27.01.13

Brasilien

In der Disco klingeln noch die Handys der Toten

Über 200 Menschen starben beim Brand einer Diskothek in Brasilien. Die Szenerie war gespenstisch: Immer wieder klingelten die Handy der toten Studenten. WM-Countdown-Feier wurde abgesagt.

Quelle: Reuters
27.01.13 0:46 min.
Nach der verheerenden Brandkatastrophe in einem Nachtclub im Süden Brasiliens ist die Zahl der Toten auf 245 gestiegen. Vielen Opfern war es nicht mehr gelungen, die Notausgänge zu erreichen.

Erst am Morgen danach wird die ganze Dimension der Brandkatastrophe von Santa Maria deutlich. Während einer völlig überfüllten Pressekonferenz zieht Major Cleberson Braida Bastianell die traurige Bilanz: 245 Tote, weitere 48 Verletzte, verteilt auf sechs Krankenhäuser der Region. Am Abend wird die Polizei die Zahlen nach unten korrigieren. Es seien 232 Menschen gestorben, sagte Polizeisprecher Rois Tavares. Weitere 131 Menschen seien verletzt worden.

Während der Pressekonferenz am Morgen stehen die Menschen noch immer fassungslos vor der Diskothek. Eltern suchen verzweifelt ihre Kinder, Jugendliche ihre vermissten Freunde. Guido de Melo von der lokalen Feuerwehr kann den wartenden Angehörigen nicht mehr viel Hoffnung machen. "Die meisten Opfer sind erstickt. Es gab offenbar eine große Panik und viele Menschen sind einfach niedergetrampelt worden. Ich habe in meiner ganzen beruflichen Laufbahn eine Tragödie so großen Ausmaßes noch nicht erlebt."

Erste traurige Antworten gibt es in einer Sporthalle in der Nähe. Lastwagen haben die ersten Leichen in das Centro Desportivo Municipal transportiert. Das Gelände wurde abgesperrt, um die Körper dort aufzubahren und sie für eine Identifizierung durch die Angehörigen vorzubereiten. Der TV-Sender "O Globo" berichtete, dass mit dem ersten Lastwagen 67 Leichen, mit dem zweiten Lkw-Transport 70 Tote abtransportiert wurden. Die Szenerie ist gespenstisch, in der Halle klingeln immer wieder die Handys der Toten, weil verzweifelte Angehörige versuchen sie zu erreichen.

Identifizierung der Toten wird noch Tage dauern

Dutzende Rettungswagen von Feuerwehr, Krankenhäusern und Polizei haben um jeden Meter Parkplatz auf dem schwer zugänglichen Gelände gekämpft. Die Diskothek liegt an einer abschüssigen engen Straße, was die Rettungsarbeiten zusätzlich behindert hat. Immer wieder müssen die Rettungskräfte Fragen der verängstigten Angehörigen beantworten, doch alles was sie tun können ist, auf die nahe gelegene Sporthalle zu verweisen. Sicher ist: Die Identifizierung der Opfer und damit die Ungewissheit auf all die quälenden Fragen, wird noch Tage an dauern.

Mit großen roten Buchstaben lockt das Wort "Kiss" von der Außenmauer des Klubs in Santa Maria die Gäste. Nun ist der Name der Disco zum Synonym für eine der fürchterlichsten Brandkatastrophen in der Geschichte Brasiliens geworden. Insgesamt 232 Menschen soll das Feuer in dem Klub das Leben gekostet haben, um die tatsächlichen Ausnahme der Tragödie zu erfassen, werden wohl noch Tage vergehen.

Auch viele deutsche Auswanderer leben hier

Und es ist nicht ausgeschlossen, dass die Zahlen noch weiter in die Höhe schießen. In den umliegenden Krankenhäusern kämpfen 131 Verletzte, viele davon schwer, mit dem Tod. Für sechs Patienten kam bereits jede Hilfe zu spät. Weitere Opfer sind in einem kritischen Zustand. Die Hospitäler sind zudem auf einen Unfall gar nicht eingestellt. An einem Sonntagmorgen fehlt es an Personal, an Medikamenten und an Betten.

