23.01.13

Esoterik

"Es gibt die Freiheit, Unsinn zu glauben"

Professor Hartmut Zinser forscht kritisch über Esoterik. Er erklärt, warum Pendel, Orakel und Jenseitskontakte zu Irrtümern führen – und wieso asiatischer Glaube so fasziniert.

Foto: Rolf Zoellner
Hartmut Zinser leitet ein Projekt zur „Rückkehr der Religionen“
Hartmut Zinser leitet ein Projekt zur "Rückkehr der Religionen"

Hartmut Zinser, Jahrgang 1944, ist pensionierter Professor für Religionswissenschaften an der Freien Universität Berlin. Er hat sich lange kritisch mit Esoterik und Okkultismus beschäftigt, war Mitglied der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" des Deutschen Bundestages. Daneben leitet er ein Forschungsprojekt zur "Rückkehr der Religionen".

Berliner Morgenpost: Wird Esoterik immer noch stärker?

Hartmut Zinser: Esoterische und okkulte Vorstellungen sind zu einem Teil unserer Alltagskultur geworden. Dies könnte noch weiter zunehmen mit der Verschärfung der sozialen Fragen, also Arbeitslosigkeit, Orientierungs- und Perspektivlosigkeit.

Berliner Morgenpost: Sind das Antriebe, Interesse an Esoterik zu zeigen?

Zinser: Ich habe in Untersuchungen Menschen gefragt. Die Gründe waren im Wesentlichen: Interesse am Außergewöhnlichen. Neugier. Und Unterhaltung. Diejenigen, die tatsächlich esoterische Praktiken in Anspruch nehmen, nennen Orientierungs- und Entscheidungshilfe als Grund. Da die Frage "Wie soll ich etwas entscheiden?" immer schwieriger wird in unserer Gesellschaft, fürchte ich, dass wir eine weitere Zunahme kriegen werden.

Berliner Morgenpost: Und man gibt die Entscheidung ab?

Zinser: Viele esoterische Praktiken sind Orakelpraktiken, also Divinationspraktiken, um den Willen der Götter einzuholen. Das habe ich bei Teenagern beobachtet, die mit dem Pendel entscheiden, ob der neue Freund, die neue Freundin richtig ist. Ich habe aber auch einmal im Hunsrück einen Unternehmer getroffen, der umbauen wollte, dann über den Plänen gependelt hat und den Auftrag nicht angenommen hat. Da war ich platt. Allerdings manipulieren die Esoteriker die Vorgänge auch und behalten sich damit ein Stück Selbstbestimmung. Sie schwanken zwischen abgeben und behalten.

Berliner Morgenpost: Was fasziniert die Leute?

Zinser: Die Menschen, die so etwas benutzen, meinen, dass es sich um eine Form von Wissen handelt. Manche glauben auch, dass es höheres Wissen ist, zu der die Wissenschaft erst noch kommen muss. Es ist einfach, zugänglich, kostengünstig. Die Esoterik behauptet nicht nur, dass es ein Jenseitiges gibt und sie darauf Zugriff hat, sondern auch dass sie darüber Macht hat. Das Geheimnis vermittelt ein Machtgefühl. Diese Machtfantasien faszinieren sehr viele Leute.

Berliner Morgenpost: Wie Verschwörungstheorien.

Zinser: Das liegt nahe. Der Verschwörungstheoretiker weiß, wo es langgeht, er hat teil daran. Esoteriker sind aber kein einheitliches Gebilde. Eine Vielzahl von Individuen findet sich mal zusammen, spaltet sich dann wieder. Wem es in einer Gruppierung nicht passt, wechselt in die nächste. Es sind in der Regel strenge Individualisten, die sich vielleicht zeitweise unter einen Guru unterordnen, dann aber oft genug Distanz wahren.

Berliner Morgenpost: Gibt es respektable esoterische Angebote?

Zinser: Nein. Das gibt es nicht. Alle esoterischen Praktiken sind Interpretationen von Vorgängen, aber nicht der Vorgang selber. Nicht einmal eine Beschreibung. Und Interpretation lässt sich nicht nachweisen. Das Pendel etwa wird durch un- oder halbbewusste Mechanismen gesteuert, die man beobachten kann, wenn man etwa einen Flipperspieler ansieht. Sie wissen, was ein Flipper ist?

Berliner Morgenpost: So alt bin ich, ja.

Zinser: Sie sind also nicht wie meine Studenten. Die Füße des Flipper-Spielers bewegen sich stets mit. Viele Vorstellungen, die wir haben, setzen sich in Körperbewegungen um. Da gehen Wünsche und Ängste mit ein. Deshalb schwingt das Pendel in eine bestimmte Richtung. Esoterik interpretiert einen natürlichen Vorgang in eine bestimmte Richtung – und das gilt für alle Praktiken.

