27.01.13

Forscheralltag

Schneller Tweet nach Flucht der Laborratte

Junge Wissenschaftler berichten via Twitter von Pleiten, Pech und Pannen in ihrem Laboralltag. Die Forscher wollen damit zeigen, dass sie ganz normale Menschen sind, die auch Fehler machen.

Foto: dapd

Wenn der Versuch im Labor völlig daneben gegangen ist, dann hilft am Ende manchmal nur noch eine Verabredung mit den Kommilitonen zu einem Drink an der Bar
Wenn der Versuch im Labor völlig daneben gegangen ist, dann hilft am Ende manchmal nur noch eine Verabredung mit den Kommilitonen zu einem Drink an der Bar

Eine Laborratte, die aus dem Käfig flüchtet, Versuche, die in einer Bar endeten, oder Forschungsprotokolle in einer unverständlichen Sprache: Auch in der Wissenschaft passieren Pleiten, Pech und Pannen – und das scheinbar gar nicht mal so selten.

Nur darüber sprechen möchte natürlich niemand, aber das ist ja auch verständlich, schließlich soll doch alles mit rechten Dingen zugehen zwischen Reagenzglas und Doktorarbeit. Wer gibt da schon gerne Fehler zu?

Junge Forscher offenbar! Denn seit Anfang Januar posten Tausende von ihnen unter dem Twitter-Hashtag "Overlyhonestmethods" ihre amüsantesten Ausrutscher aus dem Laboralltag.

Offen und ehrlich, scheinbar ohne jegliches Schamgefühl angesichts gescheiterter Versuche oder akuter Unlust, plaudern die jungen Wissenschaftler über ihre Fehltritte.

So erzählt Sarah@fictiveworld von ihrer desaströsen Datenanalyse, die auf einem Nickerchen im Hörsaal beruht, während Amy Freitag, Doktorandin der Umweltökologie aus North Carolina, in 140 Zeilen zugibt, dass sie nicht genug Austern untersuchen konnte, weil der Rest unauffindbar gewesen sei – die Meerestiere waren zwischen zwei Versuchen wohl gegessen worden.

Experiment im Kühlschrank vergessen

Selbstbeweihräucherung war gestern – heute geben sich junge Wissenschaftler, zumindest jene auf Overlyhonestmethods, keine Mühe mehr, ihr Misslingen unter den Laborschrank zu kehren oder Fehler so marginal aussehen zu lassen, als seien sie nur mit dem Mikroskop erkennbar.

Und das Konzept kommt gut an: Der Twitter-Kanal hat trotz seines kurzen Bestehens bereits rund 2100 Follower aus der ganzen Forschungswelt. Begonnen hat die Erfolgsgeschichte mit einem Tweet von "dr_leigh", einer Doktorandin der Gehirnforschung.

Sie war es, die als Erste von einer vorübergehenden "wissenschaftlichen Zerstreutheit" berichtete: "Die Inkubation dauerte drei Tage. Das ist exakt die Zeit, die der Student das Experiment im Kühlschrank vergessen hatte."

Dass das Zugeben von Fehlern und das Eingestehen von Faulheit per Twitter ein solcher Erfolg werden würden, hat Leigh selber nicht geglaubt: "Overlyhonestmethods ist ja nur dafür gedacht zu zeigen, dass wir Wissenschaftler echte Menschen sind. Wir sind nicht so steif und steril wie unsere Veröffentlichungen. Auch wir machen Mittagspausen – auch wenn das in den Laborbüchern nicht vermerkt wird."

Ohne Kaffee keine Forschung

Wer jetzt denkt, dass die Witze für Laien nicht verständlich wären, irrt. Auch wenn hin und wieder Fremdworte in den meist englischsprachigen Einträgen fallen, kommen doch genauso oft ganz alltägliche "Weisheiten" zum Vorschein.

So schreibt etwa ein Doktorand auf Overlyhonestmethods, dass sich alle Wissenschaftler in einer Hinsicht einig sind: Freitags gehen Experimente grundsätzlich schief. Oder ebenso wichtig zu wissen: Ohne die 20-Dollar-Kaffeemaschine wären auch die 250.000-Dollar-Laborgeräte völlig nutzlos!

Während es auch Kritiker an dem Kanal gibt, sieht ihn eine Mehrheit der Twitter-Nutzer als großen Gewinn für die Forschung. Overlyhonestmethods wird von Bloggern als "beste Idee überhaupt" gefeiert, mitunter sogar schon als "Hashtag des Jahres" bezeichnet. Warum?

Tweets gegen ein verstaubtes Images

Die Tweets machen nicht nur Spaß, sondern tragen auch dazu bei, dass verstaubte Image der Wissenschaft zumindest in Teilen abzulegen und Interessenten zu begeistern, sagt Doktorandin und Overlyhonestmethods-Nutzerin Atif Kukuswadia.

Ihr bekanntester Eintrag: "Wir wissen nicht, wie die Ergebnisse beschafft wurden. Der Post-Doktorand, der die ganze Arbeit gemacht hat, hat inzwischen eine Bäckerei aufgemacht" – wurde mehr als 200 mal geteilt und mehr als 100 Mal favorisiert.

"Die Tweets sollen witzig sein, ulkig. Es geht darum zu zeigen, dass auch Wissenschaftler Humor haben und diesen gerne mit anderen teilen", sagt Kukuswadia. Und das scheint gut zu funktionieren.

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