29.01.13

Narkolepsie

Von der Schlafkrankheit zur Nahtod-Erfahrung

Schlafen tut gut – solange es nicht zum Zwang wird: Von 10.000 Menschen leiden bis zu fünf Frauen und Männer in Deutschland unter der Schlafkrankheit Narkolepsie. Eine Heilung gibt es bisher nicht.

Foto: pa

In einem Schlaflabor im Universitätsklinikum Münster werden Biosignale eines Narkolepsie-Patienten auf einem Monitor überwacht: Menschen, die an der Schlafkrankheit leiden, schlafen tagsüber plötzlich ein – es gibt aber noch mehr Symptome, die von der Erkrankung hervorgerufen werden
In einem Schlaflabor im Universitätsklinikum Münster werden Biosignale eines Narkolepsie-Patienten auf einem Monitor überwacht: Menschen, die an der Schlafkrankheit leiden, schlafen tagsüber plötzlich ein – es gibt aber noch mehr Symptome, die von der Erkrankung hervorgerufen werden

Markus hat immer gerne geschlafen. Wenn der Wecker morgens klingelte, drehte er sich oft noch einmal um und döste fünf Minuten weiter. Dieses kurze Schlummern liebte er so lange, bis er vor einem Jahr nicht mehr richtig wach geworden ist.

Irgendwann schaffte es Markus kaum noch, mit offenen Augen ins Badezimmer zu gehen. Er nickte plötzlich beim Abendessen ein, oder konnte erst gar nicht aufstehen und schlief bis zu 20 Stunden am Stück. Als der 23-Jährige zum Arzt ging, bekam er die Diagnose Narkolepsie. Seitdem weiß Markus, dass er krankhaft müde ist.

"Meine Eltern haben mir erst nicht geglaubt", sagt der Student aus Münster. Schlafzwang – müde ist doch jeder mal. Dabei war die Dauerschläfrigkeit nicht einmal sein größtes Problem. Es kam vor, dass Markus morgens aufwachte und sich für mehrere Minuten nicht bewegen konnte. Im schlimmsten Fall lag er dann nicht nur von Kopf bis Fuß gelähmt im Bett, sondern kämpfte zudem mit Halluzinationen – so als würde er noch träumen.

Tag und Nacht geraten durcheinander

"Bei Narkolepsie-Patienten ist die Steuerung von schlafen und wachen gestört. Außerdem kommt es zu einer Fehlregulation des REM-Schlafes. Die drei Komponenten dieses Schlafstadiums – schlafen, träumen und gelähmt-sein – lösen sich voneinander", erklärt der Schlafmediziner Matthias Boentert vom Universitätsklinikum Münster. Von 10.000 Menschen gibt es nach seinen Angaben bis zu fünf Männer und Frauen die an der Krankheit leiden.

Der REM-Schlaf – oder auch Traumschlaf genannt – ist das Schlafstadium, in dem das Gehirn aktiv und der Körper gelähmt ist. Dies ist eine Erfindung der Evolution, damit wir unsere Träume nicht ausführen können. Er wechselt sich in regelmäßigen Abständen mit dem Non-REM-Schlaf ab, in dem das Gehirn inaktiver und der Körper bewegbar ist. Zumindest normalerweise.

Bei Narkolepsie-Patienten gibt es in diesem Steuerungssystem einen Wackelkontakt. Die Ursache hierfür ist wahrscheinlich eine Autoimmunerkrankung, durch die bestimmte Nervenzellen im Zwischenhirn absterben. Diese Zellen produzieren den Neurotransmitter Hypocretin, der an der Regulation des Schlaf-Wach-Rhythmus beteiligt ist. "Fehlt aber dieser Botenstoff, bricht der Tag in die Nacht und die Nacht in den Tag ein", sagt Boentert.

Keine Kontrolle über den Körper

Neben dem Leitsymptom der Schlafattacken leidet Markus unter sogenannten Kataplexien. Bei diesen Attacken erschlaffen plötzlich seine Muskeln und obwohl er hellwach ist, hat Markus vorübergehend keine Kontrolle über seinen Körper.

Bei seiner ersten Kataplexie wusste er deswegen nicht, ob er gerade träumt, oder überhaupt noch lebendig ist. Es war wie eine Nahtod-Erfahrung. Mittlerweile bekommt der 23-Jährige während einer Kataplexie keine Panik mehr. Denn er weiß: In ein paar Minuten ist es wieder vorbei.

Weil diese Attacken in der Regel durch starke Emotionen ausgelöst werden, ist Markus schon in den unpassendsten Momenten umgekippt: Beim lauten Lachen oder während er beim Kickern das Siegestor geschossen hat. Nachdem er sich wieder aufgerappelt hatte, schauten ihn Fremde oft abfällig an und dachten, Markus sei betrunken. Selbst seine Freunde waren irritiert.

Medikamente und ein fester Rhythmus helfen

Um solche Reaktionen zu vermeiden, trinkt Markus keinen Alkohol, steht jeden Morgen um Punkt 7.15 Uhr auf und geht abends zu festen Zeiten ins Bett. "Dadurch bekommt mein Tag eine Struktur und ich verzichte lieber auf gewisse Dinge als stundenlang schlafen zu müssen".

Neben diesen Verhaltensmaßnahmen, die den Schlaf-Wach-Rhythmus strukturieren, gibt es Medikamente zur Linderung der Krankheitssymptome. Dadurch hat Markus momentan kaum Probleme, wach zu bleiben – und wenn er tagsüber doch müde wird, legt er sich für ein paar Minuten hin. Damit gibt er seiner inneren Uhr wieder den Takt vor.

Nicht immer klappt das. "Ich habe mich bei der letzten Klausur so gut vorbereitet und dann, zack, lag mein Kopf auf dem Tisch und ich schlief ein", erzählte Markus. Doch das sei mittlerweile eine Ausnahme.

Quelle: dpa/oc
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