28.01.13

Nach Brandkatastrophe

Discobesitzer floh aus Angst vor Lynchjustiz

Brasiliens Behörden suchen nach den Schuldigen der Brandkatastrophe von Santa Maria. Vier Männer wurden bislang vorläufig festgenommen. Sie waren nach dem Brand zunächst geflüchtet.

Foto: dpa

Einer der zwei Disco-Besitzer (M.) wird von der brasilianischen Polizei abgeführt
Einer der zwei Disco-Besitzer (M.) wird von der brasilianischen Polizei abgeführt

Nach dem Feuer in einer brasilianischen Disco mit mehr als 230 Toten sind vier Männer vorläufig in Haft. Neben den beiden Besitzern des Nachtclubs handelt es sich um zwei Mitglieder der Band, deren pyrotechnische Show-Einlage den Brand vermutlich auslöste. Nach Medienberichten hatten alle vier kurz nach der Katastrophe die Stadt Santa Maria verlassen, weil sie Angst vor einer Lynchjustiz hatten. Vor allem die Diskotheken-Besitzer, von denen sich einer erst am späteren Montag freiwillig der Polizei stellte, müssen viele Fragen klären.

Einer der Besitzer, Elissandro Calegaro Spohr, räumte bereits ein, dass die Betriebserlaubnis der Disco seit August 2012 abgelaufen sei. Sie sei jedoch erneut beantragt. In den Genehmigungsverfahren wird unter anderem auch der Brandschutz begutachtet.

Er widersprach Zeugenaussagen, nach denen das Sicherheitspersonal des Clubs die Gäste nach Ausbruch des Feuers zunächst am Verlassen der Disco gehindert habe. Die Diskothek ist nach Medienangaben auf den Namen von Spohrs Mutter und der Schwester angemeldet.

Der Anwalt des Inhabers warnte davor, seinen Mandanten vorzuverurteilen. Die Behörden suchen noch die Aufnahmen der Sicherheitskameras des Clubs, die bislang verschwunden sind. Unterdessen äußerten Musiker der Band Zweifel, dass der Brand durch den als "Sputnik" bekannten pyrotechnischen Effekt entstand, der nur während eines bestimmten Liedes genutzt worden sei. Sie berichteten von einem Kurzschluss in Kabeln an der Decke. Die Band habe bereits einen anderen Song gespielt, als das Feuer begonnen habe.

75 Patienten auf Intensivstationen

In den Krankenhäusern von Santa Maria und Porto Alegre sind noch mehr als 75 Verletzte, die auf der Intensivstationen behandelt werden. Viele von ihnen sind nach den Worten von Gesundheitsminister Alexandre Padilha in Lebensgefahr. Es wird nicht ausgeschlossen, dass sich die Zahl der Todesopfer noch erhöht.

In Brasilien gilt eine dreitägige Staatstrauer. Die Flaggen wehten auf halbmast. Viele der Opfer wurden bereits am Montag auf den Friedhöfen der Universitätsstadt Santa Maria bestattet. Es kam zu erschütternden Szenen. Der Tag, an dem Brasilien eigentlich den Countdown für die 500 noch verbleibenden Tage bis zum Anpfiff der WM 2014 feiern wollte, wurde zum Trauertag.

Santa Maria beherbergt eine der größten öffentlichen Universitäten des Landes. Rund 100 der Opfer waren an der Universidade Federal de Santa Maria eingeschrieben, wie die Hochschule mitteilte. Zu der Tragödie kam es nach bisherigen Erkenntnissen, als die Band eine Art Leuchtfackel am Boden einsetzte, die hohe Funken sprühte. Dadurch geriet vermutlich das Dämmmaterial aus Isolierschaum an der Decke in Brand. Es verbreitete sich hochgiftiger Qualm. 90 Prozent der Opfer starben an Rauchvergiftung.

Deutsche Discos gut geschützt

Deutsche Diskotheken sind nach Einschätzung von Experten gut gegen Feuer geschützt. "Eine Brandkatastrophe, wie sie in Brasilien stattgefunden hat, ist in Deutschland eher unwahrscheinlich", sagte der Brandschutzexperte Hans-Jörg Scherbening vom Prüfkonzern Dekra. "Absolut ausschließen kann man das aber natürlich niemals."

Die brasilianischen Behörden veröffentlichten eine Namensliste von 231 Opfern, unter ihnen sind auch viele junge Menschen, die einen deutschen Nachnamen tragen. Im Bundesstaat Rio Grande do Sul leben viele deutschstämmige Brasilianer, die vor Generationen in das südamerikanische Land eingewandert sind. Aber nur eines der Opfer hatte nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa neben dem brasilianischen auch einen deutschen Pass.

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