Berliner Morgenpost: Und es gibt keinen Spielraum?

Zinser: Es gibt ungeklärte Sachen, die wir nicht wissen. Aber mit der esoterischen Interpretation von Geistern und Göttern ist nichts anzufangen. Man kann die meisten Praktiken zerpflücken. Aber die Leute wollen einen Zugang dazu haben. Das ist eigentlich eine Kritik an unserer Kultur. Die Kunst ist langweilig, bietet nicht die Unterhaltung, die sie bieten müsste. Die Kirchen bieten nicht den Zugang zum Außergewöhnlichen. Und die Wissenschaft befriedigt die Neugier nicht.

Berliner Morgenpost: Was halten Sie von der "feinstofflichen Welt"?

Zinser: Ich weiß nicht, was das sein soll. Es gibt Stoff oder es gibt Geist. Stoff unterliegt den von der Physik herausgefundenen Regeln – oder es ist etwas anderes, das den Regeln unterliegen soll und zugleich auch nicht. Das geht nicht. Es gibt Dinge, bei denen die Physiker sagen, das haben wir nicht geklärt. Aber Unwissenheit ist kein Grund, etwas zu vertreten oder zu glauben. Ich kenne keine einzige esoterische Interpretation, die den Gegenständen, den Prozessen gerecht wird. Und ich kenne keine einzige Sache, die man als esoterisch legitim interpretieren darf.

Berliner Morgenpost: Zum Beispiel?

Zinser: Schauen Sie sich die Rutengänger an, die fleißig Wasseradern finden. Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften hat 1990 den Kasseler Wünschelrutentest durchgeführt. Man hat festgestellt, dass alle Rutengänger ihre Aussagen nicht wiederholen konnten und die Ergebnisse im Bereich des Zufalls lagen. Der Mensch hat das Bedürfnis, dass etwas so ist, wie er es möchte.

Berliner Morgenpost: Und was ist mit Leuten, die Kontakt zum Jenseits haben?

Zinser: Das ist eine Selbstaussage. Es gibt die Freiheit, auch Unsinn zu glauben. Das ist eine Privatangelegenheit. Problematisch ist, wenn derjenige meint, dieses angebliche Wissen gegen Honorar an Dritte weiterzugeben. Gefährlich wird es, wenn es um Heilungsprozesse geht, wenn Leute krank sind und deswegen nicht zum Arzt gehen.

Berliner Morgenpost: Und dann?

Zinser: Dann brauchen wir den religiösen Verbraucherschutz. Wir haben wenig Handhabe, wenn wir die Religionsfreiheit nicht einschränken wollen. Wir können bloß Geschäftemacher verantwortlich machen. Wenn eine Auskunft nicht stimmt oder etwas nicht klappt: Geld zurück. Wenn man ein Auto kauft, das nicht fährt, kriegt man ja auch sein Geld zurück. Ein entsprechender Vorschlag ist aber gescheitert.

Berliner Morgenpost: Was aber, wenn esoterische Praxis hilft?

Zinser: Das sind Glaubenssachen.

Berliner Morgenpost: Sie beschäftigen sich auch mit der Rückkehr des Religiösen. Das hängt doch mit dem Esoterik-Boom zusammen.

Zinser: Was es gegeben hat, war ein Prozess der Entkirchlichung. Wir haben eine Individualisierung des Religiösen. Das kann man an der Vielzahl kleiner christlicher Gruppen sehen. Esoterik ist das, was von den großen Religionen ausgeschieden wird, als herätisch etwa, oder was von der Wissenschaft verworfen ist. Jeder bastelt sich seine Religion zusammen. Religionsfreiheit bedeutet auch die Freiheit zur Esoterik.

Berliner Morgenpost: Warum fasziniert die asiatische Welt so?

Zinser: Die Menschen wollen wissen, was ist richtig, was ist falsch? Das Fremde ist da attraktiv, man kann sich faszinieren lassen. Sehen Sie sich einmal an, was dem Buddhismus alles zugeschrieben wird: Freiheit, Gleichheit, Vernunft. Das sind die bürgerlichen Ideale, haben aber mit dem realen Buddhismus, etwa in Tibet, gar nichts zu tun.

Berliner Morgenpost: Ist da jeder empfänglich?

Zinser: Es gibt Personen, deren psychisches Gerüst so beschaffen ist, dass sie nicht loslassen können, und wenn sie einer Sache aufsitzen, hängen sie daran. Man weiß es von sich selber nicht, ob man nicht aufsitzen könnte. Ich hoffe also, dass ich mit 68 Jahren nicht mehr reinfalle. Aber im Alter wird man ja wunderlich.

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