Der Schauplatz der verheerenden Brandkatastrophe ist die Stadt Santa Maria. Sie liegt im südbrasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul. Rund eine Viertelmillion Menschen leben hier, in der Region sind auch viele deutsche Auswanderer zu Hause. In Santa Maria ist derzeit Hochsommer, viele Gäste der Diskothek wollten fröhlichen Sommerabend verbringen.

Erste Augenzeugenberichte vermitteln aber eine erste Skizze der Katastrophe. Indizien sprechen dafür, dass ein Feuerwerk den Großbrand ausgelöst haben soll. Eine Rockband, die für den Abend gebucht war, wollte ihren Auftritt mit einem pyrotechnischen Spektakel aufwerten.

Mit den Flammen kam der Rauch

Doch das Feuerwerk geriet außer Kontrolle und entzündete die Decke des Nachtklubs. In rasender Geschwindigkeit breitete sich das Flammenmeer aus. Mit den Flammen kam auch der beißende Rauch, der den Menschen die Sicht und die Luft zum Atmen nahm. Viele Gäste irrten offenbar in dem schwarzen, giftigen Qualm hilflos umher.

Wer nicht den Weg in Richtung Notausgang fand, sondern sich ohne Orientierung in die falsche Richtung bewegte, lief in den sicheren Tod. Stimmen die ersten Berichte, dann brach das Feuer gegen 2 Uhr am Morgen aus. Mehr als fünf Stunden brauchte die Feuerwehr, um den Brand unter Kontrolle zu bekommen. Laut Chefkommandant der Feuerwehr des Bundeslandes Rio Grande do Sul, Guido Predroso de Melo, war die Genehmigung des Planes für die Vorsorge im Brandfall im August 2012 abgelaufen.

Behinderten Sicherheitskräfte die Menschen?

Die Genehmigung wird von der lokalen Feuerwehr nach einer Inspektion erteilt, und ohne Genehmigung sollte die Disco erst gar nicht öffnen dürfen. "Laut den ersten Informationen sind die meisten Personen erstickt. Nur wenige hatten Brandverletzungen. Wir haben auch die Informationen, dass die Sicherheitskräfte die Personen beim Verlassen der Disco aufgehalten hätten und dass die Disco überfüllt war."

Die Diskothek Santa Maria war ein beliebter Treffpunkt. Ab Abend der Katastrophe waren mehr als 2000 Menschen im Klub zu Gast. Wie viele Gäste beim eigentlichen Ausbruch des Feuers anwesend waren, ist ungewiss. Weil die Stadt gleichzeitig eine der größten Universitäten des Landes beherbergte, ist der Klub auch bei Studenten beliebt, die hier am Wochenende gerne feierten. Auch dieser Abend war eine von Studenten organisierte Party.

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff reagierte sofort. Die mächtigste Frau Südamerikas brach noch am Sonntag ihren Aufenthalt beim EU-Lateinamerika-Gipfel ab, an dem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnahm. Rousseff wollte sich persönlich ein Bild von der Katastrophe in Santa Maria machen. Bevor sie in Santiago de Chile ins Flugzeug stieg, sagte sie unter Tränen: "Ich möchte der Bevölkerung unseres Landes und von Santa Maria mitteilen, wie sehr wir in diesem Moment der Trauer zusammenstehen." Die Präsidentin ordnete drei Tage Staatstrauer an.

Countdown-Feier abgesagt

Angesichts der Brandkatastrophe ist die für den Montag geplante Feier des Countdowns für die letzten 500 Tage bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in dem südamerikanischen Land abgesagt worden. Die Organisatoren des Ereignisses, das in Brasilia stattfinden sollte, sprachen den Angehörigen der Opfer ihr Mitgefühl aus.

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