Jahren danach, bislang aber ohne Erfolg.

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